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Nicht verzeichnete Fluchtbewegungen


"Spontane musikalische Einfälle enthüllen oft erst später ihren Sinn": Der Begriff "Sinn" bezieht sich bei Wolfgang Hamm (Jahrgang 1944) nicht nur auf die innermusikalische Logik, sondern auch auf den Kontext, in dem die Musik eine weitergehende, außermusikalische (und bei Hamm bedeutet das wohl auch: politische) Bedeutung erlangt. Der zitierte Satz steht in den Erläuterungen zur Komposition "Fenster nach Bali", in der Hamm elektronisch verarbeitete, musikalische Fragmente mit Aufnahmen von Naturklängen aus Bali zu einer Klangcollage verbindet. Die komponierten und in der Natur aufgezeichneten Teile entstanden dabei unabhängig voneinander, offenbar entstand die Idee einer Verbindung erst später - dennoch ergibt sich daraus eine homogenes, in sich geschlossenes Werk.

Das Nebeneinander von "am Schreibtisch" komponierter Musik und elektronisch aufgezeichneten Klängen und Geräuschen zieht sich als Grundprinzip durch alle Stücke der vorliegenden CD. In der Titel gebenden Komposition "Nicht verzeichnete Fluchtbewegungen" hört man über einem ostinaten Bass-Motiv, später über einer (von Claudio Puntin wunderbar gespielten) Klezmer-Musik immer wieder fahrende Eisenbahnzüge: Ambivalentes Symbol für die Deportation der Juden im Nationalsozialismus einerseits, für eine vielleicht geglückte Flucht andererseits. Hamms Musik ist ausgesprochen assoziationsreich. Zwar ist es hilfreich, die (sehr konkreten) Erläuterungen des Komponisten gelesen zu haben, aber bewahrt sich genug Offenheit und ist wohl auch ohne Kommentar aufgrund der ihr eigenen Faszination zu "verstehen".

Bezeichnenderweise finden sich unter den Stücken auch Filmmusiken (zu Dokumentarfilmen), die in besonderer Weise den engen Zusammenhang zwischen inner- und außermusikalischen Problemen belegen. Hamm beschränkt sich keineswegs darauf, filmische Bilder mit Musik zu untermalen, sondern setzt mit hohem künstlerischem Anspruch die Idee des Filmes auf musikalischer Ebene um. Daraus mag sich auch eine gewisse Formlosigkeit, abruptes Abbrechen der Musik erklären, die sich offenbar gelegentlich an den Bildschnitt zu halten hat, auf der CD aber mitunter irritiert.

Auf die Spitze getrieben wird das kompositorische Verfahren in der "Musik zu einem imaginären Film": Filmmusik ohne Film, eine Collage, in der sich Babygeschrei, Fahrgeräusche bis hin verdichten bis hin zu Explosionen, verwoben mit einer über minimalistischen Motiven aufgebauten Musik - soweit sich Geräusch und Musik überhaupt unterscheiden oder gar trennen lassen. Das Geräuschhafte wird jedoch nicht "ästhetisiert", sondern bildet einen konkreten Kontext der Musik - damit wären wir wieder beim Begriff des Sinnhaften. Vordergründig wird Hamm dabei nie, und das macht wohl auch die Stärke dieser CD aus.


Von Stefan Schmöe






Cover

Nicht verzeichnete Fluchtbewegungen
Kompositionen von Wolfgang Hamm

Nicht verzeichnete Fluchtbewegungen
Moskau - ein Hörstück
Eine innere Mongolei (Hommage an Joseph Beuys)
Musik zu einem imaginären Film
American Beauty Ltd.
Fenster nach Bali


Ausführende:
Wolfgang Hamm
(piano, keybords, etliche Schlaginstrumente)
Claudio Puntin (Klarinette)
Michael Riessler (Klarinette, Bassklarinette)
u.a.

Traurige Tropen
TRTR 009




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