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Stimmen einer verlorenen Welt

Einen reichen Fundus einzigartiger Gesangsaufnahmen bieten David Polnauer und Axel Weggen mit ihrer Veröffentlichung früher Schallplattenaufnahmen von Synagogen- und Kantoralgesängen aus Ungarn. Acht Kantoren, teils begleitet von einem Knaben- bzw. Männerchor, Orgel oder Klavier, im Titelgesang Boi B'scholom sogar von einer urwüchsig dargebotenen Violinkantilene mit expressiven Glissandi, - acht Kantoren singen in charakteristischer Expressivität und Innigkeit Gebete der hohen jüdischen Feiertage und der Sabbatliturgie. Hier wird die ehemals weitverbreitete Musikpraxis der osteuropäischen Synagoge anhand historischer Aufnahmen ungarischer Plattenfirmen eindrucksvoll dokumentiert.

Gleich in sieben Gesängen von nahezu zwanzig Minuten Dauer aus dem Jahr 1924 beeindruckt der Budapester Kantor Leopold Holzer mit seiner virtuosen Stimmgebung. Äußerst sparsam durch harmonische Klaviereinwürfe unterstützt, erhabt sich über weite Strecken eine erstaunlich koloraturfähige Tenorstimme mit allen Tugenden des Belcanto. Diese Gesänge illustrieren in hervorragender Weise den historischen Hintergrund für Jens Fischers Feststellung (Große Stimmen, Stuttgart 1993, S. 518), an Opernsängern jüdischer Herkunft seien oftmals Atemgebung, Reinheit der Tongebung und Koloraturfähigkeit als spezielle Vorzüge zu rühmen. Wie andere seiner Kollegen hat auch Holzer Angebote als Opernsänger erhalten, aber aus religiösen Gründen ausgeschlagen. Wundert es da, daß selbst Enrico Caruso jede Gelegenheit nutzte, der Stimme von Synagogenkantoren zu lauschen?

Die südosteuropäische Aussprache des Hebräischen bei Holzer, z.B. im Gesang "Owini malkeni", ist gegenüber der allgemein aschkenasischen, polnisch-litauischen Artikulation (Owinu malkenu) etwas gewöhnungsbedürftig. Kantoren dieser Sprachgemeinschaft wie auch Josef Fisch, von dem eine undatierte Aufnahme zu hören ist, hatten in Israel mitunter erhebliche Schwierigkeiten, in den dominierenden polnisch-russischen Gemeinden akzeptiert zu werden, wie Polnauer in seiner kenntnisreichen Einführung anmerkt.

Neben den Charakteristika der kantoralen Stimmkunst lassen sich auch die verschiedenen musikalischen Einflüsse auf die ungarische Synagoge ausmachen. Dabei belegen die Aufnahmen ein europäisches Netzwerk, in dem sich orthodoxe Strenge, chassidische Aufgeschlossenheit gegenüber nichtjüdischem Melodiegut und der geregelte Gottesdienst mit Orgelbegleitung der reformierten Synagoge begegneten. Gleich einem Opernfinale mutet einem die Keduscha des Musafgebets ("Narizcho") an, in der die Solostimme auf einem mehrmals wiederkehrenden Chormotiv zu tanzen scheint.

Nicht alle Einspielungen konnten störungsfrei umgeschnitten werden. Dies gilt in erster Linie für die Gesänge, die noch vor dem ersten Weltkrieg eingespielt worden waren. Gelegentliche Intonationstrübungen in einzelnen Chorstimmen weisen nicht sosehr auf eine mangelhafte Einstudierung hin als auf eine Authentizität der Aufnahme hin, die durchweg mit einfachsten Mitteln auch in der ungarischen Provinz bewerkstelligt wurden. Die Choreinsätze kommen äußerst präsent und zeugen von einer hohen Musikalität. Leider werden dem interessierten Hörer die diskographischen Angaben der Originalplatten vorenthalten. Allein die Namen der Solisten und das Jahr der Aufnahme ist jeweils vermerkt. Die Titel scheinen ohne Revision von den originalen Tonträgern entnommen worden zu sein. Auch fehlen titelbezogene Erläuterungen. Nur dem Kenner der synagogalen Liturgie erschließt sich daher ein Titel wie "Lukel Buruch": es handelt sich um die Passage aus dem Schema-Gebet des Morgengottesdienstes "La-el baruch neimot jitenu". Wer sich nach der Lektüre des Booklets ganz dem Höreindruck widmet, erhält aber einen tiefen Eindruck von der verlorenen Welt des ungarischen Kantorengesanges.



Von Adalbert Osterried, München






Cover

Boi Bscholom
Stimmen einer verloreren Welt.

Ungarische Kantorenkunst
zwischen 1906 und 1929

Historische Aufnahmen von
Tkatsch Izrael (1906)
Philipp Rosenschein (1908)
David Csernowsky (1908)
Samuel Grünwald (1908)
Fülöp Weiser (1910)
Leopold Holzer (1924)
Salomon Stern (1929)
Jozsef Fisch (?)


zusammengestellt von
Rabbi David Sandor Polnauer
und Axel Weggen


Handlung HA001
Vertrieb:
Handlung Kft.
Ördögmalom u. 11
H-1131 Budapest
Tel./Fax: (+36-1) 359-8459

weitere Informationen über
NIGUN
Verein zur Pflege jüdischer Musik
Springwall 16
47051 Duisburg




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