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Vom Gähnwert, Ewigkeitsfaktor und Genusshöhe einer Oper

Konrad Beikircher: "Palazzo Bajazzo - Ein Opernführer"


Von Frank Becker
November 2004


Was haben wir nicht schon alles über Opern gelesen: kluge gelehrte Werke, voluminös und umfassend - aber trocken. Oder handliche Taschenausgaben, knapp und gerafft - aber nicht informativ genug. Die meisten geben sich seriös, manche versuchen es scherzhaft. Wenn man sie alle hat und auch benutzt, kann man vieles zitieren. Jetzt aber gibt es einen, der das alles vereint. Die Rede ist von "Palazzo Bajazzo", einem Opernführer von Konrad Beikircher, der damit an seinen erfolgreichen zweibändigen Konzertführer anknüpft.

Im Gespräch mit dem Online Musik Magazin betont Konrad Beikircher, wie sehr ihm die "scheinbar antiquierte Kunst der Oper" am Herzen liegt und wie aufmerksam und erfreut er als begeisterter Opernfan deren "Riesen-Renaissance" während der letzten 20 Jahre beobachtet hat. Um sein Scherflein zum Überleben, besser: Wiederaufleben der Oper beizutragen, hat er dem Verlag Kiepenheuer & Witsch, der auch seine Kabarett-Texte verlegt und den Konzertführer herausgebracht hat, den Vorschlag dieses etwas anderen Opernführers unterbreitet. Töricht der Verlag, der dieses Ansinnen abgelehnt hätte. Nun liegt er vor uns, der erste Band mit Monteverdi, Pergolesi, Haydn, Mozart, Beethoven, Meyerbeer, Bellini, Verdi, Offenbach, Smetana, Saint-SaŽns und Leoncavallo.

Die Lektüre ist kurzweilig, die Texte sind erfrischend, die Informationen erschöpfend. Was muss man als Opernbesucher, der sich nicht in den Olymp der Opernkritik drängen möchte, mehr wissen, als: Biographisches über Komponist und Librettist, Entstehungsgeschichte des Werks, Überliefertes der Uraufführung und Aufführungsgeschichte, Dramatis personae mit exakter Zuweisung der Stimmlage, Orchesterbesetzung im Detail, Anmerkungen über Besonderheiten und Dauer, Handlung, Hinweise auf Details, die man übersehen könnte?
Zu guter Letzt gibt es eine dezidierte Bewertung. Die der Oper innewohnende Magie wird anhand der Anzahl spitzer Zauberer-Hüte bewertet, Erotik mit hochhackigen Pumps, Rührung mit nassgeheulten Papiertaschentüchern (Fazzoletti), Gewalt mit Handschellen, gähnende Langeweile mit Schlafmützen, Moral mit Bischofshüten, Ewigkeit mit Heiligenscheinen, Gourmet-Qualitäten mit Sternen, wie es sich gehört. Und der Gesamteindruck zählt den Durchschnittswert schließlich an Operngläsern ab. Möglich sind jeweils 1-5 Symbole, das macht es auch dem Laien deutlich.

Verdis "Falstaff" zum Beispiel kommt mächtig gut weg: fünf Punkte in Magie und Erotik, ebenfalls je fünf in Moral und Gourmet, nur drei Fazzoletti (pro Akt ein Taschentuch und eine Lachträne), nur je eine Handschelle und eine Schlafmütze, also absolut jugendfrei und überhaupt nicht langweilig. Trotz nur dreier Ewigkeitspunkte bleibt unter dem Strich eine Gesamtwertung von fünf Operngläsern. Das will man sich doch bald selbst mal anschauen! Noch einen Tic besser kommen Verdis "Othello" und Mozarts "Don Giovanni" davon, die durchgängig Höchstwertungen erhalten. Haydn, Bellini und Smetana müssen sich mit drei Operngläsern begnügen, bleiben aber wie Meyerbeer und Mozarts "Entführung" von der ewigen Verdammnis verschont.

Fazit: Ein unbedingt lesenswertes Buch, das in jede gut sortierte Musikbibliothek gehört und anders als andere Opernführer mal wieder in die Oper lockt. Die sechs Seiten Anhang mit kundigen CD-Tipps von Wolfram Goertz, Musikredakteur der Düsseldorfer Rheinischen Post, runden das Vergnügen ab mit auf den Punkt gebrachten Rezensionen und Empfehlungen im Telegramm-Stil.
Übrigens: Wer jetzt und hier Wagner, Richard Strauss, Rossini, Donizetti und Puccini vermissen sollte, kann sich auf Band 2 freuen - Beikircher: "Ich bin schon fleißig und mit viel Vergnügen dabei!"



Lesen Sie auch unsere Besprechung von Konrad Beikirchers Konzertführer Andante spumante und Scherzo furioso





Cover


Konrad Beikircher
Palazzo Bajazzo.
Ein Opernführer.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004.
371 Seiten mit Register
Hardcover 22,90 Euro
ISBN 3-462 03372-7









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