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Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
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Auf den Spuren der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts
Der im Dezember 2012 verstorbene Jonathan Harvey gilt als einer der bedeutendsten britischen Komponisten der Gegenwart. Und doch werden seine Werke selten in Deutschland aufgeführt. Der israelische Dirigent Ilan Volkov , der wiederholt in den letzten Jahren für seine Interpretation der Orchesterwerke Harveys ausgezeichnet wurde, und das transparent, homogen und präzise aufspielende WDR-Sinfonieorchester Köln präsentieren im Rahmen der Ruhrtriennale nun die deutsche Erstaufführung des Zyklus Glasgow Trilogy – drei große Orchesterwerke, die Harvey als „Composer in Residence“ (2005-2008) für das BBC Scottish Symphony Orchestra komponierte. Harveys Orchesterklangwelt lotet differenziert die Zwischentöne aus, die verschiedenen Farben zwischen leisem Geräusch und Ton, zwischen Ordnung und Chaos, Klang und Einzelton. Beseelt von der Erfahrung buddhistischer Reinigungsrituale in einem tibetanischen Kloster beginnt der Komponist 2005 sich musikalisch mit der Läuterung von Körper, Sprache und Seele auseinanderzusetzen. „towards a Pure Land“ beschreibt diesen kreisenden, kathartischen, von differenzierter, fast meditativer Wahrnehmung geprägten Weg zwischen einem ruhigen, zarten, lichten Bild, - deren liegende Klänge von Glocken eingeleitet werden und wie aus dem Nichts erwachen, um in ätherische Höhen zu gleiten – und einem Zustand hektischer, geräuschhafter Unruhe mit schneller werdenden Rhythmisierungen und flüchtigen Motiven. 2006 setzt Harvey seine Klangerforschung mit Body Mandala fort. Nach einem kurzen lauten Schlag auf die große Trommel, beginnt ein an Alphörner erinnernder, körperhafter Bassklang der Posaune in pulsierenden Schwingungen. Nach einigen Wiederholungen konterkarieren schnelle, rhythmisierte Tonwiederholungen von Trompeten und hektische, melodisch springende Holzbläserfiguren die Scheinruhe. Auch hier werden neue Ebenen beschritten, erklingen wiederholte, rhythmisierte Einzeltonketten in transformierten farblichen Schattierungen bis Geräusch und Ton ausgewogen in einem heterogenen Schlussakkord und Ton zusammenfinden. Harveys letzter Teil der Trilogie Speakings wird 2008 vollendet, bildet den mittleren Satz der Trilogie und ist dem Thema Läuterung der Sprache gewidmet. Sprache und Musik werden elektronischen, transformierenden Prozessen unterworfen, sodass – aufgrund der Gestaltähnlichkeit - nicht mehr unterscheidbar ist, ob es sich um natürliche Instrumentenfarben oder transformierte handelt. In der Bochumer Jahrhunderthalle sind – anders als vom Komponisten vorgesehen – natürliche und elektronische Farben getrennt. Die für die Live-Transformation benötigten Laptops werden von einem Mitarbeiter des IRCAM (das von Pierre Boulez gegründete Institut de Recherche et Coordination acoustique in Paris) „gespielt“ und befinden sich außerhalb des Orchesters. Die Klänge werden per Lautsprecher auf die Bühne zurückgeworfen. Ein- und Mehrstimmigkeit der homophon verlaufenden, in Rhythmus und Melodie gleichen elektronischen Transformationen und natürlichen Orchesterfarben, der Stimmen und ihrer instrumentenähnlichen Transformationen fügen sich trotz räumlicher Aufteilung zu faszinierenden, mehrstimmigen, neuen Klangwelten zusammen.
Vor der Pause erklingt Alban Bergs 1935 in nur wenigen
Monaten komponiertes Violinkonzert. Es ist seine
letzte vollendete Komposition - ein Auftrag des
Geigers Louis Krasners, der auch die Solistenpartie
der Uraufführung 1936 in Barcelona übernimmt. Das Werk
ist „dem Andenken eines Engels“ gewidmet. Gemeint ist
Manon Gropius, die mit neunzehn Jahren an den Folgen
einer Kinderlähmung starb.
Bergs zweisätziges Werk ist eine Stilsynthese aus
unterschiedlichsten Motiven. Neben Quintenmotiv,
zwölftönigem Reihenthema, scherzhaft, wienerisch und
ländlich-derb erklingt gegen Ende des ersten Satzes
eine Kärnter Volksweise. Kennzeichnend für den zweiten
Satz sind ein kadenzartiger Beginn, eine großangelegte
Steigerung, bei der sich der Rhythmus des Themas immer
mehr durchsetzt und die Variationen über den
Bachchoral „Es ist genug“.
Solistin des Abends ist die 1985 geborene Alina
Ibragimova. Mit schwingenden Körperbewegungen setzt
sie den Bogen, sodass der obertonreiche, zarte
Geigenklang geradezu ätherisch, wie aus dem Nichts
aufzusteigen scheint. Ihr Instrument, eine Anselmo
Bellosio-Geige von ca. 1775, vermag jedoch – trotz
eines kraftvollen, ruhigen Bogenstrichs, trotz
Schönheit und Präzision – die Ausdruckvielfalt und
überströmende Lebensfreude Bergs insbesondere im
ersten Satz nicht wirkungsvoll genug umzusetzen.
Im zweiten Satz jedoch gelingen Solo und Orchester
eine grandiose Steigerung und transparent und
ausdrucksstark gestaltete Choralvariationen, in denen
die Feinheiten der polyphon verästelten Partitur vor
Augen geführt werden.
Harveys Orchesterwerke sind eine Bereicherung und sollten stärker im Konzertrepertoire berücksichtigt werden. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
ProduktionsteamMusikalische Leitung
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- Fine -