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Musikfestspiele
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Händel-Festspiele 2015 in Halle (Saale)

30.05.2015 - 14.06.2015

Semiramide

Dramma per musica in zwei Akten (1733) (HWV A8)
Libretto von Pietro Metastasio (Rom 1729, Musik: Leonardo Vinci
Musik von Leonardo Vinci und Georg Friedrich Händel mit eingefügten Arien von Nicola Porpora, Leonardo Leo und Francesco Feo

In italienischer Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2 h 40' (eine Pause)

Produktion Theater an der Wien in der Kammeroper

Premiere im Goethe-Theater Bad Lauchstädt am 12. Juni 2015
(rezensierte Aufführung: 14.06.2015)

 

 

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Tanzbar "Babilonia"

Von Thomas Molke / Fotos Händel-Festspiele Halle

Die Geschichte der historischen assyrischen Königin Schammuramat (Semiramis), die nach dem Tod ihres Gatten Nino in den Jahren 810 - 806 v. Chr. anstelle ihres Sohnes geherrscht haben soll und deren hängende Gärten im kulturellen Bewusstsein geblieben sind, hat im 17. und 18. Jahrhundert zahlreiche Komponisten inspiriert. So soll es über 100 Opernproduktionen zu diesem Sujet geben. Eine Vielzahl von diesen Vertonungen basiert auf Pietro Metastasios Libretto Semiramide riconosciuta. Nicola Porpora und Leonardo Vinci, zwei führende Komponisten dieser Zeit, die heute nur noch eingefleischten Opernfans ein Begriff sind, starteten 1729 quasi zeitgleich eine Vertonung. Händel wird wohl beide Fassungen gekannt haben, entschied sich allerdings für Vincis Fassung, als er das Stück 1733 in London zur Aufführung bringen wollte. Dazu kürzte er die vorhandenen Rezitative und komponierte die restlichen komplett neu. Die Sopranpartie der Titelfigur transponierte er für einen Mezzo, weil die Darstellerin für London, Margherita Durastanti, mittlerweile einen Fachwechsel vollzogen hatte. Da es ihm gelang, für die Partie des Scitalce den berühmten Kastraten Carestini zu verpflichten, wurde die Tenorpartie in einen tiefen Mezzosopran verlegt. Hinzu kam aber auch, dass Carestini forderte, zahlreiche Arien für ihn einzufügen, die dramaturgisch in gar keinem Zusammenhang zum Stück standen.

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Willkommen im Tanzlokal "Babilonia": Sibari (Gaia Petrone)

Alan Curtis hat sich nun entschieden, für die Produktion des Theaters an der Wien, die im Rahmen der Händel-Festspiele nun auch im Goethe-Theater Bad Lauchstädt zu erleben ist, eine Mischform zu erstellen, die einerseits den größten Teil der Rezitative aus Händels Fassung übernimmt, bei den Arien in der Regel allerdings auf Vinci zurückgreift. Die Partie des Scitalce wird wieder von einem Tenor interpretiert. Eingefügt werden auch einzelne Arien weiterer Barockkomponisten, die Curtis als Verbesserung von Vincis Vertonung betrachtet. Die Arie Sibaris, "D'amor traffito sei", stammt aus Leonardo Leos 1728 uraufgeführten Oper Argene und ist genauso bereits in der Händel-Fassung enthalten wie die Arie Ircanos, "Qual nocchier, che vana ogn'opra", aus Francesco Feos Andromaca. Aus Händels Oper Scipione stammt Semiramides erste Arie, "Voi non sapete quanto", die Händel selbst allerdings nicht in seine Fassung einfügte. Zu guter Letzt greift Curtis auch noch auf Vincis Rivalen Porpora zurück und integriert mit Sibaris Arie "Come all'amiche arene" und Tamiris Arie "Ei d'amor quasi delira" zwei Stücke aus Porporas gleichnamiger Vertonung. So entsteht ein Opern-Pasticcio, das diesen Namen wirklich verdient.

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Tamiri (Gan-ya Ben-Gur Akselrod) interessiert sich für Scitalce (hier: Andrew Owens).

Anders als in der heutzutage bekannteren gleichnamigen Oper von Gioacchino Rossini, die auf Voltaires Sémiramis basiert, wird in Metastasios Libretto der Titelfigur nicht unterstellt, ihren Mann Nino ermordet zu haben. Die Herrschaft hat sie hier nur übernommen, da ihr Sohn Nino zu weich ist, um sich als Herrscher über Assyrien behaupten zu können. Dafür schlüpft sie in die Rolle ihres Sohnes. Als die baktrische Prinzessin Tamiri unter drei Bewerbern ihren zukünftigen Bräutigam auswählen will, trifft Semiramide neben ihrem Bruder Mirteo, dem ägyptischen Prinzen, und dem skythischen Prinzen Ircano auch auf den indischen Prinzen Scitalce, der vor vielen Jahren unter dem Namen Idreno an den ägyptischen Hof gekommen war und gemeinsam mit ihr fliehen wollte. Durch eine Intrige von Semiramides Vertrautem Sibari, der Scitalce glauben ließ, dass Semiramide ihn in eine Falle gelockt und betrogen habe, kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen Scitalce und Semiramide, und Scitalce glaubte, die Prinzessin getötet zu haben. Nun treffen die beiden am assyrischen Königshof erneut aufeinander. Semiramide liebt Scitalce immer noch, doch er glaubt weiterhin, dass sie ihn damals verraten habe. Daher wendet er sich Tamiri zu, die sein Werben erhört. Nach zahlreichen weiteren Verwicklungen kann Sibari als der eigentliche Übeltäter überführt werden. Semiramide gibt sich als Herrscherin zu erkennen und darf Königin bleiben. Gleichzeitig versöhnt sie sich mit Scitalce, und Tamiri wählt Semiramides Bruder Mirteo zum Gatten.

Francesco Micheli verlegt das antike Babylon in einen Tanzsaal der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts und nennt dieses Lokal wie zahlreiche italienische Tanzlokale der 1960er Jahre "Babilonia", wobei der Name für Exotik und Freiheit stehen soll. König ist hier der beste Tänzer, und bereits während der Ouvertüre macht Semiramides Sohn Nino, der in einer stummen Rolle besetzt ist, deutlich, dass er diesen Titel niemals erlangen wird. Während der einleitenden Sinfonia versucht Semiramide, ihrem Sohn die Urne ihres Gatten und einen Tanzstock zu übergeben, der hier wohl für das königliche Szepter steht, doch Nino kann beide Sachen nicht bewältigen und zeigt viel größeres Interesse an dem Abendkleid seiner Mutter. So tauscht Semiramide kurzerhand mit ihrem Sohn die Rollen und schlüpft in einen Anzug, während er in farblichem Kontrast als Assistentin auf der Bühne sekundiert. Alessio Calciolari beweist in der stummen Rolle des Nino eine enorme Bühnenpräsenz und begeistert mit beeindruckender Mimik und Gestik. Die drei Bewerber um die baktrische Prinzessin Tamiri präsentieren sich als Teilnehmer eines Tanzwettbewerbs und bekommen nicht nur von Sibari ein Emblem auf den Rücken, mit dem sie in den Wettbewerb gehen, sondern machen auch noch auf sechs zusammengesetzten großen Würfeln in knalligen Farben Werbung für sich. Weiße Fädenvorhänge rahmen den Tanzsaal ein. Aus dem Schnürboden hängt der Name der Lokalität als blaue Neonröhre herab. Das angedeutete Rund eines Amphitheaters spielt darauf an, dass sich alle in diesem Etablissement auf einer Bühne befinden. Auf der linken Seite führt eine Treppe in die Galerie empor, wohin sich Semiramide zurückzieht, um in die Rolle ihres Sohnes zu schlüpfen.

Dieser Ansatz geht im Großen und Ganzen auf, auch wenn der Giftbecher, mit dem Sibari seinen Rivalen Scitalce aus dem Weg schaffen will, in diesem Ambiente etwas unmotiviert wirkt. Der Brief, den Scitalce einst erhalten hatte und der ihn glauben ließ, dass Semiramide ihn verraten habe, ist auf einem Plakat für einen Tanzwettbewerb gedruckt, auf dem Semiramide noch als ägyptische Prinzessin abgebildet ist. Soll der Verrat also eine Intrige bei einem lang zurückliegenden Tanzwettbewerb sein, bei dem dann Semiramides verstorbener Gatte Nino zum besten Tänzer gekürt wurde? Dass Scitalce im zweiten Teil von Semiramide eingesperrt wird, wirkt in diesem Umfeld ebenfalls ein bisschen konstruiert.

Musikalisch bewegt sich die Vorstellung auf absolutem Festspielniveau. Çiğdem Soyarslan begeistert in der Titelpartie mit eindringlichem Spiel und großem leuchtenden Sopran, der in den Koloraturen eine stupende Beweglichkeit besitzt und auch zu dramatischen Ausbrüchen fähig ist. Zu nennen ist hier vor allem ihre große Arie "Fuggi dagl'occhi miei" im zweiten Akt, in der sie Scitalce ihren Zorn darüber ins Gesicht schleudert, ihr Herz an einen grausamen Menschen verschenkt zu haben. Ganz andere Töne schlägt sie zu Beginn des zweiten Aktes an, wenn sie in der Gleichnis-Arie "Il pastor se torna aprile" dem Traum hingibt, Scitalces Herz doch noch für sich gewinnen zu können. Optisch gelingt es Soyarslan ebenfalls sehr gut, in die Hosenrolle zu schlüpfen. Gan-ya Ben-Gur Akselrod glänzt als Prinzessin Tamiri mit mädchenhaftem Sopran und strahlenden Höhen. Doch auch Akselrod beweist ihre Vielseitigkeit, wenn sie zum Ende des ersten Aktes in ihrer Arie "Ei d'amor quasi delira" Genugtuung für ihre Zurückweisung verlangt. Gaia Patrone verkörpert den durchtriebenen Intriganten Sibari mit flexiblem Mezzo und eindringlichem Spiel.

Auch die drei Herren lassen keinerlei Wünsche offen. Petter Moen begeistert als Scitalce mit strahlendem Tenor und leuchtenden Höhen. Countertenor Jake Arditti glänzt als Mirteo mit stupenden Höhen und großartigen Koloraturen, die vor allem in seiner großartigen Arie "In braccio a mille furie" zum Ausdruck kommen, wenn Mirteo Scitalce für den Mörder seiner Schwester hält. Igor Bakan überzeugt als Ircano mit profundem Bass und setzt darstellerisch vor allem komische Akzente. Als szenischer Höhepunkt darf sicherlich seine Arie im zweiten Teil, "Qual nocchier, che vana ogn'opra" , betrachtet werden, wenn er sich nach seiner Entwaffnung durch Mirteo noch nicht geschlagen geben will. In Zeitlupen-Slapstick setzen Petrone, Arditti und Calciolari Bakan bei seiner Arie dermaßen zu, dass er am Ende schreiend über die Galerie flüchtet. Rubén Dubrovsky rundet mit dem Bach Consort Wien die Vorstellung musikalisch hervorragend ab, so dass es am Ende lang anhaltenden Applaus für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Die diesjährigen Händel-Festspiele erreichen nicht nur in den Zuschauerzahlen einen Rekord, sondern auch die letzte Produktion im Goethe-Theater Bad Lauchstädt erweist sich szenisch und musikalisch als weiterer Höhepunkt.

Weitere Rezensionen zu den Händel-Festspielen 2015 in Halle

 

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Rubén Dubrovsky

Inszenierung / Ausstattung
Francesco Micheli



Bach Consort Wien

 

Solisten

Semiramide
Çi
ğdem Soyarslan

Tamiri, baktrische Prinzessin
Gan-ya Ben-Gur Akselrod

Sibari, Vertrauter Semiramides
Gaia Petrone

Mirteo, ägyptischer Prinz
Jake Arditti

Scitalce, indischer Prinz
Petter Moen

Ircano, skythischer Prinz
Igor Bakan

Nino, Semiramides Sohn
Alessio Calciolari

 

Weitere
Informationen

erhalten Sie unter
Händel-Festspiele in Halle
(Homepage)



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