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Rossini in Wildbad
Belcanto Opera Festival
10.07.2015 - 26.07.2015


Festkonzert Marianna Pizzolato
Arienabend Rossini I und II

Camerata Bach Chor Posen
Virtuosi Brunenses
Musikalische Leitung: José Miguel Pérez-Sierra

In italienischer Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2 h 20' (eine Pause)

Aufführung in der Trinkhalle am 16. Juli 2015

 

 

 

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Arienkonzert der Variationen

Von Thomas Molke / Foto von Matilde Fassò


Marianna Pizzolato zählt seit ihrem Debüt beim Rossini Opera Festival Pesaro im Jahr 2003 als Marchesa Melibea in Il viaggio a Reims zu den gefragten Rossini-Interpretinnen des Mezzo-Faches und feiert mittlerweile an zahlreichen Bühnen auf der ganzen Welt Erfolge als Tancredi, Malcolm (La donna di lago), Andromaca (Ermione), Isabella (L'Italiana in Algeri) und vor allem als Angelina (La Cenerentola). Auch bei Rossini in Wildbad ist sie seit vielen Jahren ein gern gesehener Gast und hält dem Festival wohl auch aufgrund ihrer persönlichen Verbundenheit zu Raúl Giménez, der hier seit vielen Jahren in der Akademie BelCanto junge Talente fördert, die Treue. In diesem Jahr konnte Pizzolato für ein Festkonzert zur Eröffnung des Festivals gewonnen werden und hat aus drei Rossini-Opern ein Programm zusammengestellt, das neben dem reinen Belcanto-Genuss auch aus musikhistorischen Aspekten sehr interessant ist. So stellt sie von einzelnen Arien und Kavatinen Variationen einander gegenüber, die Rossini für unterschiedliche Sängerpersönlichkeiten der damaligen Zeit komponiert hat.

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Marianna Pizzolato

Den Anfang macht Rossinis Melodramma eroico Tancredi, zu dem Pizzolato eine ganz besondere Beziehung haben dürfte, da sie mit der Titelpartie ihr Operndebüt 2002/2003 in Piacenza feierte. Pizzolato eröffnet den Abend mit Tancredis berühmter Auftrittsarie "Di tanti palpiti", in der Tancredi voller Freude seine Rückkehr in die Heimat Syrakus besingt. Pizzolato begeistert hierbei mit samtig weichem Mezzo und lässt die innige Liebe des Titelhelden mit betörender Wärme spürbar werden. Im Anschluss daran präsentiert sie die Version, die bei der Uraufführung 1813 in Venedig zu hören war. Die damalige Sängerin der Titelpartie, Adelaide Malanotte, war nämlich mit der von Rossini vorgesehenen Auftrittsarie unzufrieden und verlangte eine Alternative, die in ihrer Struktur virtuoser sein sollte. So komponierte Rossini die Kavatine "Dolci d'amor parole" mit einem neuen Rezitativ und wurde Malanotte damit zwar einerseits durch anspruchsvollere Koloraturen gerecht, schrieb andererseits aber für die erste Violine einen Solopart, womit das Instrument der Protagonistin die Schau zu stehlen drohte. Als sich der Erfolg nach der Premiere nicht einstellte, soll Rossini Malanotte gebeten haben, die ursprünglich vorgesehene Arie zu singen, die sich dann zu einem regelrechten Gassenhauer entwickelte. Pizzolato beweist bei dieser Variation eine enorme Beweglichkeit in den Koloraturen, so dass es dem heutigen Hörer schwer fällt zu entscheiden, welche Variante man denn jetzt eigentlich vorziehen soll. Liga Kuzmane macht den Solopart der Violine bei diesem Stück zu einem weiteren Höhepunkt.

Noch abenteuerlicher verhält es sich mit dem Ende des Stückes, da es hier per se zwei unterschiedliche Fassungen gibt. In der ersten Fassung (Venedig-Fassung) gibt es ein glückliches Ende für Tancredi und Amenaide, wie es für die damalige Operntradition üblich war. In der zweiten Fassung (Ferrara-Fassung) endet die Oper tragisch, und Tancredi stirbt in Amenaides Armen. Giuditta Pasta, die erfolgreichste Interpretin des Tancredi in den 1820er Jahren, wollte zwar das lieto fine aus der Venedig-Fassung, verlangte allerdings eine Schlussarie und keine Gran Scena mit großem Finale. Da Rossini ihr diese Arie nicht komponierte, legte sie kurzerhand eine Arie aus Giuseppe Nicolinis 1801 in Parma uraufgeführten Oper Il conte di Lenosse vor, die Rossini mit einigen Verzierungen ausstattete. So erhielt die Pasta ihr ganz eigenes Ende der Oper, das heute so auf den Bühnen nicht mehr zu erleben ist, unabhängig davon, welche Fassung gespielt wird. Pizzolato macht mit stupenden Höhen auch diese unbekannte Arie zu einem Bravourstück.

Es folgt das Trinklied des Pippo aus der Oper La gazza ladra, die mit der Partie des Pippo nur eine ganz kleine Partie für einen Mezzosopran bereithält. Als bei einer Wiederaufnahme der Oper in Neapel 1819 Rosmunda Pisaroni sich bereit erklärte, diese Nebenrolle zu übernehmen, fühlte sich Rossini verpflichtet, ihr eine größere Auftrittsarie zu bieten. Er bediente sich der Arie des Siveno "Pien di contento" aus seinem Frühwerk Demetrio e Polibio, die er textlich und in der Orchesterbesetzung ein wenig umgestaltete, und so entstand "Beviam, tocchiamo a gara", womit Pizzolato nach der Pause startet. Auch hier begeistert Pizzolato erneut mit weichen, beweglichen Koloraturen.

Den Abschluss macht dann L'Italiana in Algeri, wobei Pizzolato zunächst auf die berühmte Auftrittsarie Isabellas, "Cruda sorte", verzichtet. Für die Aufführung in Vicenza 1813 musste Rossini diese Arie nämlich für die Interpretin der Titelpartie, Marietta Marcolini, austauschen. Pizzolato bringt die Alternativ-Fassung zu Gehör und glänzt erneut durch stimmliche Perfektion. Dass es zum berühmten Rondò "Pensa alla patria" auch eine Variation gibt, ist wohl vor allem der Zensur geschuldet, der die ursprüngliche Fassung zu patriotisch klang. So gibt es zunächst die eher buffonesk angelegte Arie "Sullo stil de' viaggiatori", bei der Pizzolato von César Arrieta als Lindoro und Marco Simonelli als Pompeo begleitet wird. Im Anschluss daran präsentiert Pizzolato das ursprüngliche Rondò und fasziniert mit wunderbar beweglichen Koloraturen.

Die Virtuosi Brunenses erweisen sich unter der musikalischen Leitung von José Miguel Pérez-Sierra als kongenialer Partner und tragen Pizzolato mit Virtuosität durch die einzelnen Arien und Kavatinen. In den drei Ouvertüren können sie allerdings nur bedingt überzeugen. Vielleicht ist es der Hitze geschuldet, dass sie bei der ersten Ouvertüre, Tancredi, noch etwas unkonzentriert wirken und das Zusammenspiel vor allen Dingen bei den Blechbläsern nicht ganz harmoniert. Bei der Ouvertüre zu La gazza ladra hat man das Gefühl, das Orchester wolle das Trommelfell des Publikums zum Platzen bringen. Hier wäre ein bisschen weniger mehr gewesen, zumal sich bei dem martialisch tönenden Spiel auch erneut kleine Ungenauigkeiten einschleichen. Nur in der letzten Ouvertüre zeigt sich das Orchester so gut wie in der Begleitung Pizzolatos. Vielleicht hat man sich auf L'Italiana in Algeri aber auch schon ein bisschen besser eingestellt, da die Premiere dieser Oper ja am Sonntag zu erleben sein wird.

Als Zugabe präsentiert Pizzolato dann noch "Cruda sorte" aus L'Italiana in Algeri, um auch hier die Variation komplett zu machen. Da das begeisterte Publikum trotz der tropenhaften Temperaturen keine Ruhe geben will, gibt es zum Abschluss dann noch einmal "Di tanti palpiti".

FAZIT

Marianna Pizzolato wird die im Festkonzert vorgestellten Arien samt Variationen auf CD herausgeben, was für jeden Raritäten-Sammler eine enorme Bereicherung seines Bestandes darstellen dürfte.

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Ausführende

Marianna Pizzolato, Mezzosopran

Camerata Bach Chor Posen
(Leitung: Ania Michalak)

Virtuosi Brunenses
(Leitung: Karel Mitá
)

José Miguel Pérez-Sierra, Musikalische Leitung


Werke

Gioachino Rossini

Tancredi
Auftrittsarie des Tancredi (Venedig 1813)
Nr. 3 Recitativo e Cavatina
"Oh patria! - Tu che accendi"

Auftrittsarie des Tancredi (Alternative Venedig 1813)
Nr. 3a Recitativo e Cavatina
"O sospirato lido - Dolci d'amor parole"
Solovioline: Liga Kuzmane
Eco: Marina Viotti

Ouvertüre
Andante marcato - Allegro

Schlussarie des Tancredi für Giuditta Pasta,
aus Il conte di Lenosse 
von Giuseppe Nicolini (Parma 1801)
mit Variationen von Rossini
Nr. 17b Cavatina "Il braccio mio conquise"
Männerchor des Camerata Bach Chor Posen

La gazza ladra
Trinklied des Pippo (Mailand 1817)
Nr. 5 "Tocchiamo, beviamo"
Camerata Bach Chor Posen

Auftrittsarie des Pippo (Alternative Neapel 1819)
Nr. 5a Recitativo e Cavatina
"Deh! lasciate - Beviam, tocchiamo a gara"

Ouvertüre
Maestoso marziale - Allegro

L'Italiana in Algeri
Auftrittsarie der Isabella (Alternative Vicenza 1813)
Nr. 4 Recitativo e Cavatina
"Cessò alfin la tempesta - Cimentando i venti e l'onde"
Männerchor des Camerata Bach Chor Posen

Arie der Isabella (Alternative Neapel 1815)
Nr. 15a Recitativo e Arie
"Perché ridi Pompeo? - Sullo stil de' viaggiatori"
Lindoro: César Arrieta
Pompeo: Marco Simonelli
Männerchor des Camerata Bach Chor Posen

Ouvertüre
Andante - Allegro

Rondò der Isabella (Venedig 1813)
Nr. 15 Recitativo e Rondò
"Amici, in ogni evento - Pensa alla patria"
Männerchor des Camerata Bach Chor Posen


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