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Opernfestspiele Heidenheim

18.06.2017 - 30.07.2017

Der fliegende Holländer

Romantische Oper in drei Akten
Musik und Text von Richard Wagner

in deutscher Sprache (mit Übertiteln)

Aufführungsdauer: ca. 2 h 25' (keine Pause)

Premiere im Rittersaal Schloss Hellenstein / *Festspielhaus Congress Centrum in Heidenheim am 7. Juli 2017
(rezensierte Aufführung im Rittersaal Schloss Hellenstein: 28.07.2017)

 


 

 

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Derniere als Premiere

Von Thomas Molke / Fotos: © Oliver Vogel

Das hat es in der Geschichte der Opernfestspiele Heidenheim sicherlich noch nicht gegeben. Erst die letzte Aufführung der für den Rittersaal im Schloss Hellenstein geplanten Produktion des fliegenden Holländers kann wirklich auf der Freilichtbühne stattfinden und stellt somit eine Art Premiere dar. Für alle anderen vorherigen sieben Aufführungen musste man ins 2009 errichtete Festspielhaus im Congress Centrum ausweichen. Zwar wird das Bühnenbild für die Produktionen auf der Freilichtbühne mittlerweile so konzipiert, dass auch bei schlechten Witterungsverhältnissen kurzfristig eine szenische Präsentation im Festspielhaus möglich ist, das besondere Flair der Open-Air-Veranstaltung kann dabei aber nur begrenzt eingefangen werden. Die zahlreichen Regentage haben aber auch für die in diesem Jahr einzige Aufführung im Rittersaal ihre Spuren hinterlassen. So ist die Übertitelungsanlage in Mitleidenschaft gezogen worden und es muss bei der Derniere auf Übertitel verzichtet werden. Des Weiteren wird auch die ursprünglich eingeplante Pause nach dem ersten Akt ausgelassen, um eine knappe halbe Stunde einzusparen, da man trotz des trockenen Wetters von sommerlich heißen Temperaturen noch weit entfernt ist. Beides dürfte die Zuschauer jedoch nicht weiter stören. Zum einen ist Wagners fliegender Holländer alles andere als unbekannt, so dass man der Handlung auch dank der klaren Diktion der Sängerdarsteller ohne Übertitel problemlos folgen kann. Zum anderen ist man aus Bayreuth und den meisten anderen Produktionen des Holländers gewöhnt, die knapp zweieinhalb Stunden Spielzeit locker ohne Unterbrechung durchzuhalten.

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Daland (Randall Jacobsh) wittert ein großes Geschäft, wenn er dem Holländer seine Tochter Senta zur Frau gibt.

Für die Inszenierung zeichnet Georg Schmiedleitner verantwortlich, der bereits gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Marcus Bosch und dem Bühnenbildner Stefan Brandtmayr am Staatstheater Nürnberg Wagners Ring in Szene gesetzt hat. Wie schon beim Ring wählt Schmiedleitner auch beim Holländer einen Aktualitätsbezug mit gesellschaftlich-ökonomischen Problemen. So sieht er in dem Kaufmann Daland einen gewissenlosen Unternehmer, der im Niedriglohnsektor seine Arbeiter ausbeutet. Folglich treten seine Matrosen im ersten Aufzug auch nicht in Seemannskluft sondern mit Schutzhelmen und gelben Westen auf. Die Frauen arbeiten nicht als Spinnerinnen sondern in einem hölzernen Transportcontainer eines Verladehafens, in dem sie Pakete öffnen und den Inhalt, der an unbearbeitete Baumwolle erinnert, in gelbe Plastiktüten umfüllen. Einem solchen eiskalten Kapitalisten kommt der Holländer, der ihm für seine Tochter enormen Reichtum anbietet natürlich gerade recht, zumal Dalands Verhältnis zu seiner Tochter sowieso problematisch scheint. Schmiedleitner deutet hier einen Missbrauch in der Vergangenheit an. Schon in der Ouvertüre packt Daland seiner Tochter mit Gewalt unter den Rock, und sie hat Schwierigkeiten, sich aus seiner Umklammerung zu befreien.

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Senta (hier: Inga-Britt Andersson) verspricht dem Holländer (Antonio Yang) Treue bis zum Tod.

Senta wirkt, vielleicht wegen ihrer verstörten Jugend, keineswegs wie eine Erlösung bringende reine Jungfrau, sondern erinnert in ihrem schwarzen Kleid und mit den zahlreichen düsteren Tattoos eher an ein Wesen aus der Gothic-Szene. Da der Holländer und seine Mannschaft jedoch ebenfalls viele Körperbemalungen besitzen, scheint es ein gutes Mittel zu sein Sentas Obsession mit dem Holländer zu beschreiben, dem sie in einer Fensternische in der Rückwand des Rittersaals mit zahlreichen Bildern und Lampen einen Schrein eingerichtet hat, in den sie sich vor den hämischen Kommentaren ihrer Amme Mary und der anderen Frauen zurückzieht. Wenn sie dann dem Holländer leibhaftig begegnet, legt sie riesige schwarze Flügel an, die darauf hinweisen, dass sie einerseits gewillt ist, ihm als rettender Engel Erlösung zu bringen, andererseits diese Rettung für beide aber auch den Tod bedeutet. Dass ein Langweiler wie Erik in Sentas Leben keinen Platz hat, wird absolut verständlich. Wieso Senta ihn jedoch am Ende mit einer Waffe niederstreckt, um dem Holländer ihre Treue zu beweisen, bleibt genauso unverständlich wie Schmiedleitners Regieeinfall, Daland am Ende vom Steuermann meucheln zu lassen.

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Das Volk (Chor) feiert mit dem Steuermann (Martin Platz, Mitte) die bevorstehende Hochzeit.

Die Crew des Holländers besteht aus vier männlichen Statisten, die in ihrer dunklen Erscheinung mit dem tätowierten nackten Oberkörper äußerst bedrohlich wirken. Mal stehen sie auf den Mauern der Burg und zünden Feuerwerkskörper oder betrachten mit finsterem Blick das Geschehen, mal lassen sie über den Zuschauern goldene Banknoten mit dem Holländerschiff regnen, wenn der Holländer Daland für dessen Tochter finanzielle Gegenleistungen verspricht. Im dritten Aufzug treten sie dann zwischen dem feiernden Chor auf und füllen die Frauen mit Alkohol ab. Der furchterregende Gesang aus dem Geisterschiff ertönt nur über Band, weil der komplette Chor für die Norweger benötigt wird. Durch den dumpfen Klang wirkt der eingespielte Gesang zwar unheimlich, für ein Gänsehautgefühl reicht es allerdings nicht, zumal der Strip des Steuermanns und das anschließende erotische Spiel mit einer Chordame an dieser Stelle unpassend und ablenkend wirken. Unklar bleibt auch die schwarz gewandete Frau, die während der Ouvertüre auftritt und wohl ebenfalls zur Besatzung des Holländerschiffes gehört. Steht sie für die Frauen, bei denen der Holländer bereits Treue bis in den Tod gesucht hat, oder verkörpert sie nur die Schätze, mit denen er auf der Suche nach einer treuen Gefährtin Menschen wie Daland zu blenden versucht? Nach dem Handel mit Daland befreien die Matrosen sie nämlich aus ihrem schwarzen Gewand und tragen sie als goldenen Schatz wie eine Trophäe über die Bühne.

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Der Holländer (Antonio Yang, Mitte) zweifelt wegen Erik (Vincent Wolfsteiner, links) an Sentas (hier: Inga-Britt Andersson) Treueschwur.

Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf hohem Niveau und zeichnet sich vor allem durch eine klare Diktion beim gesungenen Text aus. Antonio Yang begeistert in der Titelpartie mit intensivem Spiel und profundem Bariton. Die große Auftrittsarie des Holländers, "Die Frist ist um", avanciert in seiner eindringlichen Interpretation zu einem musikalischen Glanzpunkt des Abends. In jedem Moment nimmt man ihm den desillusionierten Einzelkämpfer ab, den bei Senta aber dennoch ein wenig Hoffnung schöpft, dass diese Frau ihm die Erlösung bringen könnte. Annette Seiltgen verleiht der Senta stimmlich große Dramatik und überzeugt vor allem in ihrer Ballade im zweiten Aufzug, in der die Schwärmerei des jungen Mädchens mehr als deutlich wird. Die erste Begegnung mit dem Holländer setzt Seiltgen in bewegendem Spiel um. Die gemeinsame Szene im zweiten Akt erweckt beim Publikum einen Moment der Hoffnung, dass es für die beiden ein glückliches Ende geben könnte, und man mag sich fragen, ob der gemeinsame Sprung in die Tiefe am Ende der Oper nicht auch als Sprung in die Freiheit interpretiert werden kann. Vincent Wolfsteiner stattet die undankbare Partie des Erik mit höhensicherem Tenor aus. Randall Jacobshs Bass ist als Daland so düster und schwarz wie die Seele des Kaufmanns. Martin Platz punktet als Steuermann in seiner Auftrittsarie "Mit Gewitter und Sturm aus fernem Meer" mit weichem Tenor und klangschönen Höhen. Darstellerisch weiß man allerdings nicht so genau, wo Schmiedleitner mit dieser Figur eigentlich hin will. Melanie Forgeron ist als Mary zwar sehr textverständlich, bleibt in der stimmlichen Ausgestaltung allerdings ein wenig blass. Hinzu kommt, dass man sie in ein absolut unvorteilhaftes hässliches Lederkostüm gezwängt hat.

Der Tschechische Philharmonische Chor Brünn präsentiert sich unter der Leitung von Petr Fiala stimmgewaltig und spielfreudig, was vor allem im dritten Aufzug bei der ausgelassenen Feier zum Ausdruck kommt. Beim "Summ und brumm, du gutes Rädchen" im zweiten Aufzug überzeugen die Damen des Chors auf ganzer Linie, und auch die Herren lassen als Dalands Mannschaft im ersten Aufzug keine Wünsche offen. Marcus Bosch führt die Stuttgarter Philharmoniker mit sicherer Hand durch die Partitur und lässt den Sturm genauso spürbar werden wie die romantischen Träumereien Sentas und den erlösenden Schluss am Ende. So gibt es für alle Beteiligten großen Beifall am Ende und vielleicht auch noch einen Extra-Applaus dafür, dass zumindest die letzte Aufführung auf der Freilichtbühne stattfinden konnte.

FAZIT

Musikalisch überzeugt die Produktion auf ganzer Linie. Der Rittersaal bietet eine beeindruckende Kulisse für die Oper. Schade ist nur, dass sie bei den insgesamt acht Aufführungen nur einmal genutzt werden konnte.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Marcus Bosch

Inszenierung
Georg Schmiedleitner

Bühne
Stefan Brandtmayr

Kostüme
Cornelia Kraske

Lichtdesign
Hartmut Litzinger

Chor
Petr Fiala

Dramaturgie
Nathalia Fuhry

 

Stuttgarter Philharmoniker

Tschechischer Philharmonischer Chor Brünn

Statisterie der Opernfestspiele Heidenheim


Solisten

*rezensierte Aufführung

Daland
Randall Jacobsh

Senta
Inga-Britt Andersson /
*Annette Seiltgen

Erik
Vincent Wolfsteiner

Mary
Melanie Forgeron

Der Steuermann Dalands
*
Martin Platz /
Christoph Wittmann

Der Holländer
Antonio Yang

 
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