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Klangvokal
Musikfestival Dortmund
11.05.2018 - 10.06.2018

Händel Goes Wild

Musik von Georg Friedrich Händel und Antonio Vivaldi

in italienischer und englischer Sprache

Aufführungsdauer: ca. 1 h 45' (keine Pause)

Aufführung im Konzerthaus Dortmund  am 3. Juni 2018

 

 

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Crossover von Jazz und Barock

Von Thomas Molke / Fotos: © Bülent Kirschbaum

Seit Christina Pluhar 2000 das Ensemble L'Arpeggiata gegründet hat, hat sie mit diesen Musikern nicht nur die historische Aufführungspraxis der Musik des 17. Jahrhunderts gepflegt, sondern auch durch große Lust am Improvisieren und Freude am Experimentieren musikalische Grenzen hin zum Jazz überschritten. 2003 entstand mit dem italienischen Jazz-Klarinettisten Gianluigi Trovesi das Album All'Improvviso, dem weitere Zusammenarbeiten folgen sollten. Zu erwähnen ist hier das Purcell-Projekt Music for a While, das nach erfolgreichen Tourneen 2013 und 2014 ebenfalls auf CD erschien. Nun lässt man im aktuellen Projekt Händel Goes Wild Barockarien aus Opern und Oratorien des Hallenser Komponisten auf den Jazz treffen. Neben Trovesi, dessen Jazz-Klänge an der Klarinette von einem Flügel, einem Kontrabass und Percussions unterstützt werden, begleiten die belgische Sopranistin Céline Scheen und der Countertenor Valer Sabadus, beides namhafte Größen der Barockszene, den Abend.

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Christina Pluhar mit L'Arpeggiata und Gianluigi Trovesi (auf der rechten Seite sitzend) (ganz rechts stehend: Valer Sabadus)

Den Anfang macht Händels berühmte Sinfonia aus dem dritten Akt seines Oratoriums Solomon. Hier wird die Ankunft der Königin von Saba angekündigt. Das Ensemble L'Arpeggiata setzt unter der musikalischen Leitung von Pluhar schwungvoll und differenziert ganz im barocken Stil an, bevor plötzlich ein Wechsel zum Jazz erfolgt. Dem einen oder anderen Zuschauer mag der Übergang hierbei noch etwas fremd klingen, da er etwas willkürlich wirkt und die beiden Teile in der Sinfonia gefühlt keine richtige Einheit bilden. Anders verhält es sich bei der folgenden Arie "Pena tiranna" aus Händels Oper Amadigi di Gaula, die in der Melodieführung stark an das berühmte "Lascia ch'io piango " aus Rinaldo erinnert. Der thrakische Prinz Dardano hat in dieser Verzweiflungsarie die Hoffnung auf seine Geliebte Oriana aufgegeben. Valer Sabadus gestaltet die Leiden des jungen Prinzen mit dunkel gefärbtem Countertenor. Während es bei der Wiederholung des A-Teils normalerweiser den Solisten überlassen ist, Variationen in die Melodieführung einzubauen, wechselt Sabadus begleitet vom Flügel, Percussions, dem Kontrabass und der Klarinette wirklich in einen ganz anderen musikalischen Kosmos und präsentiert seine Verzweiflung in ganz anderen Klangfarben. Das gleiche Spiel wiederholt er nicht weniger erfolgreich bei der berühmten Arie "Verdi prati" aus Händels Alcina, in der der Kreuzritter Ruggiero schweren Herzens Abschied von Alcinas Zauberinsel nimmt.

Gemeinsam mit Céline Scheen zeigt Trovesi an der Klarinette mit Flügel, Percussions und Bass, dass Händels Arie auch in reiner Jazz-Begleitung funktionieren, ohne dabei ihren Reiz zu verlieren. Scheen beginnt mit Semeles Arie "Where'er you walk" aus Händels Oratorium Semele. Die Titelheldin wähnt sich hierbei im siebten Himmel der Liebe und weiß noch nicht, dass Jupiters Gattin Juno schon bald die Liebe zwischen der Sterblichen und dem Gott beenden wird. Der Flügel trägt dabei Scheens lieblich warmen Sopran wie auf leichten Schwingen. Auch bei der zweiten Arie aus diesem Oratorium geht dieses Konzept wunderbar auf. In "O sleep, why thost thou leave me" zaubert Sergey Saprychev an den Percussions mit zahlreichen Schlaginstrumenten zauberhafte Naturklänge, die eine friedliche Idylle erzeugen, in der Semele aus einem wunderbaren Traum erwacht. Auch die berühmte Klagearie der Cleopatra aus Händels Giulio Cesare in Egitto, "Piangerò la sorte mia", hinterlässt in der modernen Orchestrierung einen nachhaltigen Eindruck. Scheen punktet dabei mit eindringlichem Sopran.

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Céline Scheen und Valer Sabadus im Duett

Doch es gibt auch einzelne Nummern, die ganz im barocken Klang bleiben. Zu nennen sind hier die beiden Duette "Io t'abbraccio" aus Händels Rodelinda und "Caro/cara, tu mi accendi nel mio core" aus Händels Faramondo. Im ersten Duett nehmen Rodelinda und Bertarido voneinander Abschied und beklagen, dass diese Trennung für sie schlimmer als der Tod ist. Im zweiten Duett gestehen Clotilde und Adolfo einander ihre Liebe. Hierbei entfalten Scheen und Sabadus stimmlichen Zauber pur und finden zu einer betörenden Innigkeit. Sabadus klingt dabei mit dunkel gefärbtem Counter recht viril, während Scheen in strahlenden Höhen brilliert. Mit großer Intensität begeistert Sabadus auch in der Arie des Ruggiero aus Alcina, "Mi lusinga il dolce affetto". Ruggiero füchtet darin, dass der Anblick seiner Geliebten Bradamante nur ein Trugbild sein könnte. Sabadus glänzt hier mit zart angesetzten Höhen, mit denen er auch in Rinaldos Arie "Cara sposa" punktet. Zum Abschluss des Konzertes überzeugt er mit halsbrecherischen Koloraturen in Rinaldos "Venti turbini".

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Schlussapplaus: von links: Valer Sabadus, Céline Scheen, Gianluigi Trovesi und Boris Schmidt (Kontrabass)

Doch Pluhar und Trovesi zeigen an diesem Abend nicht nur, dass bei den Kompositionen von Händel ein Crossover funktioniert. Auch Antonio Vivaldis Streicherkonzert in g-moll vollzieht einen Wechsel in andere Klangwelten, die teilweise orientalisch oder jüdisch anmuten. Hinzu kommt eine Improvisation mit dem Titel "Canario". Hierbei handelt es sich um einen damals beliebten Volkstanz, der seine Wurzeln auf den Kanarischen Inseln hat. Saprychev entfacht an den Percussions ein regelrechtes Rhythmusfeuerwerk, das die Zuhörer fast von den Sitzen reißt. So fordert das begeisterte Publikum natürlich Zugaben ein. Als erstes gibt es das berühmte Schlussduett der Poppea und des Nerone aus Monteverdi L'incoronazione di Poppea, "Pur ti miro". Auch hier finden Scheen und Sabadus als Poppea und Nerone stimmlich zu einer innigen Verbundenheit. Zum Abschluss gibt es noch einmal eine Improvisation, bei der Saprychev am Tamburin auch artistisch über sich hinauswächst.

FAZIT

Christina Pluhar und Gianluigi Trovesi beweisen eindrucksvoll, wie Barockmusik und Jazz miteinander harmonieren können. Valer Sabadus und Céline Scheen begeistern stimmlich dabei auf ganzer Linie.

Weitere Rezensionen zum Klangvokal Festival Dortmund 2018

 

Ausführende

Céline Scheen, Sopran

Valer Sabadus, Countertenor

Gianluigi Trovesi, Klarinette

L'Arpeggiata

Christina Pluhar, Theorbe und Leitung

 

Werke

Georg Friedrich Händel
Sinfonia
(Ankunft der Königin von Saba aus Solomon)

"Pena tiranna"
Arie des Dardano aus Amadigi di Gaula

"Where'er you walk"
Arie der Semele aus Semele

Antonio Vivaldi
Concerto in g-moll (RV 157)

Georg Friedrich Händel
"Tu del ciel ministro eletto"
Arie der Bellezza
aus Il trionfo del Tempo e della Verita

"Verdi prati"
Arie des Ruggiero aus Alcina

"Io t'abbraccio"
Duett der Rodelinda und des Bertarido
aus Rodelinda

Sinfonia
aus Alcina 3. Akt

"O sleep, why thost thou leave me"
Arie der Semele aus Semele

"Cara sposa"
Arie des Rinaldo aus Rinaldo

"Caro/cara, tu mi accendi nel mio core"
Duett der Clotilde und de Aldolfo
aus Faramondo

Improvisation
Canario

Georg Friedrich Händel
"Mi lusinga il dolce affetto"
Arie des Ruggiero aus Alcina

"Piangerò la sorte mia"
Arie der Cleopatra
aus Giulio Cesare in Egitto

"Venti turbidi"
Aire des Rinaldo aus Rinaldo

 

Weitere
Informationen

erhalten Sie unter
Klangvokal Dortmund
(Homepage)



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