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Salzburger Pfingstfestspiele
18.05.2018 - 21.05.2018

L'Italiana in Algeri

Dramma giocoso in zwei Akten
Libretto von Angelo Anelli
Musik von Gioachino Rossini

in italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 15' (eine Pause)

Premiere im Haus für Mozart am 18. Mai 2018
(rezensierte Aufführung: 20.05.2018)

 

 

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Italienerin der Extra-Klasse

Von Thomas Molke / Fotos: Monika Rittershaus und Bernd Uhlig

Rossinis L'Italiana in Algeri hat sich mittlerweile neben dem Barbiere  und der Cenerentola einen festen Platz im Repertoire der Opernhäuser zurückerobert. Einen bedeutenden Anteil daran dürften nicht zuletzt die schmissige Ouvertüre, das grandiose Finale des ersten Aktes und das urkomische "Pappataci"-Terzett im zweiten Akt haben. Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass Rossinis elfte Oper in Venedig nur ein Lückenbüßer für das ursprünglich geplante Werk von Carlo Coccia, La donna selvaggia, gewesen sei, da dieses nicht rechtzeitig fertiggestellt worden sei. Allerdings ist es wahrscheinlicher, dass Rossini höchstpersönlich den Impresario Giovanni Gallo gebeten hat, ihm den Kompositionsauftrag zu geben, da seine in Mailand im Jahr zuvor mit überwältigenden Erfolg uraufgeführte Oper La pietra del paragone bei der Wiederaufnahme in Venedig ein Flop wurde und Rossini diesen Misserfolg wettmachen wollte. Die Zeit, ein neue Libretto zu erstellen, war mit knapp vier Wochen natürlich zu kurz, so dass Rossini auf ein Stück zurückgriff, das Luigi Mosca bereits fünf Jahre zuvor für Mailand vertont hatte. Mit einigen Überarbeitungen und Anpassungen stand die Oper, die inhaltlich ganz die damalige Begeisterung für orientalische Themen bediente, über mehrere Wochen erfolgreich auf dem Spielplan. Mit der Rolle der Isabella gibt Cecilia Bartoli nun bei den Pfingstfestspielen ein bereits seit längerer Zeit erwartetes Rollen-Debüt.

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Auf der Suche nach ihrem Geliebten Lindoro ist Isabella (Cecilia Bartoli) mit Taddeo (Alessandro Corbelli, rechts) in Algier gestrandet und wird von Haly (José Coca Loza, links) als geeignete Partie für den Bey Mustafà betrachtet. (© Monika Rittershaus)

Die Handlung soll auf der wahren Geschichte der Mailänderin Antonietta Frappoli basieren, die 1808 Berühmtheit erlangte, als es ihr aus nicht genau geklärten Gründen gelang, aus der Gefangenschaft im Harem des Beys von Algier über Venedig in ihre Heimatstadt zurückzukehren. In der Oper ist der Bey Mustafà, was wahrscheinlich eine Anspielung auf Mustafa II. darstellen soll, der von 1798 bis 1805 als osmanischer Statthalter über die Provinz Algier herrschte, seiner Frau Elvira überdrüssig und glaubt, dass nur eine Italienerin seinen Bedürfnissen nach der "idealen Frau" entsprechen könne. Diese erscheint in Gestalt der schönen, in Algier gestrandeten Isabella, die in Begleitung ihres ältlichen Verehrers Taddeo von Livorno aufgebrochen ist, um ihren Geliebten Lindoro zu suchen, der, wie es der Zufall will, als Sklave bei Mustafà gefangen gehalten wird. Mit List und Charme gelingt es ihr, sich den Bey gefügig zu machen. Nachdem sie zunächst verhindert hat, dass Mustafà seine bisherige Gattin verstößt und sie dem Sklaven Lindoro zur Frau gibt, ernennt sie ihn anschließend zu einem Pappataci, dessen einzige Beschäftigung darin besteht, zu essen, zu trinken und zu schweigen. Während er diesen Aufgaben nachkommt, flieht sie mit Lindoro und Taddeo zurück nach Italien. Zu spät erkennt Mustafà den Betrug und bittet seine Gattin Elvira demütig um Verzeihung.

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Mustafà (Peter Kálmán, links) will seine Frau Elvira mit dem Sklaven Lindoro (Edgardo Rocha, rechts) nach Italien schicken. (© Bernd Uhlig)

Das Regie-Team um Moshe Leiser und Patrice Caurier verzichtet auf jedwedes exotisches Kolorit und siedelt die Geschichte im modernen Algier an, ohne die Figuren dafür groß zu verbiegen. Noch vor Beginn der Ouvertüre erschallt der Ruf eines Muezzin durch den Saal, was aber neben den modern gehaltenen Kostümen von Agostino Cavalca und dem neuzeitlichen Bühnenbild von Christian Fenouillat eine der wenigen Aktualisierungen des Stückes darstellt. Ansonsten vertrauen Leiser und Caurier ganz auf die Komik der Vorlage und tun gut daran. Bereits während der Ouvertüre wird auf komödiantische Art herausgearbeitet, dass Mustafà keinerlei Interesse mehr an seiner Frau hat. Rebeca Olvera setzt als Elvira mit bezauberndem Spiel alles daran, ihren Gatten im Bett zu verführen. Dazu versucht sie sich sogar als Bauchtänzerin und wippt im Takt zur Ouvertüre. Dabei stellt man sich ernsthaft die Frage, was sie eigentlich an diesem Macho findet, den Peter Kálmán wunderbar unattraktiv in weißer Feinripp-Unterwäsche darstellt. Was die Unterbrechung durch Haly und seine Mannen in dieser Szene soll, die durch das Fenster im Schlafzimmer diverse Elektrogeräte über die Bühne tragen, erschließt sich nicht wirklich. Umso komischer ist die Video-Einspielung über dem Bett. Ein Bild mit zwei Dromedaren erwacht zum Leben, und zur rasanten Musik erleben die beiden Tiere ekstatische Momente des Glücks, von denen Elvira in ihrem Bett nur träumen kann.

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Elvira (Rebeca Olvera, 2. von links) und Zulma (Rosa Bove, links) amüsieren sich mit Haly (Jose Coca Loza, links) darüber, dass Mustafà (Peter Kálmán, rechts) mit der Italienierin überfordert zu sein scheint. (© Bernd Uhlig)

Lindoro ist ein optisch cooler Jüngling mit Rastalocken und Stirnband in den italienischen Nationalfarben, bei dem auch das Tattoo auf dem Oberarm nicht fehlen darf. Seine Verzweiflung darüber, dass er Elvira heiraten soll, obwohl er doch nur an seine geliebte Isabella denken kann, passt zwar nicht ganz zu seinem Äußeren, zumal er sich dabei auch noch einen Joint dreht. Stimmlich jedoch lässt Edgardo Rocha keine Wünsche offen. Mit lyrischem Tenor erklimmt er offenbar mühelos bereits in seiner ersten Kavatine "Languir per una bella", in der er seine Einsamkeit beklagt und sehnsuchtsvoll an Isabella denkt, die hohen Spitzentöne und macht die intensiven Gefühle des jungen Mannes spürbar. Komisch gebrochen wird die Szene, wenn einzelne Herren des Chors auf den Balkonen des Hochhauses im Hintergrund sich über die Lärmbelästigung beschweren. Auch Kálmán lässt sich als Mustafà von derartiger Gefühlsduselei nicht einlullen und hält mit dunklem Buffo-Bass dagegen. Auch hier setzen Leiser und Caurier auf komische Momente, wenn sie den Mustafà mit einer weißen Rostlaube vorfahren lassen, die jedoch aufgrund eines auf der Straße sitzenden Kamels nicht passieren kann.

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Während Isabella (Cecilia Bartoli) und Lindoro (Edgardo Rocha, links) ihre Flucht vorbereiten, übt sich Mustafà (Peter Kálmán, im Bett links) mit Taddeo (Alessandro Corbelli, im Bett rechts) als Pappataci. (© Monika Rittershaus)

Einen bühnenwirksamen Auftritt hat dann Cecilia Bartoli, wenn sie auf einem Kamel auf die Bühne gezogen wird. Die Fans im Publikum sind so begeistert, dass sie bereits bei ihrem Auftritt den musikalischen Fluss mit Applaus unterbrechen. Direkt bei ihrer Auftrittskavatine "Cruda sorte" macht Bartoli klar, dass die Partie der Isabella in ihrem Repertoire keinesfalls fehlen darf. Mit dunkel gefärbtem Mezzo beklagt sie einerseits eindringlich ihr Schicksal, zeigt andererseits aber auch, dass sich diese Isabella nicht so einfach unterkriegen lässt. Einen wunderbaren Schlagabtausch liefert sie sich im Anschluss mit Alessandro Corbelli als Taddeo. Bartoli beweist dabei in ihrem ganz eigenen Stil, dass sie eine Meisterin für bewegliche Parlando-Stellen ist und es dabei wunderbar versteht, diese auch noch szenisch umzusetzen. Hierbei reicht ihr eine einfache Flasche Sonnenspray, das sie zunächst selbst verführerisch aufträgt, bevor sie mit ihren Reizen am Ende der Auseinandersetzung den ihr getreuen Taddeo zu ködern versteht. Corbelli spielt den leicht trotteligen und hasenfüßigen Taddeo mit wunderbarer Komik. Wenn Isabella anschließend bei Mustafà auf ihren Geliebten Lindoro trifft und erfährt, dass er mit Elvira nach Italien reisen soll, kulminiert die Szene vor der Pause in einem großartigen Finale, in dem alle in einer pointierten Choreographie auf beweglichen Sesseln ihre Verwirrung mit den phonetischen Floskeln "Din-Din, Tak-Ta, Kra-Kra" und "Bum-Bum" zum Ausdruck bringen.

Nach der Pause geht es auf sehr hohem Niveau weiter. Um Mustafà zu verführen, wird Bartoli in einer Badewanne auf die Bühne gefahren und lässt mit Schaum bedeckt ihre Reize spielen und dabei nicht nur die Herzen ihrer Mitspieler Rocha, Kálmán und Corbelli höher schlagen. Mit großartiger Komik ist Taddeo zuvor zum Kaimakan ernannt worden, der in Anlehnung an die anderen Diener des Bey in einen pinkfarbenen Jogging-Anzug gesteckt wird. Die Sklaven, mit denen Isabella und Lindoro ihre Flucht planen, entpuppen sich als italienische Fußballmannschaft, die kurz vor dem Aufbruch noch mit Spaghetti beköstigt wird. Großartige Komik entfalten Rocha, Corbelli und Kálmán, wenn Mustafà von Lindoro und Taddeo zum "Pappataci" ernannt wird. Hier punkten Corbelli und Kálmán im Terzett jeweils mit großartigem Buffo-Bass. Auch die Kostümierung als Pappataci mit pinkfarbener Badekappe und silberner Palme zur weißen Feinripp-Unterwäsche ist ein weiterer witziger Blickfang. Für Isabellas Rondo "Pensa alla patria" hat sich Bartoli szenisch zu den perlenden Koloraturen ebenfalls etwas Besonderes einfallen lassen. Lindoro versucht sie, während ihres Rondos zu verführen, und Isabella muss alles daran setzen, bei den Liebesbekundungen ihres Geliebten nicht schwach zu werden, sondern weiterhin die Rückkehr in die Heimat im Blick zu haben. Für die Flucht wird sogar ein riesiges Schiff auf die Bühne gefahren, mit dem Isabella, Lindoro mit den übrigen Italienern und schließlich auch Taddeo Algier verlassen. Zum Schlussapplaus nehmen Bartoli und Rocha am Bug des Hecks noch die "Titanic"-Pose von Kate Winslet und Leonardo di Caprio ein.

Jean-Christophe Spinosi zaubert mit dem Ensemble Matheus einen frischen, sprühenden Rossini-Klang aus dem Graben. José Coca Loza und Rosa Bove runden als Haly und Zulma das durchweg spielfreudige Ensemble gemeinsam mit den gut disponierten Herren des Philharmonia Chores Wien unter der Leitung von Walter Zeh ab, so dass es für alle Beteiligten verdienten, frenetischen Applaus gibt.

FAZIT

Mit diesem Debüt dürfte Cecilia Bartoli auch für die Partie der Isabella neue Maßstäbe gesetzt haben. Wer diese Aufführung Pfingsten nicht sehen kann, sollte sie sich im Rahmen der Salzburger Festspiele im Sommer keinesfalls entgehen lassen.

Weitere Rezensionen zu den Salzburger Pfingstfestspielen 2018

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jean-Christophe Spinosi

Regie
Moshe Leiser
Patrice Caurier

Bühne
Christian Fenouillat

Kostüme
Agostino Cavalca

Licht
Christophe Forey

Video
Étienne Guiol

Choreinstudierung
Walter Zeh

Dramaturgie
Christian Arseni

 

Ensemble Matheus

Hammerklavier
Luca Quintavalle

Philharmonia Chor Wien

 

Solisten

Isabella
Cecilia Bartoli

Mustafà
Peter Kálmán

Lindoro
Edgardo Rocha

Taddeo
Alessandro Corbelli

Haly
José Coca Loza

Elvira
Rebeca Olvera

Zulma
Rosa Bove

 

 

 

Weitere
Informationen

erhalten Sie unter
Salzburger Pfingstfestspiele
(Homepage)



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