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Festival Aix en Provence 2019

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Oper in drei Akten
Libretto von Bertold Brecht
Musik von Kurt Weill


In deutscher Sprache mit französischen und englischen Übertiteln
Aufführungsdauer: 2h 45' (eine Pause)

Koproduktion mit der Niederländischen Nationaloper Amsterdam, der MET, der Flämischen Oper und den Theatern der Stadt Luxemburg

Premiere am 6. Juli 2019 im Grand Théâtre de Provence, Aix-en-Provence


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Festival Aix en Provence
(Homepage)

Wie man sich bettet, so liegt man

Von Roberto Becker / Foto von © Pascal Victor / artcompress

Der Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny ist das ästhetisch und politisch avancierteste gemeinsame Stück Musiktheater, das Bert Brecht und Kurt Weill hinterlassen haben. Und mit dem sie seinerzeit auch gewaltig angeeckt sind. Die Uraufführung am 9. März 1930 in Leipzig war einer der großen Theaterskandale der untergehenden Weimarer Republik. Die Nazis probten da ihre Machtergreifung schon mal mit organisierten Pöbeleien im Theater. Das von Brecht über dem Text gehisste kapitalismuskritische Banner zu Kurt Weills souverän adaptierter Moderne (inklusive ihrer dazwischen verteilten populären Hits) ist heute eine inszenatorische Herausforderung.

Das Stück ist per se eine Enthüllung der Verhältnisse, bedarf also selbst keiner solchen durch die Regie. Seine tödliche Pointe ist die Erkenntnis, dass im Kapitalismus pur ohne Moos nix los ist und nichtbezahlte Rechnungen ein Verbrechen sind, todeswürdiger als Mord. Am Ende springt niemand von seinen "Freunden" für die Schulden, die Jim Mahoney gemacht hat, ein. Er wird tatsächlich nach einem absurden Prozess verurteilt und gehängt. "Wie man sich bettet, so liegt manů."

Foto kommt später

Probeaufnahmen am Filmset

Im Stück macht der metaphorische Hurrikan zwar einen Bogen um die Stadt Mahagonny, aber die allgemeine Proklamation des hemmungslosen "Du darfst" nach dieser Beinahekastatrophe, entfaltet eine ähnlich zerstörerische Wirkung. In Aix-en-Provence kracht es auf der Bühne des Grand Théâtre des Provence am Ende der (u.a. mit der Met und mit Amsterdam koproduzierten) Neuinszenierung des Weill-Klassikers durch Ivo van Hove denn auch gewaltig. Mit Fackeln, Farbbeuteln und dann auch noch einem gelben Tuch aus dem Schnürboden. In Frankreich ist das bekanntlich die Farbe des aktuell grassierenden Wutprotestes.


Vergrößerung in neuem Fenster Wenn der Jim der Jenny auf den Leim geht

Und doch bleibt im Ganzen nach dieser Premiere der Eindruck zurück, dass Kurt Weills und Bert Brechts Klassiker etwas aus der Zeit gefallen ist. Was nicht nur an der Szene lag, sondern auch an der Art, wie Esa-Pekka Salonen das Londoner Philharmonia Orchestra und die Sänger auf diesen Ausflug in die imaginäre Stadt, in der alles erlaubt ist (außer kein Geld zu haben), musikalisch durch den Abend navigierte. Alles klang nach allzu weichgespültem Konzertsaal, die pointierten Zwischenmusiken eher wie ein Alibi. Die Protagonisten warfen sich zwar mit Vehemenz ins Zeug, aber die weite, meist nach hinten offene Bühne verschluckte viel. Weder Annette Dasch als Jenny Hill noch Karita Mattila als Witwe Leokadia Begbick drangen vokal wirklich überzeugend durch. Wenn die Mattila wütend mit dem Fuß aufstampft und die Fäuste ballt, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, dann hatte das - unabsichtlich - durchaus auch eine doppelte Bedeutung. Zum Glück ist Nikolai Schukoff als Jim Mahoney stimmlich deutlich präsenter als der schwächende Dreieinigkeitmoses von Sir Willard White.

Foto kommt später

Wir brauchen keinen Hurrikan ...

Aber van Hove findet in dem Filmsetambiente, das Jan Versweyveld mit knappen Gerüsten und einer Green Screen Ecke für diverse (auch Porno-)Drehs andeutet, keinen wirklich packenden szenischen Nenner. Alles bleibt so eher eine Nummernrevue - mit einer behaupteten Revolte am Ende. Wenn der Hurrikan erwartet wird, fahren ein paar Riesenventilatoren auf und alle gucken betont sorgenvoll in die Live-Kameras. Großaufnahmen der Gesichter gibt es überhaupt öfter. Mit dem Set und dem Kameraeinsatz setzt van Hove bewusst und sozusagen verdoppelnd auf das Illusorische, das der ganzen Stadt Mahagonny anhaftet.


Vergrößerung in neuem Fenster Arm sein ist tödlich in Mahagonny

Die eingeblendeten Szenenbezeichnungen in Deutsch und Französisch ("Die Stadt Mahagonny wird gegründet" und "Die Hinrichtung von Jimmy Mahoney") erfasst man nur von den mittleren Plätzen im Saal aus. Immerhin wertet van Hove die Frauenfiguren vor allem durch Mattilas und Daschs erhebliche Bühnenpräsenz auf. Die werden an der Seite von Fatty (Alan Oke) und Moses (Willard White) zu Mahagonny-Mitgründerinnen. Bzw. sind die Stars am Set. Was Dasch und Mattila dann auch gehörig zelebrieren. Doch die Verlegung der Parabel ans Filmset macht keinen wirklich spannenden Angelegenheit daraus. So ist das ganze mehr ein nostalgischer "Wie man sich bettet, so liegt man"-Abend als eine beunruhigende "Wir brauchen keinen Hurrikan"-Vision geworden. Schade.


FAZIT

Trotz der Starbesetzung enttäuscht die Neuproduktion des Aufstiegs und Falls der Stadt Mahagonny in Aix-en-Provence szenisch aber auch musikalisch.






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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Esa-Pekka Salonen

Inszenierung
Ivo van Hove

Bühne und Licht
Jan Versweyveld

Kostüme
An d'Huys

Video
Tal Yarden

Chor
Richard Wilberforce

Dramaturgie
Koen Tachelet



Chor Pygmalion

Philharmonia Orchestra


Solisten

Leokadja Begbick
Karita Mattila

Fatty, der "Prokurist"
Alan Oke

Dreieinigkeitmoses
Sir Willard White

Jenny Hill
Annette Dasch

Jim Mahoney
Nikolai Schukoff

Jack O'Brien / Tobby Higgins
Sean Panikkar

Bill, genannt Sparbüchsenbill
Thomas Oliemans

Joe, genannt Alaskawoljoe
Peixin Chen

Six Filles de Mahagonny
Kristina Bitenc
Cathy-Di Zhang
Thembinkosi Magagula
Maria Novella Malfatti
Leonie Van Rheden
Veerle Sanders

Figurantes et figurants
Apollonia Crova
Leïla Flayeux
Suzy Deschamps
Jeanne Chollier
Maëlle Charpin
Daria Pouligo
Angelica Tisseyre
Simon Copin
Selime Benama
Julien Degremont
Tibo Drouet
Laurent Ernst
Florian Haas
Simohamed Bouchra
Laurie Freychet


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