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Musikfestspiele
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Händel-Festspiele 2019 in Halle (Saale)

31.05.2019 - 16.06.2019

Agrippina

Dramma per musica in drei Akten (HWV 6)
Libretto von Vincenzo Grimani
Musik von Georg Friedrich Händel

In italienischer Sprache

Aufführungsdauer: ca. 3 h 20' (eine Pause)

Kooperation mit dem Klangvokal Musikfestival Dortmund

Konzertante Aufführung in der Konzerthalle Ulrichskirche am 10. Juni 2019

 

 

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Politthriller am römischen Kaiserhof

Von Thomas Molke / Foto: © Stiftung Händel-Haus

"Viva il caro Sassone!" soll das venezianische Publikum in jeder kleinen Pause der Aufführung gerufen haben, als mit Händels zweiter und letzter Oper für Italien, Agrippina, die Karnevalssaison am 26. Dezember 1709 im Teatro San Giovanni Grisostomo eröffnet wurde, eine Ehre, die noch nie zuvor einem deutschen Komponisten zuteil geworden war. Für Händel markierte dieser triumphale Erfolg seinen Durchbruch als Opernkomponist. Neben der begeistert aufgenommenen Musik, die Händel zum großen Teil aus seinen früheren italienischen Werken übernommen hatte, überzeugte auch das Libretto mit der dicht gewobenen Handlung und den scharf gezeichneten Charakteren, das wahrscheinlich der Kardinal Vincenzo Grimani verfasst hatte, der gleichzeitig Vizekönig von Neapel unter den Habsburgern war und dessen Familie in Venedig das Theater gehörte, in dem die Uraufführung stattfand. Grimani hatte den Text bereits in den 1690er Jahren verfasst, und es ist anzunehmen, dass Händel das Libretto für seine Komposition noch bearbeitet hat. In London brachte Händel die Oper später nicht noch einmal heraus, übernahm allerdings einen Teil der Arien in Rinaldo und Il pastor fido. Auf dem europäischen Festland war Agrippina noch einige Jahre lang in weiteren Aufführungen zum Beispiel in Neapel und Hamburg zu erleben.

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Schlussapplaus von links: Ottone (Paul-Antoine Bénos-Djian), Nerone (Ève-Maud Hubeaux), Poppea (Eugénie Warnier), Agrippina (Ann Hallenberg), Christophe Rousset, Claudio (Arnaud Richard), Narciso (Ray Chenez), Pallante (Etienne Bazola) und Lesbo (Douglas Williams)

Die Handlung der Oper spielt im Jahr 50 n. Chr. und verquickt mehrere zeitlich nicht zusammengehörende historische Ereignisse, die in den Annalen des Tacitus und den Kaiser-Viten Suetons überliefert sind. Kaiserin Agrippina glaubt, dass ihr Ehemann Claudio (Claudius) in einem Sturm auf hoher See den Tod gefunden habe, und setzt nun alles daran, ihren Sohn Nerone (Nero) mit Hilfe der beiden Höflinge Pallante (Pallas) und Narciso (Narcissus) zum neuen neuen Kaiser wählen zu lassen. Doch Claudio ist von seinem Feldherrn Ottone (Otho) aus den Wogen des Meeres gerettet worden und verspricht diesem nun aus Dankbarkeit, ihn zu seinem Nachfolger zu ernennen. Agrippina plant eine Intrige, indem sie Poppea, die Ottone liebt, allerdings auch von Claudio und Nerone begehrt wird, einredet, dass Ottone sie zugunsten des Throns Claudio überlassen wolle. Poppea bewirkt daraufhin beim Kaiser, dass dieser Ottone fallen lässt und stattdessen Nerone zu seinem Nachfolger auswählt. Doch Poppea durchschaut den Schwindel und kann Ottone rehabilitieren. Agrippinas Ränkespiele fliegen auf. Allerdings kann sie sich mit der Entschuldigung retten, nur in Claudios Interesse gehandelt zu haben. Da Ottone für Poppea auf den Thron verzichten will, lenkt Claudio ein und ernennt Nerone erneut zu einem Nachfolger. Giunone (Juno) steigt vom Himmel herab, um Rom eine glanzvolle Zukunft zu verkünden.

Wie bereits bei dem Festkonzert Gender Stories vor einer Woche handelt es sich auch bei dieser konzertanten Aufführung um eine Kooperation mit dem Klangvokal Musikfestival in Dortmund. Während in Dortmund die Titelpartie allerdings von Maite Beaumont interpretiert wurde, ist in der Konzerthalle Ulrichskirche in Halle Ann Hallenberg zu erleben, die bei den Händel-Festspielen  in Halle aus den letzten Jahren noch in guter Erinnerung sein dürfte. Zu erwähnen sind beispielsweise die Partie des Tirinto in der konzertanten Aufführung von Händels Imeneo vor vier Jahren (siehe auch unsere Rezension) und die Rolle der Dejanira in der szenischen Produktion des Hercules an der Oper Halle 2004. Mit der Figur der Agrippina hat sie sich in ihrer Karriere bereits sehr intensiv beschäftigt. So brachte sie 2016 eine CD mit unterschiedlichen Agrippina-Arien von zehn Komponisten des 18. Jahrhunderts heraus und schlüpfte in den letzten beiden Jahren mehrere Male in die Rolle der intriganten Kaisergattin. So versucht sie, der konzertanten Aufführung eine kleine szenische Note zu geben, indem sie das Ränkespiel dieser wohl einflussreichsten Frau des ersten nachchristlichen Jahrhunderts mit überzeugender Mimik und kleinen Gesten unterstreicht. Auch stimmlich begeistert sie durch einen farbigen Mezzosopran, mit dem sie die unterschiedlichen Nuancen der Kaiserin differenziert herausarbeitet. Mit beweglichen Koloraturen punktet sie in ihrer ersten Arie "L'alma mia fra le tempeste", wenn sie voller Zuversicht ihre Intrigen gestartet hat, und glaubt sich zum Ende des ersten Aktes mit "Ho un non so che nel cor" am Ziel, wenn sie ihren Gatten dahingehend manipuliert hat, ihren Sohn als zukünftigen Kaiser auf den Thron zu setzen.

Ob es allerdings sinnvoll ist, die Pause inmitten des zweiten Aktes direkt vor ihre große Arie "Pensieri, voi mi tormentate" zu legen, ist diskutabel. Hier kann Hallenberg nicht die dramatischen Wahnvorstellungen transportieren, die die Musiker der Talens lyriques unter Leitung von Christophe Rousset hier herauszukitzeln versuchen. Hallenberg singt die Koloraturen zwar sauber und schön aus, bleibt allerdings dabei zu harmlos, so dass man ihr die in die Enge getriebene Kaiserin in diesem Moment nicht ganz abnimmt. Vielleicht hätte man die Pause nach dieser Arie ansetzen sollen, da Hallenberg dann direkter in den vorangegangenen Ereignissen eingebunden gewesen wäre, die diese Reaktion bei der Kaiserin auslösen. Mit Arnaud Richard steht Hallenberg ein Kaiser Claudio zur Seite, der die kaiserliche Autorität mit profundem Bass und dunklen Tiefen unterstreicht. Dabei zeigt er sich in den Läufen stets flexibel und verfügt auch über komisches Potenzial, wenn er Poppea seine Liebe bekundet. In seiner großen Arie im zweiten Akt "Cade il mondo soggiogato" lässt er mit großer vokaler Kraft die vom Kaiser bezwungene Welt auch stimmlich in die Tiefe stürzen.

Ève-Maud Hubeaux begeistert als Nerone mit dunkel gefärbtem Mezzosopran. Während Nerone in seinen ersten Arien lediglich als Marionette seiner Mutter agiert, emanzipiert er sich im Verlauf des Stückes. Seine letzte Arie "Come nube che fugge dal vento" gibt schon einen Ausblick auf die Schrecken, die unter seiner Herrschaft noch folgen sollen. Hubeaux legt diese Arie mit atemberaubenden Koloraturen und sehr flexibler Stimmführung an. Als weiterer Star des Abends darf Paul-Antoine Bénos-Djian als Ottone bezeichnet werden. Sein Countertenor verfügt über sehr weiche und dabei aber dennoch viril klingende Höhen, die ihn für einen barocken Helden prädestinieren. Schließlich wird er nach Nerones Sturz im Vier-Kaiser-Jahr zumindest für einen kurzen Zeitraum die Macht übernehmen. Mit großer Leidensfähigkeit begeistert er in seiner Arie im zweiten Akt, "Voi che udite il mio lamento", wenn er beklagt, von allen im Stich gelassen zu werden, und dabei wunderbar melancholische Töne findet, die unter die Haut gehen. Einen weiteren Höhepunkt stellt seine Arie "Tacerò, tacerò" im dritten Akt dar, wenn er Poppea verspricht, sich im Schrank zu verstecken und ihr Spiel mit Nerone und Claudio geduldig zu ertragen. Eugénie Warnier bleibt als Poppea dagegen stimmlich etwas blass, was aber vielleicht auch der Akustik in der Ulrichskirche geschuldet sein mag. Etienne Bazola und Ray Chenez statten die intriganten Höflinge Pallante und Narciso mit kräftigem Bariton bzw. weichem Countertenor aus. Douglas Williams rundet als Diener des Königs mit solidem Bass die Ensemble-Leistung wunderbar ab. Die letzte Szene mit dem Auftritt der Göttin Giunone ist in dieser konzertanten Aufführung genauso gestrichen wie kleinere Szenen in den einzelnen Akten, so dass das Werk mit einem Jubelchor endet. Christophe Rousset lotet mit dem von ihm 1991 gegründeten Ensemble Les Talens lyriques die Feinheiten der Partitur differenziert aus, so dass es am Ende großen Beifall für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Die konzertante Aufführung arbeitet die musikalischen Qualitäten des Werkes wunderbar heraus und belegt, dass Händel hiermit ein frühes Meisterwerk gelungen ist.

Weitere Rezensionen zu den Händel-Festspielen 2019 in Halle

 

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christophe Rousset

 

Les Talens lyriques

 

Solisten

Agrippina, Gemahlin des Kaisers Claudio
Ann Hallenberg

Claudio, Kaiser von Rom
Arnaud Richard

Nerone, Sohn der Agrippina aus erster Ehe
Ève-Maud Hubeaux

Ottone, Feldherr des Kaisers
Paul-Antoine Bénos-Djian

Poppea, edle Römerin, später Nerones Frau
Eugénie Warnier

Narciso, Höfling
Ray Chenez

Pallante, Höfling
Etienne Bazola

Lesbo, Diener des Kaisers
Douglas Williams

 

Weitere
Informationen

erhalten Sie unter
Händel-Festspiele in Halle
(Homepage)



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