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Ruhrtriennale 2018 - 2020 (Intendantin: Stefanie Carp)

21.08.2019 - 29.09.2019

 

Gefährliche Operette. Eine Wiederbelebung

Musiktheater-Revue (Uraufführung)
Texte von Schorsch Kamerun, Wiglaf Droste, Guillaume Apollinaire, Kurt Tucholsky u. a.
Musik von Gordon Kampe

In deutscher, englischer und französischer Sprache

Dauer: ca. 1h 20' (keine Pause)

Auftragswerk von ascolta mit Unterstützung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg und der Ruhrtriennale

Premiere im Maschinenhaus Essen am 4. September 2019

Logo: Ruhrtriennale 2018

Revue mit viel Alkohol

von Thomas Molke / Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker / Ruhrtriennale 2019

Die Operette, die "kleine Schwester" der Oper, ist heute recht umstritten. Während sie sich in den Opernhäusern häufig beim Publikum großer Beliebtheit erfreut und bei in der Regel eher konventionellen Inszenierungen für ausverkaufte Veranstaltungen sorgt, tun sich Theatermacher häufig schwer mit diesem Genre, weil sie "Patina angesetzt" habe und von "Kitsch, Kommerz und geschmacklichen Grausamkeiten in den letzten 120 Jahren zugemüllt worden" sei. So wird im Programmheft der Komponist des Abends, Gordon Kampe, zitiert, der in einer Musiktheater-Revue im Rahmen der Ruhrtriennale nun erproben will, ob nicht doch noch "etwas Leben in der Gattung" stecke.  So hat er diesen Abend Gefährliche Operette. Eine Wiederbelebung genannt. Ob oder was an diesem Abend aber wiederbelebt wird, bleibt nach 80 Minuten ohne Pause fraglich. Die "gute alte Operette" ist es jedenfalls nicht.

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Daniel Gloger mit den Musikern von ascolta und Catherine Larsen-Maguire am Pult bei der Eröffnungsnummer "Cancan"

Schon das siebenköpfige Orchester ascolta, das sich seit 2003 vor allem in der Neuen Musik-Landschaft einen Namen gemacht hat, wirkt mit nur einem Streicher für diese Gattung genauso untypisch wie der Auftritt des Countertenors Daniel Gloger, dessen Stimmlage man vielleicht eher mit Barock- als mit Operettenklängen assoziieren dürfte. So warten Operetten-Fans an diesem Abend vergeblich auf die im Programmheft angedeuteten Anklänge an Jacques Offenbach oder Johann Strauss. Stattdessen erlebt man eine lose Folge von insgesamt 16 musikalischen Nummern, bei denen kein inhaltlicher Zusammenhang erkennbar wird. Vor den Musikern sind kleine Revuetische positioniert, auf denen sich nicht nur der für die Operette so typische Champagner oder Rotwein sondern auch härtere Getränke befinden. Damit versorgt die musikalische Leiterin des Abends Catherine Larsen-Maguire im Laufe des Programms auch immer wieder die Musiker und Gloger, als ob man die teilweise sehr schräge Musik nur im Suff ertragen könne. Vereinzelte Zuschauer verlassen auch bereits ab der dritten Nummer den Saal. Sie hatten sich wohl unter dem Titel Operette etwas anderes vorgestellt und wohl das vorgestellte Attribut gefährlich unterschätzt.

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Glogers Outfit trügt. Mit Operette hat die Musik hier sehr wenig zu tun.

Die Texte stammen unter anderem von Schorsch Kamerun, der Besuchern der Ruhrtriennale vielleicht aus dem letzten Jahr noch von den Nordstadt-Phantasien in Erinnerung ist, und sind genauso schräg wie die Musik, mit der Kampe sie untermalt. So hat man vielleicht beim ersten Lied mit dem Titel "Cancan" noch die Hoffnung eine Hommage an Offenbach zu bekommen, was sich allerdings nicht erfüllt. Gloger wechselt bei seinen Vorträgen häufig zwischen baritonaler Bruststimme und hoher Kopfstimme. Da die Texte nicht immer im Detail zu verstehen sind, findet man sie auch im Programmheft, ohne dabei weitere Einsichten zu gewinnen. Zwischen den einzelnen Liedern wechselt Gloger die Kostüme, verwandelt sich mal in eine mondäne Dame und dann in einen autoritären General und überzeugt mit äußerst schrägem Spiel. Teilweise geht es dabei auch sehr makaber zu. Auf einen Text von Guillaume Apollinaire beschreibt Gloger in einer Moritat mit dem Titel "Vogellied", wie er langsam und voller Lust einen kleinen Vogel aufschneidet. Das Orchester jagt mit lautmalerischem Klang bei dieser grausamen Geschichte dem Publikum einen regelrechten Schauer des Ekels über den Rücken.

Die fast zärtlich anmutende Komposition zu Zitaten aus Reden des amerikanischen Präsidenten Donald Trump steht in einem krassen Gegensatz zum Inhalt, wenn Gloger zuckersüß und verführerisch die Errichtung einer Mauer verspricht. Als schockierender Einspielung erfolgt später auch noch Alexander Gaulands Drohung nach der Bundestagswahl, "Wir werden sie jagen". Hierbei wird allerdings auf Musik verzichtet. Ab und zu präsentiert sich der Abend auch komisch, wenn Gloger sich in eine weiße Decke wirft, die wie ein Dalmatiner gepunktet ist, und den Flachwitz erzählt, dass ein Dalmatiner an der Supermarktkasse gefragt werde, ob er Punkte sammle.

Auf "Ohrwürmer", die in der Einführung versprochen werden, wartet man an diesem Abend vergeblich. Immer wenn Gloger und das Orchester beginnt, melodisch einen eingängigen Rhythmus zu präsentieren, wird dieser Ansatz im nächsten Moment konterkariert. Bei "Damit haben sie kein Glück, in der Bundesrepublik" denkt man zunächst an einen Schlager aus der Zeit des Wirtschaftswunders, wird aber bereit nach ein paar Takten wieder aus dieser Melodienseligkeit gerissen. Am eingängigsten dürfte vielleicht der melancholische Walzer "Ehestand der Dinge" sein, bei dem Gloger als mondäne Dame Wiglaf Droste zitiert: "Worum es geht, ist nichts mehr müssen, bloß lieben und lachen und küssen". Da schimmert vielleicht ein ganz klein wenig Operettenseligkeit durch. Am Ende wird es dann französisch, wobei "Je vais pisser", was Gloger dann immer schneller wiederholt, wieder im Kontrast zum melodischen Klang des Chansons steht. Das Publikum spendet den Musikern, Gloger und dem Komponisten am Ende für diesen doch recht verwirrenden Abend freundlichen Beifall.

FAZIT

Der Titel des Abends hält nicht, was er verspricht. Mit Operette hat die Veranstaltung nichts zu tun. Da wird nichts wiederbelebt, auch nicht mit Alkohol.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Catherine Larsen-Maguire

 

ascolta
Violoncello
Erik Borgir

Posaune
Andrew Digby

Klavier
Felix Nagl (als Gast)

Schlagzeug
Julian Belli
Boris Müller

Trompete
Markus Schwind

E-Gitarre
Hubert Steiner


Solist

Countertenor
Daniel Gloger




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