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Winter in Schwetzingen

Das Barock-Fest im Rokokotheater des Schlosses
01.12.2019 - 31.01.2020

Die getreue Alceste

Oper in drei Akten
Libretto von Johann Ulrich König, arrangiert und adaptiert von Christina Pluhar
Heidelberger Spielfassung von Haru Kitamika basierend auf einer Edition von Ira Hochman
Musik von Georg Caspar Schürmann


In deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 25' (eine Pause)

Premiere im Rokokotheater Schwetzingen am 1. Dezember 2019
(rezensierte Aufführung: 15.12.2019)

 


 

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Griechische Mythologie in deutscher Barockoper

Von Thomas Molke / Fotos: Susanne Reichardt

Nachdem man sich seit dem Bestehen des Barock-Festivals Winter in Schwetzingen der italienischen Barockoper gewidmet hat, schlägt man in diesem Jahr eine neue Richtung ein und rückt die in der "Renaissance der Barockmusik" bisher sträflich vernachlässigte deutsche Barockoper ins Zentrum. Den Anfang macht dabei Georg Caspar Schürmann, der in den insgesamt 54 Jahren, in denen er ab 1697 bis zu seinem Tod 1751 die Geschicke des Braunschweiger Opernhauses am Hagenmarkt lenkte, das Haus im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts zum zweiten großen Zentrum der norddeutschen Barockmusik ausbaute und der in dieser Zeit auch an der Hamburger Gänsemarkt-Oper große Erfolge feiern konnte. Dabei war er nicht nur als Komponist erfolgreich, von dem spätere Größen wie Johann Adolf Hasse und Carl Heinrich Graun profitierten, sondern er trat in seinen Werken auch in den Hauptpartien als Sänger auf. Als Falsettist kann er damit als direkter Vorläufer der heutigen Countertenöre betrachtet werden. In seiner im Februar 1719 uraufgeführten Oper Die getreue Alceste schlüpfte er in die Rolle des Königs Admetus, der bei der Übernahme in Hamburg von einem Kastraten gesungen wurde. Des Weiteren wurden für die Hamburger Fassung nach der damaligen Mode zahlreiche italienische Arien eingefügt, um den Solisten die Möglichkeit zu geben, ihre stimmlichen Fähigkeiten noch weiter unter Beweis zu stellen. In Schwetzingen arbeitet man nun mit der Braunschweiger Fassung, die Christina Pluhar musikalisch arrangiert und adaptiert hat und für die Haru Kitamika eine "Heidelberger Spielfassung" erstellt hat.

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Wer soll sich für Admetus (Rupert Enticknap, vorne rechts auf dem Boden liegend) opfern? Von links: Pheres (Stefan Sbonnik), Cleantes (Aline Quentin), Alceste (Sophie Junker), Hyppolite (Elisabeth Breuer), Hercules (Ipča Ramanović) oder Cephise (Emmanuelle de Negri)

Erzählt wird die mythologische Geschichte der Alceste, die vor allem in der Fassung des griechischen Tragödiendichters Euripides um 438 v. Chr. große Bekanntheit erlangte. Darin erfährt Admetus, der König von Thessalien, dass er bald sterben muss und dem Tod nur entgehen kann, wenn sich ein anderer Mensch bereiterklärt, für ihn zu sterben. Dieses Opfer will nur seine Gattin Alceste auf sich nehmen. Bei Euripides nimmt Admetus dieses Angebot an, und es ist der Held Hercules, der die traurige Geschichte zum Guten wendet, da er nach Alcestes Tod gerade am Königshof zu Besuch ist und im Kampf mit dem Tod Alceste aus der Unterwelt zurückholt. Im Gegensatz zu der 1674 uraufgeführten französischen Tragédie-lyrique von Lully, die im Libretto von Philippe Quinault der antiken Vorlage relativ nah folgt, führen Schürmann und sein Librettist Johann Ulrich König einige Änderungen ein. Hier trifft Hercules die Entscheidung, Alceste aus der Unterwelt zurückzuholen, nicht ganz uneigennützig, da er selbst in Alceste verliebt ist. So stellt er Admetus die Bedingung, Alceste anschließend als Ehefrau zu erhalten. Hinzu kommt noch die amazonische Prinzessin Hyppolite, die unsterblich in Hercules verliebt ist und ihm in Männerkleidung folgt. Als sie sich schließlich zu erkennen gibt und aus Verzweiflung töten will, beschließt Hercules, sich ihr zuzuwenden, zumal er erkennt, dass er das Herz der aus der Unterwelt befreiten Alceste nicht für sich gewinnen kann. Als drittes nahezu gleichberechtigtes Paar streiten sich noch Cephise, Alcestes Vertraute, und Strato, ein Vertrauter des Königs Licomedes, der wiederum Admetus Alceste streitig machen will und von diesem im Zweikampf getötet wird. So ist es auch Licomedes, der bei Schürmann Admetus die tödliche Wunde zufügt, die nur Alceste mit ihrem Opfer zu heilen vermag.

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Alceste (Sophie Junker) opfert sich für Admetus (Rupert Enticknap).

Das Regie-Team um Jan Eßinger beginnt mit der Inszenierung in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und siedelt die bevorstehende Hochzeit zwischen Admetus und Alceste in einem Hotel auf einer griechischen Insel an, wo die High Society ausgelassen feiert. Benita Roth deutet mit ihrem weiß gehaltenen Bühnenbild vor hellblauem Hintergrund eine sommerliche Strandatmosphäre an, in der der Alkohol fließt und natürlich Zigaretten und Zigarren unabdingbar sind. Hier kommt es zum Eklat zwischen Licomedes und Admetus, was in der Entführung Alcestes endet. Die Verfolgung wird sofort aufgenommen. Dabei scheinen wohl alle in einen Sturm zu kommen, wie auch die Musik andeutet. Für das zweite Bild hat Roth einen dunklen grünen Wald entworfen, der merkwürdig surreal wirkt. Hierhin verschleppt Licomedes Alceste, und hier tauchen auch nacheinander die anderen Figuren auf. Die Büsche im Hintergrund geben dabei geeignete Versteckmöglichkeiten. Die Götter werden in diesen beiden Bildern auf ein Minimum reduziert. So taucht im ersten Bild Thetis auf, die ein Unwetter heraufbeschwört, dass die Verfolgung des Licomedes zunächst vereitelt. Im Gegensatz zu den anderen Figuren wirkt Thetis in ihrem langen wallenden Kleid und der dunklen Maske wie ein Fremdkörper. Pallas, die im zweiten Bild das Orakel verkündet, hört man nur aus dem Off.

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So hätte die Zukunft aussehen können: Alceste (Sophie Junker, vorne) hat eine Vision von einem glücklichen Leben mit ihrem Gatten Admetus (Rupert Enticknap, mit einer Statistin als Alceste).

Im dritten Bild lässt Roth das Publikum in ein nahezu barockes Ambiente eintauchen. Zwei Vorhänge hängen von der Bühne herab, auf denen man bräunliches Herbstlaub sieht. Davor stehen Pluto und Proserpine in üppigen Gewändern, die die Farben und Blätterstruktur auf ihren Kostümen aufnehmen und damit gewissermaßen mit dem Hintergrund verschmelzen. Wieso sie dabei einen schwarzen Janus-Kopf tragen, erschließt sich nicht. Vielleicht soll damit ihr göttlicher Charakter betont werden. Zwischen ihnen sitzt Alceste auf einer Bank und sieht hinter dem Vorhang verschiedene Visionen ihrer Zukunft, die vielleicht eingetreten wäre, wenn sie sich nicht geopfert hätte. Zunächst sieht sie sich auf einer Bank mit Admetus, was eine gewisse Wehmut in ihr auslöst. Die nächste Einblendung zeigt sie in enger Umarmung mit Hercules, was sie sichtlich verwirrt. Schließlich weiß sie noch nichts von der Abmachung zwischen ihrem Gatten und Hercules. Das dritte Bild lässt sie dann regelrecht verzweifeln. Auf einer Bank sieht sie sich als Mutter mit zwei kleinen Kindern, eine Zukunft, die sie für endgültig verloren hält und die beruhigenden, tröstenden Worte Plutos und Proserpines ad absurdum führt. Dann taucht Hercules auf. Der Kahn, mit dem der Fährmann Charon die Toten über den Styx transportiert, ragt zwischen den beiden Vorhängen auf die Bühne. Irgendwie wirkt Hercules' Ankunft bei den Göttern der Unterwelt wie bei Orpheus und man erwartet, dass er Alceste nur mit einer gewissen Auflage zurückbekommt. Von daher wirkt es dramaturgisch nahezu schwach, dass er Alceste einfach wieder zurück in die Oberwelt nehmen darf. Dies muss aber eher der Oper als der Inszenierung angelastet werden.

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Hercules (Ipča Ramanović) bringt die tote Alceste (Sophie Junker, auf dem Boden liegend mit Emmanuelle de Negri als Cephise) aus der Unterwelt zurück.

Das vierte Bild lässt Eßinger auf einer komplett leeren Bühne spielen. Alceste liegt immer noch tot auf der Bühne, während die anderen Figuren um sie herumstehen. In der Ferne sieht man in einem einsamen Scheinwerfer Hercules, der sich scheinbar gerade auf dem Rückweg aus der Unterwelt befindet. Wenn er zu den anderen gelangt, streicht er Alceste über die Augen, und Alceste erwacht wieder zu neuem Leben. Während Alceste und Admetus bereit sind, sich in ihr Schicksal zu fügen, und rührend voneinander Abschied nehmen, erkennt Hercules, dass er Alceste niemals für sich gewinnen wird, und nähert sich bereits Hyppolite an, um zu prüfen, ob er auch mit dieser Frau glücklich werden kann. Dem folgenden glücklichen Ende scheint Eßinger allerdings nicht wirklich zu trauen. So lässt er die Protagonisten beim Schlussjubel alle einzeln im Hintergrund der Bühne verschwinden. Steigt am Ende jeder in die Unterwelt hinab? Soll damit ausgesagt werden, dass am Ende (im Tod) doch jeder allein ist? Hier gibt Eßinger keine eindeutige Antwort, was der Aufführung szenisch aber keinen Abbruch tut.

Musikalisch hat Schürmann einiges zu bieten, was hoffen lässt, dass dieser Komponist auch weiteren Theatern interessant genug scheint, ihn dem Vergessen zu erreichen. Christina Pluhar lotet mit dem Philharmonischen Orchester Heidelberg die feinen Nuancen von Schürmanns Musik differenziert aus und bietet einen wunderbar barocken Klang. Sophie Junker glänzt in der Titelpartie mit einem strahlenden Sopran und überzeugendem Spiel. Besonders intensiv gestaltet sie den Moment im zweiten Bild, wenn sie erkennt, dass sie die einzige ist, die bereit ist, sich für ihren Gatten zu opfern, und auch Alcestes Gefühle in der Unterwelt werden von Junker bewegend umgesetzt. Rupert Enticknap steht ihr als Admetus mit beweglichem Countertenor zur Seite, der sich in der Mittellage sehr kraftvoll zeigt und in den Höhen zu leuchten vermag. Ein Höhepunkt ist seine Arie im zweiten Bild, als er tödlich verwundet von seiner geliebten Gattin Abschied nimmt. Hier finden Enticknap und Junker zu einer ebenso intensiven Innigkeit wie im vierten Bild, wenn sie verzweifelt versuchen, voneinander Abschied zu nehmen, da Admetus Alceste ja Hercules versprochen hat. Ipča Ramanović verfügt als Hercules über einen virilen Bariton, der vor allem im dritten Bild in der Unterwelt mit markanten Tiefen begeistert. Elisabeth Breuer gestaltet die Partie der Hyppolite mit einem mädchenhaften Sopran und macht szenisch die großen Gefühle der Prinzessin für Hercules glaubhaft. Emmanuelle de Negri lässt sich als Cephise zwar als stimmlich leicht indisponiert ansagen, begeistert aber ebenfalls mit leuchtendem Sopran und frechem Spiel. Stefan Sbonnik, Lars Conrad, Aline Quentin, Baiba Urka und Maximilian Haschemi runden in den kleineren Partien das spielfreudige Ensemble überzeugend ab, so dass es für alle Beteiligten am Ende verdienten Applaus gibt.

FAZIT

Von diesem Komponisten möchte man gerne mehr hören. Es bleibt zu hoffen, dass der Winter in Schwetzingen in den kommenden Jahren ebenso spannende deutsche Barockperlen entdeckt.

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Produktionsteam  

Musikalische Leitung
*Christina Pluhar /
Claudio Novati

Regie
Jan Eßinger

Bühne und Kostüme
Benita Roth

Licht
Wolfgang Philipp

Dramaturgie
Thomas Böckstiegel



Philharmonisches Orchester Heidelberg

Theorbe & Barockgitarre
Nacho Laguna

Viola da gamba
Rodney Prada

Cembalo
Claudio Novati

Cembalo & Orgel
Johannes Zimmermann

Statisterie des Theaters und
Orchesters Heidelberg

 

Solisten 

Alceste, Verlobte des Admetus
Sophie Junker

Admetus, König in Thessalien
Rupert Enticknap

Hercules, Admetus' treuer Freund
Ipča Ramanović

Hyppolite, amazonische Prinzessin
Elisabeth Breuer

Pheres, Admetus' Vater /
Licomedes, König der Insel Scyros

Stefan Sbonnik

Cephise, Alcestes Vertraute
Emmanuelle de Negri

Strato, Vertrauter des Licomedes /
Charon, Fährmann der Unterwelt

Lars Conrad

Cleantes, Admetus' Page
Aline Quentin

Thetis, Beherrscherin der Wellen und
Schwester des Licomedes
/
Pallas, Göttin der Klugheit /
Proseropine, Gemahlin des Pluto
Baiba Urka

Pluto, Gott der Totenwelt
Maximilian Haschemi





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