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Rossini in Wildbad
Belcanto Opera Festival
11.07.2019 - 28.07.2019


I tre gobbi (Die drei Buckligen)

Salonoper in zwei Akten
Libretto nach Carlo Goldoni
Musik von Manuel García

In italienischer Sprache mit italienischen und deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1 h 55' (eine Pause)

Produktion von Passionart

Gastspiel-Premiere im Königlichen Kurtheater am 13. Juli 2019

 

 

 

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Ménage à quatre

Von Thomas Molke / Fotos: Fabio Salmeri

Manuel del Pópulo Vicente García zählte zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht nur zu den berühmtesten Tenören seiner Zeit und sang 1816 in der Uraufführung von Rossinis Il barbiere di Siviglia in Rom die Partie des Conte Almaviva mit so riesigem Erfolg, dass er sogar durchsetzen konnte, dass das Stück zunächst unter dem Titel Almaviva o sia L'inutile precauzione lief. Er ging auch als bedeutender spanischer Komponist in die Musikgeschichte ein, auch wenn sein Ruhm durch die Übermacht Rossinis schnell verblasste und in Vergessenheit geriet. Dabei soll Rossini Garcías kompositorische Fähigkeiten höher eingeschätzt haben als seine eigenen. Für den Barbiere übernahm er sogar für den Auftritt der Soldaten in Bartolos Haus eine Melodie, die aus Garcías wohl bedeutendster Opera buffa Il Califfo di Bagdad stammt, die drei Jahre zuvor in Neapel ihre Uraufführung erlebt hatte. Als Garcías Sänger-Karriere sich dem Ende neigte, betätigte er sich überwiegend als Gesangspädagoge in Paris. In diesem Rahmen entstanden mehrere Salonopern, die als Übung für seine Gesangsschüler gedacht waren und in privatem Rahmen aufgeführt wurden. Da diese Salonopern für in der Regel vier Solisten nur von einem Klavier begleitet werden, scheinen sie für das kleine Königliche Kurtheater in Bad Wildbad prädestiniert. Nachdem vor vier und zwei Jahren bereits Garcías Le cinesi als Gastspiel-Produktionen zu erleben war (siehe auch unsere Rezension), gibt es nun die 1831 in Paris uraufgeführte Salonoper I tre gobbi. Erarbeitet wurde die Produktion in Krakau, wo Festspiel-Intendant Jochen Schönleber mit dem Verein Passionart einen neuen Kooperationspartner gefunden hat. Während er den Verein beim Aufbau eines Opernfestivals unterstützt, werden dort Produktionen erarbeitet, die dann als Gastspiel nach Bad Wildbad kommen.

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Madama Vezzosa (Eleonora Bellocci) lässt den Marchese Parpagnacco (Javier Povedano) zappeln.

García ließ für die private Aufführung seiner Tre gobbi kein eigenes Libretto verfassen, sondern verwendete einen Text, den Carlo Goldoni 1749 für das Intermezzo La favola de' tre gobbi von Vincenzo Legrenzio Ciampi schrieb. Dieses Zwischenspiel erfreute sich am Teatro San Moisè in Venedig so großer Beliebtheit, dass es durch Antonio Groppo in eine Anthologie der besten venezianischen Luststücke aufgenommen wurde und einen regelrechten Siegeszug durch Europa antrat. Auch andere Komponisten vertonten das Libretto neu, unter anderem Georg Anton Benda. Erzählt wird die Geschichte der schönen, aber verschlagenen Bürgersfrau Madama Vezzosa, die von drei adeligen Herren umworben wird. Da ist zunächst der sehr reiche Marchese Parpagnacco, über dessen Buckel Madama Vezzosa wegen seines Reichtums gerne hinwegsieht. Auch der Barone Macacco macht der Dame den Hof. Wegen seines Stotterns und seines Äußeren kann Vezzosa aber auch ihn nur belächeln. Dritter im Bunde ist der Conte Bellavita, der trotz seines Buckels ein wahrer Kavalier zu sein scheint, im Gegenzug zu den anderen beiden allerdings die Großzügigkeit vermissen lässt. Nacheinander erscheinen die drei Herren bei Vezzosa und werden bei der Ankunft des nächsten in unterschiedlichen Zimmern versteckt, da Madama jeweils mit ihrem hitzköpfigen Bruder droht, der den Verehrer nicht in ihrer Nähe akzeptieren würde. Als sie schließlich die traute Zweisamkeit mit Bellavita genießt, kommen Parpagnacco und Macacco aus ihren Verstecken hervor, und der Betrug fliegt auf. Nach diversen Streitereien tritt Madama als verkleidete Dienerin Betta auf und verkündet im Namen ihrer Herrin die freie Liebe. So kann sie die drei Herren überzeugen, die Eifersucht zu verbannen und Madama gemeinsam zu lieben.

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Madama Vezzosa (Eleonora Bellocci) erschrickt bei so viel "Männlichkeit": Barone Macacco (Emmanuel Franco), im Hintergrund am Flügel: Andrés Jesús Gallucci.

Andrés Jesús Gallucci begleitet die Aufführung nicht nur am Flügel auf der Bühne, sondern übernimmt auch noch die stumme Rolle des Dieners der Madama. So tritt er zunächst mit einem Kassettenrekorder und einem Staubwedel auf und säubert zur Musik aus dem Rekorder die Bühne. Als er das Publikum im Saal bemerkt, erschrickt er, stellt die Musik aus und setzt sich pflichtbewusst an den Flügel, um die Ouvertüre zu beginnen. Regisseur Jochen Schönleber tritt nun während der Ouvertüre selbst mit einer großen Plastiktüte auf. Agiert er als Regisseur, wenn er unterschiedliche Requisiten aus der Tüte holt und auf der Bühne verteilt, oder übernimmt er den stummen Part des Dieners? Der Sinn dieses Auftrittes erschließt sich nicht wirklich. Auf die titelgebenden Buckel (gobbi) wird im ersten Akt verzichtet. Javier Povedano tritt als Marchese Parpagnacco als stattlicher Mann mit offenem Hemd und schickem Anzug auf, aus dessen Taschen der Reichtum in Form von Ketten herausquillt. Dass er die Anzugsjacke zunächst verkehrt herum trägt, mag ein Versuch sein, seine Attraktivität zu schmälern. Schönleber verleiht ihm als Makel im ersten Akt einen strengen Geruch, den die Madama bei seinen Annäherungsversuchen mit einer Dose Duftspray verzweifelt zu übertünchen versucht. Eleonora Bellocci agiert dabei mit großartiger Komik. Emmanuel Franco bewegt sich als Barone Macocco wie ein Affe über die Bühne. Anstelle einer Klingel hört man auch einen Affenschrei vor seinem Auftritt. Bemerkenswert ist der muskulöse Bauch, den Macacco unter seinem Sakko präsentiert. Die Mimik und Gestik lassen ihn allerdings derart lächerlich erscheinen, dass er für die Madama ebenfalls keine erstrebenswerte Partie darstellt. Patrick Kabongo gibt den Conte Bellavita als eitlen Gecken, der sich in schönen Posen gefällt. Die beiden Buckel, von denen im ersten Akt die Rede sind, bezieht er auf seine Muskeln an den Oberarmen.

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Der Conte Bellavita (Patrick Kabongo) umwirbt Madama Vezzosa (Eleonora Bellocci) mit Rosen.

Nach der Pause hat sich körperlich einiges verändert. Nun haben alle drei Verehrer einen Buckel und werden damit dem Titel des Stückes gerecht. Wo diese Buckel allerdings auf einmal herkommen sollen, erschließt sich nicht. Ist es wirklich die Eifersucht, die die Buckel hat wachsen lassen? Die anderen Makel bleiben jedenfalls erhalten. Wenn Eleonora Bellocci als Madama in die Rolle ihrer Dienerin Betta schlüpft, um die Herren zu bewegen, die Eifersucht zu verbannen, tritt sie als alte Hexe mit einem schwarzen Cape und einer roten Maske auf, so dass man sie wirklich nicht erkennen kann. Wenn die Herren dann einlenken und bereit sind, die Madama miteinander zu teilen, tritt sie ebenfalls mit Buckel auf, so dass aus den drei gewissermaßen vier Bucklige werden. Diese Ménage à quatre hat sie sich dann aber doch ein bisschen anders vorgestellt. Die Männer verbünden sich nämlich miteinander und überreichen ihr Handfeger und Kehrblech, um sie an ihre Aufgabe als devote Hausfrau zu erinnern, während sie gebannt vor einem imaginären Fernseher sitzen und ein Fußballspiel oder vergleichbares "Männerprogramm" verfolgen. Madama ist zunächst ein wenig frustriert, erinnert sich dann aber an ihren Diener, mit dem sie dann im Hinterzimmer verschwindet, während die drei Herren nicht begeistert davon sind, dass es jetzt noch einen vierten Mann gibt, dem Madama ihr Herz schenkt.

Musikalisch lässt vor allem das Finale im ersten Akt aufhorchen. Hier meint man Rossinis Genie in den schnellen Läufen heraushören zu können. Zunächst steigen die vier Protagonisten nacheinander in das Quartett mit einer relativ ruhigen Melodie ein, die dann "aus dem Ruder läuft", wenn die Figuren ihren Emotionen freien Lauf lassen. Dass im 2. Akt die musikalischen Nummern ein wenig umgestellt sind, ist ebenfalls dramaturgisch gut nachvollziehbar. So rutscht Parpagnaccos Arie, in der er seiner Wut eigentlich erst nach Madamas Auftritt als Dienerin Betta freien Lauf lässt, vor das geplante Duell mit Bellavita und das Terzett mit Bellavita und Macacco, in dem Bellavita und Parpagnacco beide versuchen, Macacco als Liebeskuppler für die alleinige Gunst der Madama zu gewinnen. So erfolgt das Einlenken direkt nach Vezzosas Arie.

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Madama Vezzosa (Eleonora Bellocci) liest als verkleidete Dienerin Betta den Männern die Leviten: Mitte: Conte Bellavita (Patrick Kabongo), rechts: Marchese Parpagnacco (Javier Povedano).

Die vier Solisten glänzen durch überbordende Spielfreude und begeistern auch musikalisch auf ganzer Linie. Da ist zunächst Eleonora Bellocci zu nennen, die mit kräftigem Sopran und ungeheuer komischer Mimik die listenreiche Madama Vezzosa gibt. Wie sie die drei Männer zappeln lässt, wird von ihr großartig umgesetzt. Dabei punktet sie mit strahlenden Koloraturen und präsentiert sich absolut selbstverliebt, wenn sie zu Beginn in noch nicht so ganz schickem Outfit ihre Reize preist. Javier Povedano begeistert als Marchese Parpagnacco mit markantem Bass und virilem Spiel. Dass der Marchese dabei etwas streng riecht, unterstreicht dabei noch seine "Männlichkeit". Emmanuel Franco leistet als Barone Macacco Unglaubliches. Wie perfekt er das Stottern in den Gesang einbaut, ist wirklich beachtlich. Stimmlich überzeugt er durch kräftiges Volumen in den Tiefen und in der Mittellage. Einen kleinen Moment darf er am Ende auch unter Beweis stellen, dass er sich neben der komischen Mimik und Gestik auch durchaus machohaft gebärden kann und Madama mit einem Griff an eine bestimmte Stelle zu höchsten Tönen verhilft. Patrick Kabongo stattet den Conte Bellavita mit einem geschmeidigen Tenor aus, der in den Höhen über große Strahlkraft verfügt. Mit affektierten Posen wird er der Eitelkeit der Figur mehr als gerecht. Andrés Jesús Gallucci begeistert am Flügel nicht nur durch eine großartige Begleitung, sondern beweist auch in der Rolle des stummen Dieners großes komisches Talent. Mit viel Spaß zelebriert er seinen Auftritt nach der Pause, wenn ihn das Publikum mit großem Beifall empfängt und er zunächst erschrocken wirkt, dann aber im Applaus regelrecht badet und gar nicht zu seinem Flügel gehen möchte.

FAZIT

I tre gobbi bietet Unterhaltung pur und ist für eine Aufführung im Königlichen Kurtheater prädestiniert. Das Ensemble setzt die Geschichte musikalisch und darstellerisch hervorragend um.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung / Klavier
Andrés Jesús Gallucci

Regie und Bühnenbild
Jochen Schönleber

Kostüme
Martin Warth

Licht
Oliver Porst

 

Solisten

Madama Vezzosa
Eleonora Bellocci

Il conte Bellavita
Patrick Kabongo

Il barone Macacco
Emmanuel Franco

Il marchese Parpagnacco
Javier Povedano

 


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