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Festival Aix en Provence 2021

Le nozze di Figaro (Figaros Hochzeit)

Opera buffa in vier Akten
Libretto von Lorenzo da Ponte nach dem Schauspiel von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais
Musik von Wolfgang A. Mozart


In italienischer Sprache mit französischen und englischen Übertiteln
Aufführungsdauer: 3h (eine Pause)

Koproduktion mit dem Teatro Real Madrid

Premiere am 30. Juni 2021 im Théâtre de l'Archevêché, Aix-en-Provence


Homepage

Festival Aix en Provence
(Homepage)

Achtung: Riesenphallus im Schrank

Von Joachim Lange / Foto von © Jean Louis Fernandez

Vielleicht sollte dieser Figaro ja der Aufheiterung der coronagebeutelten Opernfreunde dienen. Und nebenbei noch dem Schlachtenlärm beim Kampf um die neue Superkorrektheit im Geschlechter-Verhältnis einen Dämpfer verpassen. Als Bewerbungsinszenierung für die Intendanz der Wiener Volksoper wäre diese verrückte Hochzeits-Nacht wohl eher ein gewagter Einsatz gewesen. Der ist aber nicht mehr nötig, denn der Drops ist gelutscht. Die bald 40jährige sympathische Holländerin Lotte de Beer hat den Posten ja bereits. Am 1. September 2022 wird sie die Nachfolge von Robert Meyer antreten. Und noch mal in der Ferne austoben, hat ja auch sein Gutes.

Foto kommt später

Cherubino und Susanna bei der Hausarbeit

In Aix-en-Provence hat de Beer das heuer wieder live stattfindende südfranzösische Festival eröffnet, das sich gerne als kleine Schwester von Salzburg geriert. Auch hier gilt Mozart als einer der Hausheiligen. Besonders fürs nächtliche Freiluftvergnügen im Théâtre de l'Archevêché. Einer der wenigen Lichtblicke in dieser ziemlich klamaukig geratenen Figaro-Inszenierung war der Moment, in dem einmal die Fassade des erzbischöflichen Palastes als Bühnenhintergrund pur aufschien. Ansonsten lassen Rae Smith (Bühne) und Jorine van Beek (Kostüme) vor allem ihrer Phantasie freien Lauf. Für einen Abend, der in der Ouvertüre vor einem imitierten Luxusvorhang wie ein Commedia dell'arte-Tiger losspringt, um dann als Slapstick-Bettvorleger zu landen. Links ein Guckkasten mit gräflichem Schlafzimmer, rechts ein zweiter mit Sitcomsofa. Dazwischen der Haushaltstrakt mit Riesenwaschmaschinen. Natürlich versteckt sich Cherubino in dem Frontlader und wird unfreiwillig ein paar Runden gewaschen oder getrocknet. Natürlich brennt sich das Bügeleisen sichtbar in die Grafenwäsche. Dass oben ein Leuchtkasten mit dem Signal zum Applaus und einer mit dem zum Lacher hängt, schafft kaum Distanz zum Klamauk, sondern gehört selbst dazu.


Vergrößerung in neuem Fenster Die Gräfin sieht dem Treiben mit ihrem Mann im Zentrum resigniert zu

Dass Cherubino beim Anblick der Gräfin vielsagend an sich herunterschaut, wäre ja noch okay. Hier aber hebt nicht nur ein Riesenständer sein Hemd, Susanna muss dieses übertriebene Phänomen auch noch als Bügelbrett benutzten, damit es auf der Bühne keiner merkt! Und für die, die es im Zuschauerraum immer noch nicht mitbekommen haben, kommen gleich mehrere Phalli in Lebensgröße aus dem Schrank und spielen von nun an mit. Wenn die Gräfin aus Frust Pillen schluckt und Susanna es gerade noch schafft, sie zu retten, mag das angehen. Doch dann füllt die Lebensmüde eine Schüssel mit Wasser und holt sich einen Föhn. Auch diesen Klassiker kann Susanna verhindern. Sie wird aber selbst zum Opfer eines Stromschlags und ihr stehen danach die Haare wie Struwwelpeter zu Berge. Dass beim Versuch der Gräfin, eine Flinte gegen sich zu richten, ein Schuss losgeht und die Wände einstürzen, hat da schon wieder eine gewisse Logik. Auf die Dauer wirkt das wie eine Studie zum Theater von Herbert Fritsch. Aber ohne dessen Energie.

Foto kommt später

Gestrickte Männlichkeit für die Frauen

Nach der Pause gibt es nur noch das Doppelbett in einem Neorahmenkubus. Und man hofft schon auf die Fallhöhe ins Ernsthafte, die diese Komödie ja immer auch hat. Aber dann stricken sie sich nacheinander opulent putzige Kostüme. Bei den Frauen (von Barbarina bis Marcellina) mit deutlich baumelndem männlichem Geschlecht und mit weiblichen Aufnähern für die Männer. Dass der Graf am Ende fast nackt dasteht, macht noch Sinn. In der Mitte der Bühne ist derweil ein phantasievoller Baum (mit Aststümpfen in Hundertwasserfarben) aufgeblasen worden. Und wirkt so opulent wie unverbindlich mittsommernächtlich vor sich hin.

Leider schaffen es auch Thomas Hengelbrock und sein Balthasar Neumann Ensemble nicht wirklich, den Abend in Richtung Mozartglück zu wenden. Was aus dem Graben kam, hätte zu einer feinsinnig eleganten Lesart auf der Bühne gut gepasst. So aber zündete weder der Versuch, den Bühnenklamauk zu bremsen, noch ihn einfach laufen zu lassen richtig. André Schuen als Figaro und Julia Fuchs als Susanna sind ein vokal ebenso solides Paar wie Gyula Orendt als pathologisch übergriffiger Graf und Jacqueline Wagner als Contessa. Dass die Barbarina von Elisabeth Boudreault als Klasse für sich heraussticht, spricht für sich.

Aix-en-Provence wirkt in diesem zweiten Coronasommer zwar deutlich weniger überfüllt als sonst, und es wird brav auf Gesundheitspass und Mund-Nasenmaske geachtet, aber statt im bewährten Schachbrettprinzip wie in Salzburg sitzt man hier so eng, als wär´ nichts.


FAZIT

Lotte de Beer macht aus Le nozze de Figaro in Aix-en-Provence ziemlich albernen Klamauk. Alles in Allem eine Inszenierung aus der Rubrik Vorhang-zu-und-viele-Fragen-offen.






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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Thomas Hengelbrock

Inszenierung
Lotte de Beer

Bühne
Rae Smith

Kostüme
Jorine van Beek

Licht
Alex Brok

Chor
Anne Perissé dit Prechacq

Dramaturgie
Peter te Nuyl



Statisterie

Chur du CNRR de Marseille

Balthasar Neumann Ensemble


Solisten

Figaro
Andrè Schuen

Susanna
Julie Fuchs

Il Conte di Almaviva
Gyula Orendt

La Contessa Almaviva
Jacquelyn Wagner

Cherubino
Lea Desandre

Marcellina
Monica Bacelli

Il Dottor Bartolo
Maurizio Muraro

Don Basilio / Don Curzio
Emiliano Gonzalez Toro

Barbarina
Elisabeth Boudreault

Antonio
Leonardo Galeazzi


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