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Tiroler Festspiele Erl Sommer

08.07.2021 - 01.08.2021


Königskinder

Märchenoper in drei Aufzügen
Libretto vom Komponisten nach dem Märchendrama von Ernst Rosmer (Pseudonym für Elsa Bernstein-Porges)
Musik von Engelbert Humperdinck

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 45' (zwei Pausen)

Premiere im Festspielhaus am 9. Juli 2021
(rezensierte Aufführung: Derniere am 17.07.2021)

 

 

 

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Todtrauriges Märchen

Von Thomas Molke / Fotos: Xiomara Bender (TFE Presse)

Engelbert Humperdinck wird in erster Linie immer mit seiner erfolgreichen Märchenoper Hänsel und Gretel assoziiert, die sich seit der Uraufführung ständig im Repertoire des Musiktheaters gehalten hat und auch heute noch zu den am meisten gespielten Werken in Deutschland, vor allem in der Vorweihnachtszeit, zählt. Den 13 weiteren Bühnenwerken, denen zu seinen Lebzeiten ebenfalls ein großer Erfolg beschieden war, wird keine allzu große Aufmerksamkeit mehr geschenkt. Vielleicht ist die musikalische Nähe zu Richard Wagner zu groß, den er 1880 in Neapel kennenlernte und an dessen Seite er für die Uraufführung des Parsifal in Bayreuth gearbeitet hatte. Auch Humperdincks Königskinder, die in den letzten Jahren wieder etwas mehr in den Fokus der deutschen Opernbühnen rücken, lassen mit den gewaltigen Naturbeschreibungen und Klangfarben erkennen, dass Humperdinck stark von Wagners Musikstil beeinflusst worden ist. Das Märchendrama der jüdischen Schriftstellerin Elsa Bernstein-Porges, das sie unter dem Pseudonym Ernst Rosmer veröffentlichte, inspirierte Humperdinck schon vier Jahre nach seinem großen Erfolg mit Hänsel und Gretel zu einem musikalischen Bühnendrama, das 1897 in München zur Uraufführung gelangte. Der Versuch der musikalischen Deklamation, bei der die Darsteller auf Tonhöhe sprachen, konnte sich allerdings nicht durchsetzen. So gestaltete Humperdinck es ab 1907 zu einer durchkomponierten Oper um, die am 28.12.1910 an der Metropolitan Opera eine umjubelte Premiere feierte und nicht nur Puccinis wenige Wochen zuvor uraufgeführte La fanciulla del West in der Publikumsgunst übertraf, sondern auch als "wichtigste Oper nach Parsifal" gepriesen wurde.

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Die Hexe (Katharina Magiera, hinten) will die Gänsemagd (Karen Vuong, vorne) von den Menschen und der Zivilisation fernhalten.

Im Gegensatz zu Hänsel und Gretel ist Humperdincks Märchenoper Königskinder eher ein todtrauriges Märchen für Erwachsene, da hier auf das glückliche Ende verzichtet wird. Erzählt wird die Geschichte der Gänsemagd, die von der Hexe als Ziehmutter im Wald von den Menschen ferngehalten wird. Als ein junger Königssohn, der den Königshof verlassen hat, um die Welt kennen zu lernen, der Gänsemagd im Wald begegnet, verlieben sie sich sofort ineinander, und er schenkt ihr seine Königskrone. Da die Gänsemagd den Wald jedoch aufgrund eines Zaubers der Hexe nicht verlassen kann, begibt sich der Königssohn enttäuscht nach Hellastadt, um dort als Schweinehirt bei einem Wirt zu arbeiten. Erst der Spielmann kann der Gänsemagd das Selbstvertrauen geben, den Zauber der Hexe zu durchbrechen und dem Königssohn in die Stadt zu folgen. Die Hexe hat mittlerweile den Bürgern von Hellastadt, die sich nach einem neuen König für den verwaisten Thron sehnen, prophezeit, dass beim zwölften Glockenschlag der neue König durch das Stadttor erscheinen werde. Als um 12 Uhr die Gänsemagd mit der Krone die Stadt betritt, fühlen sich die Bürger hintergangen, vertreiben die Gänsemagd und den als Schweinehirten getarnten Königssohn und verbrennen die Hexe. Nur der Spielmann und die Kinder erkennen in der Gänsemagd und dem Schweinehirten die Königskinder und machen sich auf die Suche nach ihnen. Von Hunger und Kälte getrieben tauschen der Königssohn und die Gänsemagd die Krone gegen ein Stück vergiftetes Brot ein, das die Gänsemagd einst auf Anweisung der Hexe gebacken hatte, und sterben, bevor der Spielmann und die Kinder sie finden.

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Der Holzhacker (Magnús Baldvinsson, rechts) berichtet den Bürgern von Hellastadt (von links: Wirtstochter (Kelsey Lauritano), Stallmagd (Valerie Eickhoff), Wirt (Oscar Hillebrandt), daneben der als Schweinehirt getarnte Königssohn (Gerard Schneider)) vom prophezeiten Einzug eines Königs in die Stadt.

Das Regie-Team um Matthew Wild betont in der Inszenierung die Gegensätze zwischen Natur und Zivilisation. So gestaltet Bühnenbildner Herbert Murauer für den ersten Aufzug einen zauberhaften Wald mit hohen Bäumen und einem seichten Bach, auf dem die Gänse der Gänsemagd als weiße Papiervögel schwimmen. Das Hexenhaus besteht aus einem heruntergekommenen Wohnmobil, das wahrscheinlich die Verbindung der Hexe zur Menschenwelt andeuten soll. Auch die Gaststätte im zweiten Aufzug besteht aus einem Wohnmobil, das als Würstchenbude umfunktioniert worden ist. Hellastadt besteht aus einer riesigen Tribüne, auf der die Bürger auf den Einzug des neuen, prophezeiten Königs warten. In an Sütterlin erinnernden Lettern prangt darüber der Gruß "Willkommen", der aber genauso falsch ist wie die Bürger der Stadt, die die Gänsemagd und den Schweinehirten nicht als Königspaar akzeptieren und aus der Stadt jagen. Ein von sattem Grün bekränztes Gelände weist in dieser kühlen Stadt noch auf einen kleinen Rest Natur hin, der sich in Form des Spielmanns und der Kinder erhalten hat. Im dritten Akt prallen dann die beiden Welten aufeinander und scheinen, sich gegenseitig zerstört zu haben. Von den Bäumen sind nur die nackten Äste übriggeblieben, der Bach ist versiegt und der Boden mit eisigem Schnee bedeckt. Hinter den kahlen Bäumen und dem ausgebrannten Wohnmobil der Hexe sieht man die Ruine eines weißen Gebäudes. Das Fehlen des Königs hat Hellastadt wohl ebenfalls eine graue und trostlose Zukunft beschert.

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Die Gänsemagd (Karen Vuong, Mitte) zieht mit Krone gefolgt vom Spielmann (Iain MacNeill) in Hellastadt ein (an den Seiten: Chor und Kinderchor, vorne rechts: der als Schweinehirt getarnte Königssohn (Gerard Schneider)).

Musikalisch lassen sich Parallelen zu Hänsel und Gretel höchstens im volksliedhaft eingesetzten Kinderchor finden. Hier verwendet Humperdinck geschmeidige, weiche Melodienbögen, die recht naiv und kindlich klingen. Der Kinderchor der Schule für Chorkunst München unter der Leitung von Maxim Matiuschenkov setzt diese Szenen warmherzig mit klaren Stimmen um und spendet in diesem ansonsten todtraurigen Stück ein kleines bisschen Trost. Hervorzuheben ist auch Alena Sys, die als Tochter des Besenbinders mit zartem Sopran glänzt und zunächst als einzige die wahre Identität des Schweinehirten und der Gänsemagd erkennt. Ansonsten wählt Humperdinck für jeden Aufzug eine ganz eigene Klangsprache. Während man im ersten Aufzug im tiefen dunklen Wald zahlreiche Anklänge an Wagners Siegfried ausmachen kann und im Vorspiel zum dritten Aufzug Wagners Tristan als großes Vorbild durchschimmert, wird die verlogene Gesellschaft Hellastadts mit einer Klangsprache eingeführt, die später von Alban Berg und Arnold Schönberg fortgesetzt worden wird. Karsten Januschke arbeitet mit dem Orchester der Tiroler Festspiele Erl die unterschiedlichen Stimmungen und Farben eindrucksvoll heraus und lässt das Publikum tief in diese gespaltene Welt eintauchen. Der von Olga Yanum einstudierte Chor der Tiroler Festspiele, der nur im zweiten Aufzug als Bürger der Stadt auftritt, überzeugt durch homogenen Klang und stellt die Verlogenheit der Gesellschaft erschreckend glaubhaft dar.

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Die Königskinder (Karen Vuong und Gerard Schneider) sterben gemeinsam am vergifteten Brot.

Die größtenteils sehr anspruchsvollen Solistenpartien sind allesamt hochkarätig besetzt. Da ist zunächst Karen Vuong als Gänsemagd zu nennen. Mit strahlendem Sopran unterstreicht sie die Reinheit dieser Figur, die zwar mit ihrem Leben im Wald bei der Hexe unglücklich ist, ihr Leid aber tapfer erträgt und sich ihrem Schicksal ergibt. Liebevoll kümmert sie sich um ihre Gänse und folgt den Weisungen der strengen Hexe stets ohne Widerworte. In einem kleinen Versteck hütet sie ein Buch, in dem sie wahrscheinlich Geschichten von einem Leben außerhalb ihres Waldes sammelt. Die Hexe reißt dieses Buch irgendwann in Stücke, um der Gänsemagd den Traum eines anderen, freien Lebens zu rauben. Katharina Magiera gestaltet die Hexe mit kräftigem Alt und intensivem Spiel. Welchen Zweck sie mit der Gänsemagd verfolgt, bleibt in der Geschichte recht offen. Wahrscheinlich möchte sie sie zu einer Hexe erziehen, weil sie selbst von den Menschen immer wieder enttäuscht worden ist. Dass ihr das nicht gelingt, macht sie sehr zornig und der Gänsemagd gegenüber ungerecht. Dem Spielmann ist es zu verdanken, dass sich die Gänsemagd aus den Klauen der Hexe befreien kann. Iain MacNeill interpretiert diese, wohl neben den Königskindern einzige positive Figur mit grandiosem Bariton und großartiger Textverständlichkeit.

Gerard Schneider stattet den Königssohn, der zu Beginn etwas orientierungslos und naiv auf der Suche nach seiner Identität durch das Stück irrt, mit höhensicherem Heldentenor aus. Sehr warmherzig gestaltet er die erste Szene mit Vuong, wenn sich die beiden im Wald begegnen. Mit wie viel Zärtlichkeit die Königskinder zusammenfinden, wird von Schneider und Vuong mit intensivem Spiel umgesetzt. Neben der Krone hinterlässt er der Gänsemagd auch seinen Schuh - Cinderella lässt grüßen -, den sie ihm in der Stadt, wenn sie ihn zu ihrem König ernennt, zurückgibt. Kelsey Lauritano müht sich als Wirtstochter mit intensivem Spiel und sattem Mezzo redlich, diesen Mann für sich zu gewinnen, und zahlt es ihm umso grausamer heim, als er sie abblitzen lässt. Auch die übrigen kleineren Partien sind gut besetzt. Valerie Eickhoff gefällt als lüsterne Stallmagd mit verruchtem Spiel und dunkel gefärbtem Mezzosopran. Magnús Baldvinsson stattet den Holzhacker mit profundem Bass aus. Jaeil Kim punktet als Besenbinder mit hellem Tenor. Wenn die Königskinder von den beiden gegen Zahlung der Krone am Ende das vergiftete Brot kaufen und essen, rühren Vuong und Schneider in ihrer Sterbeszene mit intensivem Spiel und wunderbar aufeinander abgestimmtem Gesang zu Tränen. So gibt es am Ende verdienten und großen Jubel für alle Beteiligten.

FAZIT

Es muss nicht immer Hänsel und Gretel sein. Auch in Humperdincks Königskindern ist musikalisch einiges zu entdecken. Die Inszenierung verdient das Prädikat "empfehlenswert".

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Karsten Januschke

Inszenierung
Matthew Wild

Bühnenbild und Kostüme
Herbert Murauer

Licht
Reinhard Traub

Chor
Olga Yanum

Kinderchor
Maxim Matiuschenkov

 

Orchester und Chor der Tiroler Festspiele Erl

Kinderchor der Schule für Chorkunst München


Solisten

Königssohn
Gerard Schneider

Gänsemagd
Karen Vuong

Spielmann
Iain MacNeill

Hexe
Katharina Magiera

Holzhacker
Magnús Baldvinsson

Besenbinder
Jaeil Kim

Ratältester
Franz Mayer

Wirt
Oskar Hillebrandt

Wirtstochter
Kelsey Lauritano

Schneider
Samuel Levine

Stallmagd
Valerie Eickhoff

Torwächter 1
Denis Lazovskiy

Torwächter 2
Dmitri Koulakov

Kind
Alena Sys

Statist
Georg Anker

 


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