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Innsbrucker Festwochen der Alten Musik
13.07.2021 - 29.08.2021


L'Idalma overo Chi dura la vince

Commedia per musica in drei Akten
Libretto von Giuseppe Domenico de Totis
Musik von Bernardo Pasquini

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4 h 10' (zwei Pausen)

Premiere im Großen Saal der Haus der Musik in Innsbruck am 6. August 2021
(rezensierte Aufführung: 10.08.2021)




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Geister der Vergangenheit

Von Thomas Molke / Fotos:  Birgit Gufler / Innsbrucker Festwochen

Bernardo Pasquini ist heute , wenn überhaupt, nur noch als Meister am Cembalo bekannt. Dass er mit zahlreichen Opern, Oratorien und Kantaten die letzten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts die Musikszene in Rom maßgeblich geprägt hat, hat bis jetzt noch nicht dazu geführt, dass seinem kompositorischen Schaffen in der Forschung größere Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. Dabei kommt seiner am 6. Februar 1680 uraufgeführten Oper L'Idalma overo Chi dura la vince eine ganz besondere Bedeutung zu. Sie galt nicht nur als exemplarisches Meisterwerk der Commedia per musica und wurde in den folgenden Jahrzehnten in mehreren Theatern Italiens gespielt, sondern sie wurde im 18. Jahrhundert sogar als Prototyp des Mantel- und Degen-Genres betrachtet. Die adelige Familie Capranica, in deren Palast die Oper im Karneval 1680 zur Uraufführung gelangte, ließ sogar für diese Produktion Wände und Böden ihres Palastes abreißen, um den eigens darin errichteten Theatersaal zu vergrößern. Intendant Alessandro De Marchi will nun bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik mit der ersten Neuproduktion dieser Oper nach über 300 Jahren Pasquini als Opernkomponisten mehr Aufmerksamkeit schenken.

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Idalma (Arianna Vendittelli) kämpft um ihren treulosen Gatten Lindoro.

Die Handlung der Oper ist, wie es für die Werke dieser Zeit üblich war, reichlich verworren. Der flatterhafte Lindoro hat seine Geliebte in Rom, Irene, verlassen, und sich in Neapel in Idalma verliebt, die er heimlich geheiratet hat und, da ihr Vater die Verbindung nicht gebilligt hat, mit zurück nach Rom genommen hat. In Rom überlegt er sich aber, doch wieder zu Irene zurückkehren zu wollen, die aber mittlerweile seinen Freund Celindo geheiratet hat. Er lässt Idalma schlafend im Wald zurück, wo sie von Irenes Bruder Almiro gefunden wird, der sich sofort in sie verliebt. Idalma will aber ihren treulosen Gatten zurückgewinnen. Im weiteren Verlauf glaubt sie dann zunächst, dass Irene sie mit Lindoro betrüge, während Irene vermutet, dass ihr Gatte Celindo ein Verhältnis mit Idalma habe. Während die beiden Frauen dieses Missverständnis allerdings sehr schnell aufklären können, halten Celindo und Almiro Irene für untreu und wollen sie und Lindoro umbringen. Idalma gelingt es nicht nur, durch eine Ohnmacht Almiro abzulenken und damit Irene vor ihrem Bruder zu retten, sondern sie stellt sich auch schützend vor ihren Gatten, als dieser von Celindo und Almiro im Wald getötet werden soll. Lindoro ist von dem Mut Idalmas derart überwältigt, dass er seinen Fehler einsieht und doch bei ihr bleiben möchte. Damit ist für Celindo allerdings Irene noch nicht rehabilitiert. Doch Idalma, die auch noch die Tochter von Celindos Bruder in Neapel ist, kann den eifersüchtigen Celindo überzeugen, dass Irene nicht untreu geworden ist, und so gibt es zwei glückliche Paare am Ende der Oper. Nur Almiro geht leer aus.

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Celindo (Juan Sancho, links) und Almiro (Morgan Pearse, rechts) wollen von Lindoros Diener Pantano (Rocco Cavalluzzi, Mitte) erfahren, wo der vereinbarte Treffpunkt von Lindoro und Irene ist.

Das Regie-Team um Alessandra Premoli lässt die Oper zwar zur heutigen Zeit, aber in Anlehnung an die Uraufführung in einem alten römischen Palast spielen, der an die Villa Borghese in Rom erinnert. Pasquini stand die letzten 40 Jahre seines Lebens im Dienst dieser adeligen Familie. Der Palast wird gerade renoviert und wirkt zu Beginn der Aufführung an eine Baustelle. Eine Architektin plant die Neugestaltung und instruiert dazu zwei Bauarbeiter. In diese Arbeiten brechen die Figuren der Oper wie Geister der Vergangenheit in barocken Kostümen ein. Sie sind für die Bauarbeiter und die Architektin nicht sichtbar, spielen ihnen aber mal gewollt, mal unabsichtlich den einen oder anderen Streich. So verlegen sie Gegenstände, die die Bauarbeiter dann suchen, was zum Streit zwischen den beiden Bauarbeitern führt, der dann parallel zu einer Auseinandersetzung der Figuren im Stück abläuft. Wenn Lindoro seine allgemeine Liebe zum weiblichen Geschlecht bekennt, wird die Architektin zum Objekt seiner Begierde, und er berührt ihre Haare und gibt ihr einen Klaps auf das Hinterteil, wofür sich einer der Bauarbeiter eine Ohrfeige einfängt. In einer anderen Szene stiehlt Irenes Diener Dorillo die Geldbörse eines Bauarbeiters und lässt mit Pantano die Geldscheine für die beiden Bauarbeiter scheinbar in der Luft flattern. Große Komik wird auch direkt vor der zweiten Pause erreicht, wenn Almiro ein Stromkabel durchtrennt und auf der Bühne und im Orchester alle Lichter ausgehen. So hat man das Gefühl, dass mit der Wiederherstellung des Palastes auch die damals aufgeführte Oper wieder zu neuem Leben erwacht.

Zwei verschiebbare Wände deuten Ortswechsel an und ermöglichen den Figuren im Stück unerwartete Aufgänge. Wenn am Ende die Renovierungsarbeiten abgeschlossen sind und der Palast gewissermaßen als Museum wiedereröffnet wird, prangt über einem Gemälde in der Mitte der Bühne der Untertitel der Oper, "Chi dura la vince" ("Wer beständig ist / aushält, gewinnt"). Darunter werden in drei unterschiedlichen Bildern die Figuren der Oper sichtbar. Im mittleren großen Bild befinden sich die beiden Paare Idalma / Lindoro und Irene / Celindo. Auf der rechten Seite sind die beiden Diener Dorillo und Pantano zu sehen, und auf der linken Seite steht Almiro. In diesen Bildern werden die Figuren dann schließlich auch für die beiden Bauarbeiter und die Architektin sichtbar.

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Idalma (Arianna Vendittelli) bittet um Gnade für ihren Gatten Lindoro (Rupert Charlesworth, Mitte). (rechts: Celindo (Juan Sancho), hinten: Pantano (Rocco Cavalluzzi)).

Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf hohem Niveau. Alessandro De Marchi lotet mit dem 2018 von ihm eigens gegründeten Innsbrucker Festwochenorchester die Schönheiten der Partitur detailliert aus. So entstehen trotz der teils sehr umfangreichen Rezitative und der relativ kurzen Arien kaum Längen an dem über vier Stunden dauernden Opernabend. Musikalisch enthält das Stück noch nicht die großen Da-Capo-Arien, die für die späteren Barockopern beispielsweise bei Vivaldi oder Händel typisch waren. Die Solist*innen sind ebenfalls allesamt im Bereich Alte Musik sehr erprobt und setzen sich großteilig aus Preisträger*innen der Cesti-Gesangswettbewerbe der vergangenen Jahre zusammen. Arianna Vendittelli gestaltet die Titelpartie mit rundem, kräftigem Sopran und großer Leidensfähigkeit. Stimmlich verfügt sie über große Beweglichkeit in den Läufen und schafft es, mit unterschiedlichen Farben die Gefühlsschwankungen Idalmas bewegend zum Ausdruck zu bringen. Dabei zeigt sie auch komisches Potenzial, wenn sie sich laut Libretto hinter einem Baum verstecken soll, stattdessen allerdings einen Torso ergänzt und dabei Irene und ihren untreuen Gatten Lindoro belauscht. Auch wenn sie und Margherita Maria Sala als Irene sich wie zwei Raubtiere umkreisen, weil sie sich gegenseitig für untreu halten, beweist sie großen Spielwitz. Sala verfügt als Irene über einen satten Contralto, der in den Tiefen große Wärme versprüht. Auch sie zeigt großes komisches Talent, wenn sie sich mit Vendittelli streitet oder vor ihrem eifersüchtigen Gatten und rachsüchtigem Bruder flieht.

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Happy End mit zwei glücklichen Paaren? (von links: Dorillo (Anita Rosati), Idalma (Arianna Vendittelli), Lindoro (Rupert Charlesworth), Pantano (Rocco Cavalluzzi), Irene (Margherita Maria Sala), Celindo (Juan Sancho) und Almiro (Morgan Pearse))

Rupert Charlesworth gibt den Schwerenöter Lindoro mit strahlendem Tenor, der dem Charakter der Figur mehr als gerecht wird. Nach seinem Bekenntnis zum Beginn des dritten Aktes kann man sich nicht vorstellen, dass er am Ende seiner Gattin Idalma lange die Treue halten wird. Juan Sancho verfügt als Celindo über einen recht hohen Tenor, der im Allgemeinen ebenfalls über große Strahlkraft verfügt, bei den ganz hohen Tönen allerdings ein bisschen angestrengt klingt. Morgan Pearse gibt den unglücklich liebenden Almiro mit kräftigem Bariton. Mit seinem Hut lässt ihn die Regie ein wenig lächerlich wirken, was vielleicht aber unterstreichen soll, wieso Idalma sein Werben nicht erhört und ihrem flatterhaften Gatten den Vorzug gibt. Wunderbar komische Szenen hält die Oper auch für die beiden Dienerrollen bereit. Anita Rosati begeistert in der Hosenrolle von Irenes Diener Dorillo mit keckem Sopran und wunderbarem Spielwitz. Ein inhaltlicher und szenischer Höhepunkt ist Dorillos Arie, in der er beklagt, dass Frauen für Untreue zur Rechenschaft gezogen werden, Männer aber nicht. Rocco Cavalluzzi wirkt als Pantano mit seinem dunkel gefärbtem, beweglichem Bass sehr abgeklärt und liefert sich mit Dorillo wunderbare Wortgefechte. Große Komik entfaltet er auch, wenn er unter Celindos und Almiros Drohung schließlich doch den heimlichen Treffpunkt verrät, den Lindoro zur Flucht mit Irene vereinbart hat. Auch die drei Statisten fügen sich wunderbar in die Inszenierung ein, so dass es am Ende verdienten Applaus für alle Beteiligten gibt. Es ist nur schade, dass bei dieser dritten Aufführung am Dienstag viele Plätze im Saal frei bleiben. Diese Produktion hätte ein volles Haus verdient.

FAZIT

Alessandro De Marchi und der Regie gelingt es zu zeigen, dass Pasquini auch als Opernkomponist mehr Aufmerksamkeit verdient hat.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung und Cembalo
Alessandro De Marchi

Regie
Alessandra Premoli

Bühnenbild
Nathalia Deana

Kostüme
Anna Missaglia

Lichtdesign
Antonio Castro



Innsbrucker Festwochenorchester


Solisten

Idalma, Gattin des Lindoro
Arianna Vendittelli

Lindoro, Gatte der Idalma
Rupert Charlesworth

Almiro, Bruder der Irene
Morgan Pearse

Irene, Gattin des Celindo
Margherita Maria Sala

Celindo, Gatte der Irene
Juan Sancho

Dorillo, Page der Irene
Anita Rosati

Pantano, Diener des Lindoro
Rocco Cavalluzzi

 


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