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Klangvokal 2022
Musikfestival Dortmund

Caterina Cornaro

Lyrische Tragödie in einem Prolog und zwei Akten
Libretto von Giacomo Sacchèro
Musik von Gaetano Donizetti

in italienischer Sprache (Libretto in italienischer und deutscher Sprache im Programmheft)

Aufführungsdauer: ca. 2h 20' (eine Pause)

Deutsche Erstaufführung im Konzerthaus Dortmund am 11. Juni 2022, 20.00 Uhr

 

 

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Belcanto-Glanz in deutscher Erstaufführung

Von Thomas Molke / Fotos: © Bülent Kirschbaum

Schätze des Belcanto sind ein wichtiger Bestandteil des alljährlichen Klangvokal Musikfestivals in Dortmund. In diesem Jahr hat Intendant Torsten Mosgraber sogar eine deutsche Erstaufführung auf den Spielplan gestellt: Caterina Cornaro von Gaetano Donizetti. Diese am 18. Januar 1844 in Neapel uraufgeführte Tragedia lirica führte lange Zeit ein Schattendasein, bevor sie in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in umjubelten Aufführungen in Neapel und London unter anderem mit Montserrat Caballé und Leyla Gencer in den Titelpartien und José Carreras als Gerardo wiederentdeckt wurde. Dass sich Caterina Cornaro anders als der kurz zuvor uraufgeführte Don Pasquale auf den Bühnen damals nicht durchsetzen konnte, mag vor allem gewissen Umständen geschuldet sein. Donizetti hatte dieses Werk ursprünglich in Wien unter dem Titel La regina di Cipro zur Uraufführung bringen wollen, musste dann aber feststellen, dass ihm Franz Lachner mit der Vertonung des gleichen Sujets zuvorgekommen war. Also beschloss Donizetti, die Oper in Neapel zur Uraufführung zu bringen, konnte selbst aber aus gesundheitlichen Gründen weder den Proben noch der Premiere beiwohnen, was das neapolitanische Publikum ihm wohl recht übel nahm. Auch die Besetzung soll nicht optimal gewesen sein. Die Umarbeitung des Schlusses für eine Wiederaufnahme in Parma 1845 brachte ebenfalls nicht den erwünschten Erfolg. Zu weiteren Änderungen kam es nicht mehr, weil Donizetti erkrankte und 1848 verstarb. So blieb Caterina Cornaro die letzte Oper, die zu Lebzeiten des Komponisten uraufgeführt wurde.

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Roberta Mantegna als Caterina Cornaro mit Giacomo Sagripanti und dem WDR Funkhausorchester

Die Geschichte, die neben Donizetti und Lachner auch noch Jacques Fromental Halévy und Michael William Balfe in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts vertonten, basiert auf den historischen Konflikten zwischen Zypern und Venedig in den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts. Venedig wollte Zypern, das seit fast drei Jahrhunderten ein von französischen Adligen begründeter Kreuzfahrerstaat im östlichen Mittelmeer war, unter seine Herrschaft bringen und verheiratete daher Caterina Corner (Cornaro), die Tochter eines der mächtigsten und reichsten Patriziers, mit dem seit 1458 über Zypern herrschenden Jakob II. (Lusignano). Bereits ein Jahr nach der Hochzeit kam es zum sogenannten Katalonischen Komplott, bei dem der König von Aragon und Sizilien versuchte, die Vormachtstellung Venedigs in Zypern abzulösen. Sizilien scheiterte zwar, aber Jakob II. starb bei den Auseinandersetzungen im Juli 1473. Fortan führte die zu dem Zeitpunkt gerade 19 Jahre alte Caterina die Regierungsgeschäfte und blieb bis 1489 auf dem Thron. Als die Insel dann perfekt in das venezianische Reich integriert war, wurde sie nach Venedig zurückgebracht und erhielt einen Witwensitz, wo sich ein reges geistiges und künstlerisches Leben entfaltete.

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Aus Rivalen werden Freunde: Gerardo (Dmitry Korchak, links) und Lusignano (Germán Enrique Alcántara, rechts).

Donizettis Librettist Giacomo Sacchèro hat einige Änderungen an der Geschichte vorgenommen. Zunächst führt er den französischen Ritter Gerardo (Tenor) ein, der zu Beginn die venezianische Patriziertochter Caterina Cornaro heiraten soll. Diese Hochzeit wird von dem in Venedig mächtigen Rat der Zehn unterbunden. Mocenigo, ein Beauftragter des Rates der Zehn, droht, Gerardo von seinen Schergen töten zu lassen, wenn Caterina ihm nicht entsagt und stattdessen bereit ist, Lusignano, den König von Zypern, zu heiraten. Gerardo verflucht seine scheinbar treulose Geliebte und wird Ordensritter. Jahre später kommt er nach Zypern, um sich an dem König zu rächen. Mocenigo sieht seinen Plan für die venezianische Übernahme Zyperns gefährdet und erteilt den Auftrag, Gerardo zu töten. Dieser wird aber von Lusignano gerettet, und die beiden Rivalen schließen Freundschaft. Gerardo, der als Ordensritter der Liebe zu Caterina entsagt hat, ist bereit, gemeinsam mit Lusignano gegen Mocenigo und die Venezianer zu kämpfen. Die Sizilianer kommen bei den kriegerischen Auseinandersetzungen gar nicht vor. Die Zyprioten besiegen die venezianischen Angreifer. Allerdings wird Lusignano im Kampf tödlich verwundet. Sterbend fordert er sein Volk auf, Caterina als Königin zu dienen. Caterina wendet sich mit einer flammenden Rede an das Volk und verspricht ihnen eine rosige Zukunft. In der zweiten Fassung fällt auch Gerardo im Kampf.

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Schlussapplaus: von links: Gerardo (Dmitry Korchak), Matilde (Anna Malesza-Kutny), Caterina (Roberta Mantegna), Giacomo Sagripanti, Lusignano (Germán Enrique Alcántara), Mocenigo (George Andguladze), Strozzi (Dmitry Ivanchey) und Andrea Cornaro (Adam Palka), dahinter: WDR Funkhausorchester, oben: WDR Rundfunkchor

In Dortmund präsentiert man die erste Fassung und stellt unter Beweis, welch großartige Musik in diesem Werk schlummert. Einzelne Passagen kommen bekannt vor, erinnern beispielsweise an den jungen Verdi, dessen Nabucco Donizetti intensiv einstudiert und dirigiert hat. Auch das Liebes-Duett aus Don Pasquale zwischen Norina und Ernesto findet sich in Anklängen im Prolog wieder, wenn sich Gerardo und Caterina kurz vor der Hochzeit ihre Liebe versichern. Giacomo Sagripanti arbeitet mit dem WDR Funkhausorchester die unterschiedlichen Stimmungen des Stückes differenziert heraus. So trumpft das Orchester in den kämpferischen Passagen regelrecht martialisch auf und findet für die Liebenden empfindsame Zwischentöne, die das Leid der Titelfigur und der sie liebenden Männer unterstreicht. Der von Tilman Michael einstudierte WDR Rundfunkchor, der auf der Chorempore hinter dem Orchester positioniert ist, begeistert mit homogenem und wuchtigem Klang als Volk von Venedig und Zypern. Der Frauenchor findet im Prolog sehr lyrische Klänge, wenn die Hofdamen Caterinas Traurigkeit beklagen. Der Herrenchor changiert zwischen samtweichen Tönen als Chor der Gondolieri im Prolog und kraftvollem Gesang als Soldaten in der Schlacht.

Für die Solist*innen-Partien hat man ein hochkarätiges Ensemble zusammengestellt. Allen voran ist Roberta Mantegna in der Titelpartie zu nennen. Mit rundem Sopran und strahlenden Koloraturen stellt sie unter Beweis, dass sie zu den Hoffnungsträgerinnen im Reich des Belcanto gehört. Mit lyrischer Schönheit glänzt sie in ihrer großen Romanze im Prolog "Vieni, o tu, che ognora io chiamo", wenn sie auf die Ankunft ihres Geliebten Gerardo hofft, mit dem sie aus Venedig fliehen will. Eindrucksvoll gestaltet sie dann den inneren Kampf, wenn sie sich entscheiden muss, ob sie sich für Gerardo entscheiden und ihn damit dem Tod ausliefern soll oder die Kraft besitzt, ihrer Liebe zu entsagen und damit den Geliebten zu retten. Am Ende präsentiert sie sich mit kraftvollem Sopran als beinahe schon reife Königin die mit "Non più affani, mie genti" dem zypriotischen Volk eine glanzvolle Zukunft verspricht. Dmitry Korchak steht ihr als Gerardo in nichts nach. Er begeistert mit tenoralem Schmelz und verfügt in den Spitzentönen über enorme Strahlkraft. Im Duett mit Mantegna findet er zu einer bewegenden Innigkeit und löst am Ende des Prologs mit seinen puren Emotionen Begeisterungsstürme beim Publikum hervor. Ein weiterer Glanzpunkt ist die Schilderung seines Leids in der Arie "Da quel dì che lacerato", wenn er Caterina beim erneuten Treffen im ersten Akt berichtet, wie es ihm seit ihrer Trennung ergangen ist. Mit Heldenmut und kraftvoll gesungenen hohen Tönen ruft er dann das Volk in "Morte! Fur troppi gl'insulti" zum Kampf auf.

Für die Partie des Lusignano war eigentlich Davide Luciano vorgesehen, der aber krankheitsbedingt ein paar Tage vor der Aufführung absagen musste. Bei einem so selten gespielten Werk stellt so ein Ausfall eine Produktion vor nahezu unlösbare Probleme. Aber es ist Mosgraber gelungen, mit dem jungen Bariton Germán Enrique Alcántara einen Interpreten zu finden, der weit mehr als ein adäquater Ersatz ist. Mit kraftvollen Tiefen verleiht er dem König die ihm gebührende Autorität und beweist mit samtweichen dunklen Tönen in seinen beiden großen Arien, dass dieser König Caterina gegenüber sehr gefühlvoll sein kann. Auch das große Freundschafts-Duett mit seinem eigentlichen Rivalen Gerardo geht unter die Haut. Wenn Lusignano im zweiten Akt dann tödlich verwundet hereingebracht wird, lässt Alcántara es sich auch nicht nehmen, die Rolle nicht nur zu singen sondern auch mimisch darzustellen, und schleppt sich regelrecht ans Pult, wo er dann bewegend den Tod des Königs inszeniert. George Andguladze stattet den Bösewicht Mocenigo mit einem schwarzen Bass aus und lässt ihn glaubhaft unsympathisch erscheinen. Adam Palka verleiht mit kraftvollem Bass Caterinas Vater Andrea Cornaro große Autorität, macht aber deutlich, dass er gegen Mocenigo und den Rat der Zehn machtlos ist. Dmitry Ivanchey und Anna Malesza-Kutny runden als Strozzi / Cavaliere und Matilde das Ensemble in den kleineren Partien gebührend ab, so dass es für alle Beteiligten großen Jubel gibt.

FAZIT

Mit einer großartigen Besetzung stellt das Klangvokal Musikfestival unter Beweis, dass auch dieses vernachlässigte Werk Donizettis musikalisch durchaus mehr Aufmerksamkeit auf den Opernbühnen verdient.

Weitere Rezensionen zum Klangvokal Festival Dortmund 2022

 

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Giacomo Sagripanti

Choreinstudierung
Tilman Michael

WDR Funkhausorchester

WDR Rundfunkchor

 

Solistinnen und Solisten

Caterina Cornaro
Roberta Mantegna

Andrea Cornaro
Adam Palka

Lusignano
Germán Enrique Alcántara

Gerardo
Dmitry Korchak

Mocenigo
George Andguladze

Strozzi / Cavaliere
Dmitry Ivanchey

Matilde
Anna Malesza-Kutny

 

Weitere
Informationen

erhalten Sie unter
Klangvokal Dortmund
(Homepage)



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