Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum



Tiroler Festspiele Erl Sommer

07.07.2022 - 31.07.2022


Die Walküre

Erster Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen
Libretto und Musik von Richard Wagner

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5 h (zwei Pausen)

Premiere im Passionsspielhaus am 9. Juli 2022

 

 

Homepage

Hochkarätige Fortsetzung des Rings mit eindrucksvoller Personenregie

Von Thomas Molke / Fotos: Xiomara Bender (TFE Presse)

Im vergangenen Sommer hat man bei den Tiroler Festspielen Erl mit dem Schmieden eines neuen Ring-Zyklus begonnen. Wagners vierteiliges Mammutwerk hat hier eine ganz besondere Bedeutung. Als der damalige künstlerische Leiter und Begründer der Festspiele Gustav Kuhn 2004 den ersten Zyklus inszeniert hatte, kam er auf die Idee, als Projekt für 2005 einen sogenannten 24-Stunden-Ring in Angriff zu nehmen, bei dem die komplette Tetralogie an einem Wochenende präsentiert wurde. Was wie ein wahnwitziges Vorhaben klang, hatte so großen Erfolg, dass nicht nur die Oper Köln dieses Projekt nachahmte, sondern auch Dr. Hans Peter Haselsteiner, der in Folge dieses Projektes die Präsidentschaft der Festspiele übernahm, erfolgreich dafür kämpfte, dass neben der bisherigen Spielstätte der Festspiele, dem Passionsspielhaus, nun ein eigenes Festspielhaus errichtet wurde, in dem seit 2012 die Winterfestspiele einen weiteren Bestandteil der Festspiele bilden und mittlerweile mit weiteren Projekten einen ganzjährigen Spielplan ermöglichen. Gustav Kuhn ist nun Geschichte in Erl, die nicht ganz so rühmlich zu Ende gegangen ist, wie sie einst begonnen hatte. Der enge Bezug zu Wagner im Passionsspielhaus ist allerdings geblieben, und so hat auch der jetzige künstlerische Leiter Bernd Loebe, der auch Intendant der Oper Frankfurt ist, einen neuen Ring-Zyklus geplant, der mit einer Aufführung der kompletten Tetralogie 2024 vollendet werden soll.

Bild zum Vergrößern

Hunding (Anthony Robin Schneider) ist nicht begeistert über den Fremden, den Sieglinde (Irina Simmes) ins Haus gelassen hat.

Regie führt bei diesem gewaltigen Unterfangen Brigitte Fassbaender, die in ihrer Karriere als Mezzosopranistin häufig die Partie der Fricka interpretiert hat und so auch als Darstellerin einen engen Bezug zu dem Werk entwickelt hat. Dass das Orchester im Passionsspielhaus hinter der Bühne positioniert ist, unterstützt den nahezu kammerspielartigen Zugang zu den einzelnen Figuren, den Fassbaender wählt. Und wie schon beim Rheingold überlässt sie keinen Moment bloß der Musik, sondern bindet die einzelnen Personen geschickt und durchdacht in das Geschehen mit ein, um, wie sie es bezeichnet, "ein Herumstehen auf der Bühne" zu verhindern. So befindet sich Sieglinde beispielsweise bereits vor dem Vorspiel zum ersten Akt auf der Bühne und scheint den tosenden Sturm angespannt auf einem Fernseher in Hundings karger Hütte zu verfolgen, bis die aufpeitschende Musik scheinbar einen Stromausfall verursacht und die aufgeregte Sieglinde von der Bühne verschwinden lässt, um Siegmunds unbemerkten Auftritt zu ermöglichen. Da die Bühne ohne Schnürboden auskommen muss, wird Hundings Hütte nur durch wenige Elemente auf der Bühne angedeutet. Auf einem leicht erhobenen Podest befindet sich eine rustikale Couchecke mit einem Fernseher. Im Hintergrund sieht man vor dem Orchester einen schräg ansteigenden Baumstamm, in dem das Schwert steckt. Eindrucksvolle Video-Projektionen von Bibi Abel unterstreichen mit einem bräunlich gehaltenen Blumenmuster den "Eiche-rustikal"-Charakter dieser Behausung. Dass Hunding zwei Statisten als weitere Krieger begleiten, wenn er nach Hause kommt, ist zunächst einmal nichts Ungewöhnliches. Wie kräftig der eine davon bei dem von Sieglinde bereiteten Mahl zulangt, hat aber schon humoristische Züge.

Bild zum Vergrößern

Siegmund (Clay Hilley) und Sieglinde (Irina Simmes) finden zueinander.

Die Übertitel sind in diesem ersten Aufzug durch die Lichteinstellungen kaum zu lesen, was dank der hervorragenden Diktion der Sängerinnen und Sänger allerdings kein großes Problem darstellt. Irina Simmes begeistert als Sieglinde mit sauber angesetzten Höhen und einem leuchtenden Sopran. Dabei spielt sie ihre Gefühle für den "fremden Mann", den sie später als ihren Bruder Siegmund erkennt, mit glaubhafter Mimik und Gestik aus. Clay Hilley verfügt als Siegmund über einen kraftvollen Tenor, der scheinbar ohne große Anstrengung die Spitzentöne sauber heraushaut. Selten hat man die "Wälse-Rufe" so intensiv gehört. Dagegen wird das berühmte "Winterstürme wichen dem Wonnemond" regelrecht lyrisch angelegt, und Hilley stellt unter Beweis, dass sein Tenor eben nicht nur "kraftmeiern" kann, sondern auch über zarte Töne verfügt. Dabei findet er darstellerisch mit Simmes zu einer bewegenden Innigkeit. Das Schwert zieht er dann so leicht aus der Esche Stamm, wie er gesanglich die Spitzentöne ansetzt. Anthony Robin Schneider, der im Rheingold als Riese Fafner überzeugte, punktet auch als Hunding mit ausdrucksstarkem Bass und markanten Tiefen. Fassbaender zeichnet ihn als dominanten Mann, der dem Fremden bewusst zur Schau stellt, dass Sieglinde ihm gehört. So zwingt er ihr immer wieder vor den Augen Siegmunds Zärtlichkeiten ab, die Sieglinde unterschwellig abzuweisen versucht. So ganz wirksam scheint der Schlaftrunk, den Sieglinde ihm dann bereitet hat, allerdings nicht zu sein. Während Sieglinde und Siegmund noch im Haus sind, wankt Hunding nämlich schon wieder ins Zimmer und muss mit ansehen, wie seine Frau mit dem Fremden flieht. Dieser Ansatz ist zwar einerseits nachvollziehbar, andererseits fragt man sich jedoch, wann denn dem Wälsungenpaar dann noch Zeit für die Zeugung des Helden Siegfried bleiben soll.

Bild zum Vergrößern

Wotan (Simon Bailey) und Fricka (Claire Barnett-Jones) haben eine Auseinandersetzung.

Im zweiten Aufzug sieht man in den Videoprojektionen eine Felsenlandschaft, die wahrscheinlich die Burg Walhall darstellen soll, dabei jedoch sehr abstrakt gehalten ist. Wotan sitzt an einem Schreibtisch und macht Notizen. Scheinbar plant er, wie er dem von Erda prophezeiten Untergang der Götter entgehen kann. Fassbaender lässt hier zum Walküre-Motiv nicht nur Brünnhilde sondern zunächst vier ihrer Schwestern die Burg stürmen und herumtollen, was Wotan jedoch sehr missfällt. Er schickt die vier in den Kampf und widmet sich dann Brünnhilde, die in der Zwischenzeit von der anderen Seite aufgetreten ist. Dabei wird auch für die anderen Walküren unterstrichen, welch bevorzugte Stellung Brünnhilde bei Walvater hat. Christiane Libor punktet als Brünnhilde mit kraftvollen "Hojotoho"-Rufen. Fricka tritt mit einem Widderkopf als Szepter auf, den sie sich zunächst vor das Gesicht hält. Wotan zielt mit einem Gewehr auf dem Widderkopf, was scheinbar andeuten soll, dass er sich von Fricka nichts sagen lassen will. Bekanntlich kommt dann allerdings doch alles ganz anders. In der Auseinandersetzung zwischen Fricka und Wotan wird vor allem musikalisch herausgearbeitet, wieso Wotan den Argumenten seiner ungeliebten Gattin unterliegt. Simon Bailey legt die Partie des Göttervaters mit regelrecht weichem Bariton an, während Claire Barnett-Jones' kraftvoller Mezzosopran als Fricka einen schon beinahe schneidenden Ton hat. Auch in der Gestik macht sie deutlich, dass sie die Überlegene ist, was sie dann sehr genüsslich der zurückkehrenden Brünnhilde gegenüber ausspielt. Unter die Haut geht dann Baileys anschließende Erzählung der Vorgeschichte. Hier gibt er bereits den verzweifelten Göttervater und findet sehr leise Töne mit einer großartigen Textverständlichkeit. Da kann Brünnhilde quasi gar nicht anders und will aus Liebe zu ihrem Vater natürlich den Wälsungen retten. Doch nun zeigt Bailey, dass er stimmlich auch ganz anders kann und warnt die Walküre mit kraftvollem Bariton, gegen seine Anordnung zu handeln. Am Ende sieht man in der Videoprojektion bereits die Burg auf der linken Seite bröckeln. Der Untergang der Götter scheint für Wotan mit Siegmunds Niederlage beschlossene Sache zu sein. Brünnhilde versucht noch, es zu verhindern und greift nach Wotans Speer. Dabei wird nicht ganz klar, ob sie ihn brechen will. Wotan nimmt in ihr jedenfalls ab.

Bild zum Vergrößern

Brünnhilde (Christiane Libor, hinten) verkündet Siegmund (Clay Hilley), dass er ihr nach Walhall folgen werde (vorne: Sieglinde (Irina Simmes)).

Für die Todverkündung findet dann Jan Hartmann eine eindrucksvolle Lichteinstellung, die durch eine bewegende Videoprojektion unterstützt wird. Brünnhilde steht auf einem schräg ansteigenden Bühnenpodest, und hinter ihr sieht man die Umrisse eines riesigen surrealen Rosses, Grane. Intensiv spielen Hilley und Libor aus, wie Siegmund der Walküre die Liebe, die er für die sanft ruhende Sieglinde fühlt, ins Herz pflanzt. Beim anschließenden Kampf lässt Fassbaender dann erneut Fricka auftreten und überwachen, dass alles so abläuft, wie sie es ihrem Gatten abgerungen hat. Dass Hunding mit seinen beiden Männern mit Gewehren auftritt, macht weniger Sinn. Welchen Schutz sollte die Walküre da mit ihrem Speer bieten können. Auch würde Siegmund mit Nothung gegen die Gewehre nicht erfolgreich sein können. Aber aus einem unerklärlichen Grund schießt Hunding nicht. Wotan tritt auf, zerstört mit seinem Speer das Schwert, und Hunding ersticht Siegmund mit einem Messer, bevor er mit einem Blick zu Fricka ebenfalls tot zu Boden sinkt. Fricka bedeckt Hunding mit einem Mantel. Dann greift sie nach dem Speer ihres Mannes, der noch ganz von Sinnen zu sein scheint. Die Walküre ist mittlerweile mit Sieglinde und den Schwertstücken geflohen, und Wotan möchte am liebsten über seinen verlorenen Sohn trauern. Aber Frickas Anwesenheit mahnt ihn, dass sein Auftrag noch nicht vollendet ist und er nun die Walküre für ihren Ungehorsam strafen muss. So ergreift er schließlich den Speer und jagt ihr nach.

Bild zum Vergrößern

Feuerzauber: in der Mitte Wotan (Simon Bailey) und Brünnhilde (Christiane Libor), rechts: Loge (Thomas Riess)

Für den dritten Aufzug befindet sich nun ein kreisrunder Teich auf der Bühne, in dem eine Walküre einen gefallenen Krieger reinigt. Im weiteren Verlauf werden zwei weitere Krieger von den Walküren zu diesem Teich gebracht und entkleidet. Fassbaender gibt den Walküren ebenfalls recht individuelle Charakterzüge. So scheinen sie durchaus fühlende Wesen zu sein, die der körperlichen Liebe nicht abgeneigt sind. Eine Walküre küsst dann auch den gefallenen Krieger, wenn sie ihn von der Bühne führt. Besonders deutlich wird der Charakter Waltrautes herausgearbeitet. Diese Walküre missachtet ja auch in der Götterdämmerung Wotans Gebot und sucht Brünnhilde auf dem Felsen auf. Corinna Scheurle spielt dieses Aufbegehren Waltrautes eindrucksvoll aus. So ist sie die letzte, die sich Wotan zum Schutz Brünnhildes noch entgegenstellt und fast provoziert, dass sein Speer sie durchbohrt, bevor sie schließlich doch noch einlenkt und wie ihre Schwestern die Bühne verlässt. Auch musikalisch wissen die acht Walküren zu überzeugen. Eindrucksvoll gestalten dann Libor und Bailey die Schlussszene zwischen Brünnhilde und Wotan. Brünnhilde bedankt sich bei ihrem Vater mit einem leidenschaftlichen Kuss dafür, dass er sie mit einem Feuerkreis umgeben wird. In diesem Kuss wird angedeutet, dass die Beziehung zwischen Brünnhilde und Wotan wahrscheinlich über ein reines Vater-Tochter-Verhältnis hinausgeht. Auch Loge lässt Fassbaender in dieser Szene auftreten. Dabei kommt er allerdings nicht erst am Schluss, wenn das Feuer entfacht wird, sondern zeigt sich schon viel früher bereit, ein Feuer zu legen. Zunächst sieht man ihn weit oben gewissermaßen aus der Luft den Anfang des Gespräches zwischen Wotan und Brünnhilde belauschen. Dann tritt er auf der Bühne auf und deutet mit einem Feuerzeug immer wieder an, was die Lösung für Brünnhildes Bitte sein könnte. Für den Feuerzauber entfacht er zunächst einzelne eindrucksvolle Feuerfontänen auf der Bühne, bevor in einer Videoprojektion die Bühne in Brand gesetzt wird und heller Rauch aus dem Bühnenboden aufsteigt.

Erik Nielsen lotet dies alles mit dem Orchester der Tiroler Festspiele Erl klanggewaltig aus, sorgt dafür, dass die Solist*innen zu keinem Moment vom Orchester überdeckt werden, und lässt das Publikum in den musikalisch emotionalen Momenten regelrecht schwelgen. So gibt es für alle Beteiligten großen Jubel am Ende und nach den einzelnen Aufzügen.

FAZIT

Brigitte Fassbaenders Deutung geht so packend weiter, wie sie im Rheingold begonnen hat. Musikalisch ist hier ebenfalls ein großer Wurf gelungen.

Weitere Rezensionen zu den Tiroler Festspielen Sommer 2022



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Erik Nielsen

Regie
Brigitte Fassbaender

Bühnenbild und Kostüme
Kaspar Glarner

Licht
Jan Hartmann

Video
Bibi Abel

Dramaturgie
Mareike Wink

 

Orchester der Tiroler Festspiele Erl


Solisten

Wotan
Simon Bailey

Brünnhilde
Christiane Libor

Siegmund
Clay Hilley

Sieglinde
Irina Simmes

Fricka
Claire Barnett-Jones

Hunding
Anthony Robin Schneider

Helmwige
Ekin Su Paker

Gerhilde
Mojca Bitenc

Ortlinde
Nina Tarandek

Waltraute
Corinna Scheurle

Siegrune
Anna Werle

Rossweiße
Anna-Katharina Tonauer

Grimgerde
Marta Herman

Schwertleite
Ksenia Leonidova

Statisterie
Loge und Krieger
Thomas Riess

Krieger
Vinícius Da Silva

 


Zur Homepage der
Tiroler Festspiele Erl




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum

© 2022 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -