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Musikfestspiele
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Innsbrucker Festwochen der Alten Musik
12.07.2022 - 28.08.2022


Silla

Dramma per musica in drei Akten
Libretto von Friedrich II. (geschrieben in französischer Sprache, in italienische Verse übertragen von Giovanni Pietro Tagliazucchi)
Musik von Carl Heinrich Graun

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4 h 15' (zwei Pausen)

Koproduktion mit den Osterfestspielen Schloss Rheinsberg

Premiere im Tiroler Landestheater in Innsbruck am 5. August 2022




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Ein Fest für Countertenöre in opulenter Optik

Von Thomas Molke / Fotos:  Birgit Gufler / Innsbrucker Festwochen

Carl Heinrich Graun gehört zu der Riege der Opernkomponisten, deren Werke heute auf den Opernbühnen kaum noch Beachtung finden. Dabei beherrschte er gemeinsam mit Johann Adolph Hasse in der Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem die Berliner Opernszene. Mit der für die Hochzeitsfeierlichkeiten des preußischen Kronprinzen Friedrich II. mit Prinzessin Elisabeth Christine komponierte Oper Lo specchio della fedeltà hinterließ er bei Friedrich einen so bleibenden Eindruck, dass dieser ihn zunächst als Komponisten an seinen Hof in Rheinsberg und später nach der Thronbesteigung 1740 zum Hofkapellmeister in Berlin ernannte, dem dann auch die Ehre zuteil wurde, die neu erbaute Königliche Hofoper Unter den Linden mit Cesare e Cleopatra zu eröffnen. Zu den rund 33 Bühnenwerken, die Graun bis zu seinem Tod 1759 konnte, verfasste auch bei einigen Friedrich II. höchstpersönlich das Libretto. Von diesen Stücken steht nun bei den diesjährigen Innsbrucker Festwochen der Alten Musik eine Oper über eine Figur der römischen Geschichte auf dem Programm, in der Friedrich wahrscheinlich einiges Identifikationspotential gesehen hat: Silla. Die Oper erlebte am 27. März 1753 eine erfolgreiche Uraufführung, der bis 1755 zahlreiche weitere Aufführungen folgten. Auch lange nach Grauns Tod gab es 1783 noch einmal eine Wiederaufnahme, der Friedrich II. jedoch nicht mehr beiwohnte. Danach verschwand das Werk wie die übrigen Opern Grauns von den Spielplänen.

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Bejun Mehta als Silla

Dass sich Friedrich mit Lucius Cornelius Sulla (in der Oper Silla) ausgerechnet eine der provozierendsten Gestalten der römischen Geschichte aussuchte, mag auf den ersten Blick verwundern. Schließlich beschrieb vor allem der griechische Historiker Plutarch den zum Diktator auf Lebenszeit ernannten Feldherren als Prototypen eines negativen Tyrannen, der mit seinem bürokratischen Terrorregime, dem zahlreiche politische Gegner zum Opfer fielen, dem Staat mehr Schaden zufügte, als dass er als vorbildlicher Herrscher betrachtet werden könnte. Dennoch hat Sullas plötzlicher Rückzug ins Privatleben, nachdem er die römischen Gegner besiegt und in Rom zumindest vorübergehend den inneren Frieden wiederhergestellt hatte, dieses negative Bild ein wenig ins Wanken gebracht und auch das Interesse an dieser Figur für die Opernbühne geweckt. So haben beispielsweise auch Georg Friedrich Händel und Wolfgang Amadeus Mozart dieser Figur eine Oper gewidmet, die vor allem diesen Rückzug ins Privatleben mit einer inneren Wandlung des Diktators erklärt. Auch Friedrich mag in seiner Vorstellung von einem "Diener des Staates" von diesem Schritt derart beeindruckt gewesen sein, dass er darin sein eigenes Selbstverständnis als Herrscher erkannte. In Krisenzeiten sei quasi alles erlaubt, solange es nur dem Wohle des Volkes diene. Sobald jedoch Interessen vertreten werden, die nur dem eigenen Vorteil dienen, ist das Gesamtwohl gefährdet. Diese Erkenntnis gewinnt Silla in der Oper, da er Ottavia, die Tochter eines ehemaligen politischen Gegners, begehrt und ihren Bräutigam Postumio, der als Republikaner unter Silla alles verloren hat, aus dem Verkehr ziehen will. Doch die Empörung seines treuen Freundes Metello und des Volkes lassen Silla schließlich erkennen, dass er dabei ist, einen falschen Weg einzuschlagen. Er sagt sich vom negativen Einfluss des Crisogono, der Sillas Verlangen befeuert, los, gibt Postumio die konfiszierten Ländereien zurück und ist bereit, auf Ottavia zu Gunsten Postumios zu verzichten. Während Crisogono in die Verbannung geschickt wird, preisen alle Silla dafür, dass er sich letztendlich auch selbst besiegt habe.

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Crisogono (Mert Süngü, links) will Ottavia (Eleonora Bellocci, rechts mit Postumio (Samuel Mariño)) zu Silla bringen (auf der linken Seite: Fulvia (Roberta Invernizzi), in der Mitte: Lentulo (Hagen Matzeit)).

Das Regie-Team um Georg Quander verzichtet auf eine offene Modernisierung des Stückes und belässt es in seiner Zeit, ohne dabei einen historisierenden Ansatz zu wählen. So wirken die opulenten Kostüme, für die Julia Dietrich verantwortlich zeichnet, einerseits nicht wirklich antik, andererseits aber auch nicht barock, sondern stellen eine Art Zwischenstufe dar. Verfechter des modernen Regie-Theaters mögen sie vielleicht als altbacken und kitschig bezeichnen, was aber den optischen Genuss keineswegs schmälert. Das Gleiche gilt für die Bühnenräume, die Dietrich entworfen hat. Das Haus der Fulvia und Ottavia mutet mit seinen farbigen Wänden wie eine römische Villa an, auch wenn die antike Statue im zweiten Akt dabei schon ein bisschen zu viel ist. Der Palast des Sulla erinnert mit dem detaillierten Bühnenprospekt eher an die Zeit Friedrichs des Großen. Zwei geschwungene Treppen, die einen Thron einrahmen fangen in der Marmor-Optik mit den dahinter auf einem weiteren großartigen Prospekt abgebildeten antiken Überresten einen Hauch vom Forum Romanum ein. Nur der Chor, der das Volk verkörpert, scheint aus einer modernen Zeit zu stammen und bewegt sich wie eine Art Museumsbesucher durch die Geschichte des Stückes. Im dritten Akt steht dann eine riesige Büste des Diktators auf der Bühne. Bei ihr sucht Silla in seinem großen Monolog des dritten Aktes gewissermaßen Rat, wie er sich jetzt verhalten soll, und behängt sie mit seinem roten Umhang, wenn er die Entscheidung getroffen hat, die Macht abzugeben. Ottavia ist es schließlich, die sich diesen Umhang nimmt. Gemeinsam mit Postumio leitet sie so gewissermaßen eine neue Zeit ein. Crisogono wirkt mit seinen langen weißen Haaren wie eine Art böser Zauberer, der Sillas Sinne verwirrt und damit der eigentliche Bösewicht der Oper ist. Dies alles setzt Quander in einer ausgeklügelten Personenregie um.

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Liebe ohne Chance? Ottavia (Eleonora Bellocci) und Postumio (Samuel Mariño)

Musikalisch hat dieses Werk neben großartigen Arien auch einiges an Besonderheiten aufzuweisen, was großes Interesse an Graun als Opernkomponisten weckt. Da sind zunächst drei eindrucksvoll gestaltete Accompagnato-Rezitative zu nennen, die jeweils an einer Schlüsselstelle der einzelnen Akte stehen. Am Ende des ersten Aktes ist Silla hin- und hergerissen, ob er seine Macht missbrauchen soll, um Ottavia zu erobern, oder ob es eines Herrschers nicht würdig ist, sich die geliebte Frau mit Gewalt zu nehmen. Dieser innere Monolog wird musikalisch dramatisch umgesetzt, bevor Silla mit der bittenden Arie, Ottavia möge seine Liebe doch endlich erwidern, den Akt beschließt. Im zweiten Akt ist es die große Szene des Metello, die aufhorchen lässt. Mit heldenhaftem Mut wirft er Silla sein Verhalten vor und verkündet ihm, dass er ihm nicht mehr als Diener folgen werde. Stattdessen bietet er ihm seine Waffe an, um sich töten zu lassen. Auch hier wird der Text musikalisch dramatisch untermalt. Das dritte großartige Rezitativ ist dann der innere Monolog Sillas im dritten Akt, wenn er schließlich zu der Erkenntnis kommt, auf Ottavia verzichten zu müssen. Neben diesen drei Rezitativen gibt es auch zwei großartige Duette. Während das erste Duett zwischen Ottavia und Postumio, in dem sich die beiden ihre Liebe versichern, nahezu "klassisch" daherkommt und durch die wunderbar ineinander übergehenden hohen Stimmen bewegt, die die Verbundenheit der beiden Figuren unterstreicht, ist das Duett von Ottavia und Silla von einer ganz anderen Natur. Während Silla hier mit zarten Tönen um Ottavias Gunst wirbt, weist sie ihn barsch mit scharfen Koloraturen zurück. Dieses Duett lässt sich also vielmehr als Kampfgesang deuten. Ein weiterer musikalischer Glanzpunkt ist ein Terzett am Ende des zweiten Aktes, wenn Silla Postumio verurteilen will, Postumio ihm Grausamkeit vorwirft und Metello verzweifelt an Sillas Vernunft appelliert. Auch hier werden die verschiedenen Intentionen der drei Figuren musikalisch großartig zusammengeführt.

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Silla (Bejun Mehta, vorne Mitte) zieht sich ins Privatleben zurück (vorne links daneben: Crisogono (Mert Süngü), vorne auf der rechten Seite von links: Ottavia (Eleonora Bellocci), Fulvia (Roberta Invernizzi) und Postumio (Samuel Mariño), hinten Mitte unten von links: Metello (Valer Sabadus) und Lentulo (Hagen Matzeit) mit dem Chor und der Statisterie).

Für diese eindrucksvolle Musik ist in Innsbruck ein herausragendes Ensemble zusammengestellt worden. Allein vier Countertenöre stellen unter Beweis, wie vielfältig die Schattierungen in diesem Genre mittlerweile sind. Da ist zunächst Bejun Mehta in der Titelpartie zu nennen, der zwischen sehr weichen Tönen und einer gewissen Schärfe zu changieren weiß. So zeichnet er den Diktator in seiner ganzen Vielschichtigkeit. Man nimmt ihm den verliebten Mann genauso ab wie den gnadenlosen Tyrannen, der um jeden Preis seine Wünsche durchsetzen will. Großartig interpretiert er den Monolog im dritten Akt, wenn er vor dem bevorstehenden Triumph auf dem Forum eine Entscheidung treffen muss. Valer Sabadus verfügt als Metello über luzide Spitzentöne und begeistert mit halsbrecherischen Koloraturen in enormer Beweglichkeit. Ihm nimmt man den treuen Gefolgsmann wunderbar ab. Hagen Matzeit gestaltet den erfahrenen Lentulo mit einem recht reifen Countertenor, der über eine warme Mittellage verfügt und eine gewisse Weisheit ausstrahlt. Samuel Mariño glänzt als jugendlicher Liebhaber Postumio mit nahezu engelsgleichen Höhen, die eine unglaubliche Klarheit besitzen, aber auch den ungestümen Charakter der Figur unterstreichen. So lässt sich dieses "Vierergespann" als Idealbesetzung für die Countertenor-Partien beschreiben.

Doch auch die übrigen Partien können problemlos mit diesem hohen Niveau mithalten. Eleonora Bellocci begeistert als kämpferische Ottavia mit flexiblen Koloraturen und enormer Strahlkraft in den Höhen. Im Zusammenspiel mit Mariño verschmilzt ihr Sopran zu einer Innigkeit, die die Liebe zwischen diesen beiden Figuren regelrecht spürbar macht, während sie Mehta gegenüber sehr widerspenstige Töne anschlägt und sich von seiner Macht nicht einschüchtern lässt. Ein weiterer Höhepunkt ist ihre große Arie im dritten Akt, in der Ottavia eine Vision des sterbenden Postumio hat. Während das Bühnenbild in rotes Licht getaucht wird, punktet Bellocci mit dramatischer Interpretation. Roberta Invernizzi legt die Partie ihrer Mutter Fulvia recht taktierend an. Fulvia hat durch den Verlust ihres Gatten am eigenen Leib zu spüren bekommen, was es bedeutet, sich Silla zu widersetzen. Mit beweglichem Sopran versucht sie, ständig zwischen dem Diktator und ihrer Tochter zu vermitteln. Mert Süngü gestaltet den Bösewicht Crisogono mit kraftvollem Tenor und diabolischem Spiel. Das Festspielorchester unter der Leitung von Alessandro De Marchi lotet die vielschichtigen Farben der Partitur differenziert aus, so dass es am Ende großen und verdienten Jubel für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Die Inszenierung und die musikalische Umsetzung wecken den Wunsch, mehr von diesem vernachlässigten Komponisten zu hören.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung und Cembalo
Alessandro De Marchi

Regie
Georg Quander

Bühnenbild und Kostüme
Julia Dietrich

Choreinstudierung
Claudio Chiavazza



Innsbrucker Festwochenorchester

Coro Maghini


Solistinnen und Solisten

Silla, römischer Diktator
Bejun Mehta

Metello, römischer Ratsherr
Valer Sabadus

Lentulo, römischer Ratsherr
Hagen Matzeit

Postumio, römischer Ratsherr und Republikaner
Samuel Mariño

Ottavia, versprochene Braut des Postumio
Eleonora Bellocci

Fulvia, Mutter der Ottavia
Roberta Invernizzi

Crisogono, Freigelassener
Mert Süngü

 


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