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Rossini Opera Festival

Pesaro
09.08.2022 - 21.08.2022


Otello

Dramma per musica in drei Akten
Libretto von Francesco Berio di Salsa
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit italienischen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 25' (eine Pause)

Premiere in der Vitifrigo Arena in Pesaro am 11. August 2022
(rezensierte Aufführung: Derniere am 20.08.2022)


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Rossini Opera Festival

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Gewalt gegen Frauen

Von Thomas Molke / Fotos: Studio Amati Bacciardi (Rossini Opera Festival)

Im Bereich des Musiktheaters denkt man bei Shakespeares Tragödie Othello heutzutage meistens an Giuseppe Verdis 1887 an der Mailänder Scala uraufgeführte Oper. Dabei hat sich rund 70 Jahre vor Verdi auch Gioachino Rossini mit diesem Stoff auseinandergesetzt und am 4. Dezember 1816 in Neapel eine Vertonung zur Uraufführung gebracht, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als musikalische Sensation galt und sich großer Beliebtheit erfreute. Mit Verdis Fassung geriet Rossinis Oper allmählich in Vergessenheit, und weckt erst seit einigen Jahren wieder vermehrt das Interesse auch außerhalb von Rossini-Festspielen. So stand das  Werk 2019 beispielsweise in Frankfurt auf dem Spielplan und wurde in der Spielzeit 2021/2022 am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen und in Liège herausgebracht. Dabei ist diese Oper alles andere als leicht zu besetzen, da sie insgesamt sechs Tenöre erfordert, von denen drei Partien, Otello, Rodrigo und Iago, äußerst anspruchsvoll sind. Wie in den meisten Inszenierungen wird auch bei der Neuproduktion in Pesaro die Anzahl der Tenöre auf fünf reduziert, und den Gondoliere im dritten Akt sowie Otellos Freund Lucio, der lediglich ganz am Schluss auftritt, übernimmt ein Tenor.

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Desdemona (Eleonora Buratto) zwischen Otello (Enea Scala, rechts), Rodrigo (Dmitry Korchak) und ihrem Vater Elmiro (Evgeny Stavinsky, links)

Mit Shakespeares Drama hat Rossinis Oper eigentlich nicht mehr als die grobe Figurenkonstellation gemein. Rossinis Librettist Francesco Berio di Salsa orientierte sich vielmehr an zwei zeitgenössischen Schauspielbearbeitungen des Stoffes, der ursprünglich als Novelle aus Giraldo Cinthios Sammlung Hacatommithi stammt. Eine zentrale Rolle nimmt hier Desdemonas Vater Elmiro Barbarigo ein, der seine Tochter mit dem Sohn des Dogen, Rodrigo, verheiraten möchte, ohne zu wissen, dass sie bereits heimlich mit Otello vermählt ist. Als er einen Brief seiner Tochter an ihren heimlichen Gatten abfängt, der neben zärtlichen Worten auch noch eine Locke enthält, glaubt er, dass dieser Brief an Rodrigo gerichtet sei, was Desdemona aus Furcht vor ihrem Vater nicht abstreitet. Dieser Brief fällt dem intriganten Iago in die Hände, der damit Otellos Eifersucht schürt. Als Desdemona nach Otellos siegreicher Rückkehr aus der Schlacht mit Rodrigo zusammengeführt werden soll, kommt es zum Eklat, da Desdemona sich zwar weigert, Rodrigo zu heiraten, Otello sie jedoch trotzdem für untreu hält, was im weiteren Verlauf durch Iagos Intrige mit dem Brief noch verstärkt wird. Otello und Rodrigo fühlen sich beide von Desdemona betrogen und wollen sich duellieren. Elmiro ist empört, als er von der heimlichen Hochzeit seiner Tochter erfährt, und verstößt sie. Nach Desdemonas gefühlvollem Lied von der Weide und ihrem anschließende Gebet erscheint Otello in ihrem Schlafgemach und tötet sie, bevor er ihre Unschuld erkennt und voller Reue schließlich Selbstmord begeht.

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Elmiro (Evgeny Stavinsky) schlägt seine Tochter Desdemona (Eleonora Buratto), und die Gesellschaft (hinten links: Iago (Antonino Siragusa) mit dem Chor) schaut zu.

Rosetta Cucchi sieht in ihrer Inszenierung in dem Eifersuchtsmord an Desdemona ein Beispiel für die heutzutage immer noch weit verbreitete Gewalt gegen Frauen. Dafür räumt sie in ihrer Inszenierung der Figur der Emilia eine zentrale Rolle ein. Bereits in der Sinfonie tritt ein Double der Figur auf und schreitet durch den Raum, in dem der Mord geschehen ist. Zeitungsschlagzeilen werden auf die Rückwand projiziert, die von einem neuen Frauenmord berichten, während einzelne Personen den Ort, der mit weißen Tüchern bedeckt ist, neugierig inspizieren. Ein Mann bekommt mit seiner Frau Streit und schlägt sie, was Emilia ihre Fassung verlieren lässt, so dass sie der Frau zu Hilfe eilt und den Mann des Raumes verweist. Die geschlagene Frau geht allerdings mit ihm. Im weiteren Verlauf nimmt Emilia in einem Hinterzimmer auf der linken Bühnenseite Platz und durchlebt die Geschichte noch einmal. Wenn Desdemona am Ende des zweiten Aktes von ihrem Vater verstoßen wird, treten im Finale zahlreiche Frauen aus allen Gesellschaftsschichten auf und zeigen ihre Wunden, von denen einige sicherlich tödlich sein dürften. Auch die im Lied von der Weide besungene Isaura bekommt in Cucchis Inszenierung eine besondere Rolle. Zunächst sieht man in einer Videosequenz eine dunkelhäutige Frau, die in der Küche arbeitet und völlig unerwartet von ihrem aggressiven Gatten niedergestochen wird. Im Lied von der Weide tritt sie dann in einem weißen Rock auf und tanzt sich in Ekstase, wobei sie ihr ebenfalls weißes Oberteil verliert und man ihren geschundenen Körper sieht. An einem Strang wird sie schließlich leblos in die Höhe gezogen. Mehrere in der Luft hängende weiße Kleider auf der Bühne erinnern an Isauras Leid. Wenn Otello im dritten Akt Desdemona auf einem Tisch tötet, fallen diese Kleider herab. Ob Otello sich anschließend wirklich umbringt oder wie der Mann in der Videosequenz nur "reuevoll seine Tat bedauert", lässt Cucchi offen.

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Rodrigo (Dmitry Korchak) bedroht Desdemona (Eleonora Buratto).

Folglich spielt auch Otellos Motivation für seine Handlung in Cucchis Inszenierung keine allzu große Rolle. Sie verzichtet darauf, ihn als einen Farbigen darzustellen, der aufgrund seiner Hautfarbe und seiner Herkunft von der Gesellschaft ausgegrenzt ist. In seinem Kostüm wirkt er wie ein einflussreicher und erfolgreicher General, der natürlich seine Neider hat. Die venezianische Gesellschaft ist in den Kostümen von Ursula Patzak eine "typische männliche Anzugsgesellschaft", in der die Frauen lediglich als schmückendes Beiwerk dienen. Tiziano Santi hat für den ersten Akt einen großen Saal mit einer langen Tafel konzipiert. Im Hintergrund befindet sich ein Salon, wo die Herren in abgeschiedenem Raum unbürokratische Geschäftsabsprachen treffen können. Zwar lässt Cucchi in der Personenregie Otello in dieser Gesellschaft häufig allein stehen, was auf eine gewisse Isolation hindeutet, die aber auch dem Neid an seinem Erfolg geschuldet sein kann. Der zweite Akt spielt dann im Dienstbotentrakt. Hier kommt es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Figuren, bei denen auch eine Waffe ins Spiel gebracht wird. Blessuren trägt am Ende jedoch nur Desdemona davon. Das Schlafgemach im dritten Akt befindet sich dann wieder im Saal aus dem ersten Akt. Wenn es zur Aussprache zwischen Desdemona und Otello kommt, sitzen die beiden sich zunächst an einer langen Tafel gegenüber, so als ob das Problem sachlich gelöst werden könnte. Der Mord geschieht dann auf dem Tisch. Otello erwürgt Desdemona mit ihrem Schal. Im Hintergrund wendet sich in einer Art Traumvorstellung Otellos noch alles zum Guten. Hier sieht man ein Double von Otello und Desdemona als Paar an einer langen Tafel sitzen, während Elmiro ihnen seinen Segen gibt und auch Rodrigo bereit ist, auf Desdemona zu Otellos Gunsten zu verzichten, nachdem er Iagos Intrige durchschaut und diesen getötet hat. Doch dafür ist es nun zu spät, und Otello sinkt verzweifelt auf die tote Desdemona.

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Desdemona (Eleonora Buratto) und Otello (Enea Scala)

Musikalisch bewegt sich der Abend auf hohem Niveau. Eleonora Buratto begeistert als Desdemona mit sattem Sopran und strahlenden Höhen. Einen Höhepunkt stellt ihr gefühlvolles Lied von der Weide im dritten Akt dar, das in ihrer intensiven Interpretation mit dem betörenden Klang der Harfe unter die Haut geht und musikalisch auch diejenigen von den Meriten dieser Oper überzeugen dürfte, die ansonsten Verdis Fassung den Vorzug geben. In den Duetten mit Otello und Rodrigo glänzt Buratto durch große Dramatik und flexible Stimmführung. Enea Scala, der die Titelpartie bereits 2019 in Frankfurt mit großem Erfolg gesungen hat, begeistert auch in Pesaro mit kräftigem, leicht dunkel eingefärbtem Tenor, der in den Höhen eine enorme Durchschlagskraft besitzt. Die Eifersucht Otellos spielt er dabei überzeugend aus und zeigt, wie verloren er sich trotz seines Erfolges in dieser neidvollen Gesellschaft bewegt. Dmitry Korchak verfügt als sein Gegenspieler Rodrigo über eine helle, lyrische Stimmfärbung, die in den extremen Höhen ebenfalls zu strahlen weiß. Zu einem Glanzpunkt avanciert musikalisch das Duett mit Buratto im zweiten Akt mit der anschließenden Rachearie, in der Korchak alle Register seines Könnens zieht. Antonino Siragusa gibt den intriganten Iago absolut diabolisch und verfügt ebenfalls über einen kräftigen Tenor, der in den Höhen glänzen kann. Evgeny Stavinsky stattet Desdemonas Vater Elmiro mit einem profunden Bass aus. Adriana di Paola und ihr Double werden der besonderen Rolle der Emilia in dieser Inszenierung szenisch gerecht. Di Paola stattet die Partie stimmlich mit sattem und warmem Mezzosopran aus. Julian Henao Gonzalez und Antonio Garés runden das Solisten-Ensemble in den kleineren Partien des Lucio / Gondoliero und Dogen überzeugend ab. Der von Giovanni Farina einstudierte Coro del Teatro Ventidio Basso präsentiert sich ebenfalls spielfreudig. Die Herren klingen allerdings ein bisschen blass. Yves Abel lotet mit dem Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI die Feinheiten von Rossinis schnellen Läufen präzise aus und punktet durch farbenreichen Klang, so dass es am Ende für alle Beteiligten großen Beifall gibt, in den sich bei der Derniere auch Rosetta Cucchi einreiht.

FAZIT

Man kann das Stück als Kritik an der Gewalt gegen Frauen im Allgemeinen lesen, die darin sicherlich eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Andere Aspekte treten dabei jedoch etwas zu Unrecht in den Hintergrund. Musikalisch kommt man in Pesaro auf seine Kosten.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Yves Abel

Regie
Rosetta Cucchi

Bühnenbild
Tiziano Santi

Kostüme
Ursula Patzak

Licht
Daniele Naldi

Chorleitung
Giovanni Farina



Coro del Teatro Ventidio Basso

Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai


Solistinnen und Solisten

Otello
Enea Scala

Desdemona
Eleonora Buratto

Elmiro
Evgeny Stavinsky

Rodrigo
Dmitry Korchak

Iago
Antonino Siragusa

Emilia
Adriana di Paola

Lucio / Gondoliero
Julian Henao Gonzalez

Doge
Antonio Garés

 


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