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Wexford Festival Opera
21.10.2022 - 06.11.2022


The Master

Oper in einem Akt
Libretto von Colm Tóibín nach seiner gleichnamigen Novelle
Musik von Alberto Caruso

In englischer Sprache

Aufführungsdauer: ca. 1 h 50' (keine Pause)

Premiere im Jerome Hynes Theatre in Wexford am 22. Oktober 2022



 

 

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Geister der Vergangenheit

Von Thomas Molke / Fotos: © Padraig Grant

Neben den großen Opernproduktionen gab es unter David Agler bis 2019 die beliebten "Short Works" im Clayton Whites Hotel, die sich stets großer Beliebtheit erfreuten. Rosetta Cucchi hat mit der Übernahme der künstlerischen Leitung dieses Format durch die sogenannten "Pocket Operas / Opera Beag" ersetzt, die sich ebenfalls inhaltlich an dem jeweiligen Thema des Festivals orientieren und vor allem eine Plattform für junge irische Künstler*innen und Musiker*innen bilden sollen. So verwundert es nicht, dass den Auftakt in diesem Jahr eine Kammeroper auf ein Libretto des irischen Schriftstellers Colm Tóibín macht, der in Enniscorthy geboren und dem Wexford Festival Opera seit vielen Jahren eng verbunden ist. Gemeinsam mit dem italienischen Komponisten Alberto Caruso hat er die Oper The Master kreiert, die 2014 mit Student*innen an der University of Boulder in Colorado erarbeitet wurde und nun im Jerome Hynes Theatre in Wexford ihre offizielle Premiere feiert.

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Henry James (Thomas Birch) in seinem Arbeitszimmer

Basis ist die gleichnamige Novelle von Tóibín über den Schriftsteller Henry James, die 2004 erschien und mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet worden ist. Eine zentrale Figur in der Oper ist dabei Constance Fenimore Woolson, über deren Beziehung zu Henry James viel spekuliert worden ist. Zu Beginn kehrt sie als Geist von den Toten zurück und begleitet James auf seinem Weg durch die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts, in denen er nach dem großen Misserfolg mit seinem Theaterstück Guy Domville auf der Suche nach seiner eigenen Bestimmung und seiner Sexualität ist. Dabei versucht sie ständig, ihm Ratschläge zu geben und ihn vor falschen Entscheidungen zu warnen, ohne aber wirklich Einfluss auf seine Handlungen nehmen zu können. Am Ende kehrt sie zurück zu den Toten, wobei sie sich selbst nicht mehr erinnern kann, wie sie gestorben ist, und James ihr von ihrem rätselhaften Sturz aus dem vierten Stock ihres Apartments in Venedig berichtet, wobei nur gemutmaßt werden kann, ob sie sich aufgrund ihrer Depressionen selbst das Leben genommen oder ob es sich um einen tragischen Unfall gehandelt hat. James bleibt am Ende unentschlossen zurück und ist in seinen zahlreichen Fragen scheinbar keinen Schritt weitergekommen, so dass er sich wieder in die Arbeit stürzt, die er als einzige Bestimmung für sich findet.

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Zurückgekehrt von den Toten: Constance Fenimore Woolson (Annabella-Vesela Ellis)

Da das Werk mit den zahlreichen Erinnerungen eigentlich nur eine Innenschau des Schriftstellers ist, bietet sich der intime Rahmen im Jerome Hynes Theatre für eine Produktion hervorragend an. Das Ensemble tritt in historisierenden Kostümen auf, für die Lisa Krugel verantwortlich zeichnet, und nimmt auch selbst die Umbauten auf der Bühne vor, die fließend von einer Erinnerung in die nächste übergehen. Am Anfang sieht man James hinter einem Schreibtisch in einem roten Morgenmantel, wie er überlegt, alte Briefe zu verbrennen. Dann tritt Constance auf und macht sich durch ein Buch bemerkbar, das sie vom Tisch wirft. James spürt, dass jemand im Raum ist, ohne Constance genau verorten zu können. Das hält er natürlich vor seinem dominanten älteren Bruder William und dessen Frau geheim, die von dem Lärm im Arbeitszimmer geweckt worden sind. Im Anschluss beginnt die Reise zu verschiedenen Stationen, auf die er sich mit Constance begibt. Dabei bleiben auch humorvolle Momente nicht aus. Wenn er selbst Zuschauer einer Aufführung seines Theaterstückes Guy Domville wird und durch die übertriebene Darstellung einer Schauspielerin erkennt, warum das Werk mit den Erfolgen eines Oscar Wilde, der in den benachbarten Theatern mit großem Erfolg gespielt wird, nicht mithalten kann. Constance versetzt ihm dabei noch einen weiteren Schlag, wenn sie ihm erklärt, dass seine Texte teilweise noch schlechter als die Darbietung seien.

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Henry James (Thomas Birch, hinten) und Oliver Wendell Holmes Jr (James Wafer, vorne)

Die Beschäftigung mit Oscar Wilde führt dann auch zu James' Hinterfragung seiner eigenen sexuellen Orientierung. Constance, die sich wahrscheinlich zeitlebens mehr als eine platonische Beziehung zu James gewünscht hat, warnt ihn davor, die gleichen Fehler wie Oscar Wilde zu machen. Die Gesellschaft wird hier nicht nur als absolut intolerant gezeichnet, sondern scheint auch noch Vergnügen zu haben, den Schriftsteller einer Prüfung zu unterziehen. So gibt die selbstgefällige Lady Louisa Wolseley ihrem Kammerdiener Hammond den Auftrag, James des Nachts in seinem Schlafzimmer "zu testen". Eindringlich wird anschließend eine Szene geschildert, in der James mit seinem alten College-Freund Oliver Wendell Holmes Jr ein Zimmer mit nur einem Bett teilt. Dabei wird Oliver von dem gleichen Sänger dargestellt, der schon als Diener zuvor des Nachts James betreut hat. Auch wenn die Nacht zwischen den beiden Männern harmlos verläuft, lässt sich im intensiven Spiel der beiden Männer nicht leugnen, dass eine gewisse Spannung in der Luft liegt. Alberto Caruso, der den Text in Musik gesetzt hat, begleitet die Szenen eindrucksvoll am Klavier und unterstreicht mit feinsinnigem Spiel die Intimität des Stückes. Auch wenn die Musik sehr tonal gehalten ist, hat sie aber doch an einigen Stellen einige Längen und trägt nicht über die ganzen knappen 110 Minuten, die das Stück dauert.

Die Solistinnen und Solisten überzeugen stimmlich und darstellerisch sowohl als Ensemble als auch in den einzelnen Partien. Da ist zunächst Thomas Birch als Henry James zu nennen, der die innere Zerrissenheit des Schriftstellers glaubhaft transportiert und mit solidem Tenor punktet. Annabella-Vesela Ellis stattet die Partie der Constance Fenimore Woolson mit warmem Mezzosopran aus und ist eigentlich die überlegene Figur, bis die beiden auf Constances mysteriösen Tod zu sprechen kommen. Da wird Constance schließlich gebrochen, was von Ellis glaubhaft dargestellt wird. Hervorzuheben ist auch James Wafer als Oliver Wendell Holmes Jr, der die Partie mit virilem Bariton ausstattet und in der Bettszene heftig gegen seine eigenen Gefühle anzukämpfen hat. Isabel Araujo glänzt als neurotische kranke Schwester Anna, die ihren Bruder James mit ihrer fordernden Liebe wahnsinnig einengt und dabei mit kraftvollem Sopran glänzt. Emma Walsh begeistert als Schauspielerin Maude Howe Elliott mit exaltiertem Sopran und humorvollem Spiel. So gibt es am Ende großen Applaus für alle Beteiligten, in den sich neben dem Regie-Team auch der Komponist und der Librettist einreihen können, was für heutige Opernvorstellungen schon einen Seltenheitswert besitzt.

FAZIT

Szenisch ist die Umsetzung dieser Kammeroper gelungen, auch wenn es inhaltlich hilfreich ist, wenn man genauere Kenntnisse über Henry James und sein Leben hat. Musikalisch fängt Caruso die Intimität der Geschichte bewegend ein, hat aber an einigen Stellen Längen.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung und Piano
Alberto Caruso

Inszenierung
Conor Hanratty

Bühne und Kostüme
Lisa Krugel

Licht
Patrick McLaughlin

 

Solistinnen und Solisten

Henry James
Thomas Birch

Hammond / Oliver Wendell Holmes Jr
James Wafer

Constance Fenimore Woolson
Annabella-Vesela Ellis

William James / Edmund Gosse
Lawrence Gillians

Johnston, the butler
Andrii Kharlamov

Hendrik Christian Andersen
Dan D'Souza

Alice James
Isabel Araujo

Alice Gibbens James
Anna Gregg

Mrs Edward Saker
Zita Syme

Maude Howe Elliott
Emma Walsh

Lady Louisa Wolseley
Arlene Belli

Miss Katharine Loring
Dominica Williams

Mr Webster
Gabriel Seawright

Mr Smith
Stephen Walker

Tito
Chris Mosz

Ensemble
Emma Jüngling
Deirdre Higgins

 


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