Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum



Rossini in Wildbad
Belcanto Opera Festival
15.07.2022 - 24.07.2022


Armida

Ernste Oper in drei Akten
Libretto von Giovanni Schmidt
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit italienischen und deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 25' (eine Pause)

Eine Produktion von Passionart und der Filharmonia im. Karola Szymanowskiego W Krakowie

Premiere der konzertanten Aufführung in der Trinkhalle am 15. Juli 2022

 

 

 

Homepage

Gipfeltreffen der Tenöre

Von Thomas Molke / Foto: Krzysztof Kalinowski

Rossinis Oper Armida nimmt in zweierlei Hinsicht eine besondere Stellung im Schaffen des Schwans von Pesaro ein. Zum einen ist es ungewöhnlich, dass das Werk insgesamt drei Liebesduette enthält. Die Liebe habe, so Rossini-Experte Alberto Zedda, bei Rossini normalerweise eher im Bett als in der Musik stattgefunden. Zum anderen handelt es sich um einen Stoff, der wegen der zahlreichen Zauberelemente zwar bereits unzählige Komponisten vor Rossini zu einer Vertonung veranlasst, mit der Magie jedoch weniger zu Rossinis Vorstellungen eines Librettos gepasst habe. Außerdem war das Thema zu Rossinis Zeit eigentlich bereits aus der Mode gekommen. So soll Mozart im Alter von 14 Jahren den Stoff bei dem Besuch der gleichnamigen Oper von Jommelli als "zu altvätterisch fürs theatro" bezeichnet haben. Wieso sich Rossini dennoch für die Komposition entschieden hat, mag zwei Gründe gehabt haben. Der eine dürfte bei der Ausnahme-Sopranistin Isabella Colbran zu suchen sein, die Rossini nicht nur mit ihrer außergewöhnlichen Stimme verzauberte, sondern später auch noch seine Ehefrau wurde. So gab ihm Armida die Möglichkeit, für die Colbran eine absolute Paraderolle zu kreieren. Der andere Grund dürfte beim Teatro San Carlo in Neapel liegen, das ein Jahr zuvor abgebrannt war und 1817 mit einer Oper wiedereröffnet werden sollte, bei der die ganze Bühnenmaschinerie zum Einsatz kommen konnte. Da schien eine Zauberoper mit zahlreichen Effekten natürlich äußerst geeignet zu sein. Dass das Stück trotz des überwältigenden Erfolgs heutzutage selten auf den Spielplänen steht, hängt mit der Schwierigkeit der Besetzung zusammen. Neben der anspruchsvollen Titelpartie benötigt man sechs recht anspruchsvolle Tenorrollen, die bei der Uraufführung von insgesamt vier Sängern interpretiert wurden, was im Handlungsablauf durchaus funktioniert. Zwei Figuren treten nach dem ersten Akt nicht mehr auf, und zwei weitere Tenorpartien erscheinen erst im dritten Akt. Die Met in New York brachte es bei ihrer Produktion mit Renée Fleming, die beim Rossini Opera Festival in Pesaro 1993 ihr umjubeltes Debüt in der Titelrolle gegeben hatte, immerhin auf fünf Tenöre. Bei der konzertanten Aufführung in Bad Wildbad, die auf CD eingespielt wird, leistet man sich sogar den Luxus, die Partien mit sechs unterschiedlichen Tenören zu besetzen.

Die Handlung basiert auf Torquato Tassos berühmtem Versepos Gerusalemme liberata, das vor allem für die Opernkomponisten des Barock als beliebte Quelle fungierte. Darin befinden sich die Kreuzritter unter der Leitung von Gottfried von Bouillon (Goffredo) auf einem Kreuzzug vor den Toren Jerusalems. Rossinis Librettist beschränkt sich auf die Liebesepisode zwischen Rinaldo und Armida. Die Zauberin Armida will gemeinsam mit ihrem Onkel Idraote, dem König von Damaskus, die Kreuzritter von ihrer Mission abbringen. Deswegen gibt sie sich als eine um ihren rechtmäßigen Thron betrogene Prinzessin aus, die die Kreuzritter um Hilfe bittet. Da sie allesamt von Armidas Zauber eingenommen sind, überreden sie Goffredo, gegen seine Überzeugung Armida zehn Paladine zur Verfügung zu stellen, um ihr Anliegen zu unterstützen. Als Anführer wird Rinaldo gewählt, den mit Armida eine gemeinsame Geschichte verbindet. Einst hat sie ihn dank ihrer magischen Kräfte aus einer gefährlichen Situation gerettet und sich dabei in ihn verliebt. Auch er empfindet tiefe Zuneigung zu ihr und lässt sich von ihr verführen. Der Kreuzritter Gernando, der ihn einerseits um seine neue Stellung beneidet und andererseits wegen Armida eifersüchtig ist, überrascht ihn beim Liebesspiel. Es kommt zum Duell, bei dem Rinaldo den Rivalen tötet. Da Goffredo Rinaldos Verhaftung anordnet, flieht dieser mit Armida, die mit einer betörenden Zauberinsel seinen Sinn verwirrt. Um den Sieg der Kreuzritter nicht zu gefährden, werden die Paladine Carlo und Ubaldo geschickt, um Rinaldo zurückzuholen. Sie überzeugen ihn, erneut seiner Mission zu folgen. Rinaldo verlässt Armida, die ihn verflucht und anschließend das ganze Zauberreich zum Einsturz bringt.

Direkt nach der Ouvertüre, in der das Philharmonische Orchester Krakau unter der Leitung von José-Miguel Pérez-Sierra mit getragenen Tönen den hehren Charakter der Kreuzritter unterstreicht, bevor es in für Rossini charakteristischen spielerischen Läufen einen Ausblick auf die Zauberwelt Armidas gibt, kann "Tenor Nr. 1" Moisés Marín als oberster Befehlshaber Goffredo gemeinsam mit den Herren des Philharmonischen Chors Krakau glänzen. Mit kraftvollem und höhensicherem Tenor spornt Marín die Kreuzritter nach dem Tod des Heerführers Dudone zu neuen Heldentaten an. Mit scheinbarer Leichtigkeit setzt sich Marín dabei gegen das fulminant auftrumpfende Orchester durch. Die Partie seines Bruders Eustazio, der kurz darauf die Ankunft Armidas ankündigt, ist mit Manuel Amati, einem Stipendiaten der Akademie BelCanto, ebenfalls gut besetzt. Nun hat Armida ihren ersten Auftritt. Die Bedeutung der Figur wird auch dadurch betont, dass sie die einzige Frauenrolle im Stück ist. Obwohl es sich um eine konzertante Aufführung handelt, macht Ruth Iniesta bereits bei ihrem ersten Auftritt deutlich, dass sie sich dieser Sonderstellung mehr als bewusst ist, und betritt betont verführerisch die Bühne. Ihre stimmlichen Qualitäten stehen ihrer darstellerischen Leistung in nichts nach. Mit großer Beweglichkeit punktet sie im anschließenden Quartett mit Marín, Amati und Jusung Gabriel Park als ihrem Onkel Idraote, der sie heimlich zu diesem Treffen begleitet hat. Die halsbrecherischen Läufe meistert Iniesta dabei mit atemberaubender Flexibilität und verzaubert das Publikum, so wie Armida mit diesem Gesang sicherlich die Kreuzritter in ihren Bann gezogen hat. Park scheint als ihr Onkel mit seinem dunklen Bassbariton als einziger ihr Spiel zu durchschauen.

Bild zum Vergrößern

Patrick Kabongo als Gernando mit José-Miguel Pérez-Sierra und dem Philharmonischen Orchester und Chor Krakau bei einer Aufführung in Krakau

Anschließend folgt der nächste tenorale Höhepunkt, der Patrick Kabongo als Kreuzritter Gernando zuteil wird. Kabongo, der sich in den vergangenen Jahren in Bad Wildbad zu einem regelrechten Publikumsliebling entwickelt hat, bringt auch mit der Arie "Non soffrirò l'offesa" den Saal zum Toben. Mit sauber angesetzten Spitzentönen und großer Beweglichkeit in der Stimmführung lässt er den Rachegedanken des Kreuzritters freien Lauf und macht deutlich, dass die erste Auseinandersetzung nicht lange auf sich warten lassen wird. Vorher kann allerdings Michele Angelini als Rinaldo im ersten Liebesduett mit Iniesta glänzen. Hierbei finden die beiden stimmlich zu einer bewegenden Innigkeit, bei der man auch den verliebten Komponisten Rossini herauszuhören glaubt. Einen regelrechten Schlagabtausch liefern sich dann die beiden Tenöre Kabongo und Angelini im ersten Finale. Der Kampf wirkt fast wie ein Streit um den höchsten Ton, bei dem allerdings keiner unterliegen würde. Schließlich "siegt" aber doch Rinaldo, und man ist fast enttäuscht, dass Kabongo nun im weiteren Verlauf nicht mehr auftreten wird. Marín verflucht als Goffredo mit kraftvollem Tenor seinen Untergebenen Rinaldo, bevor dieser mit Armidas Hilfe flieht.

Der zweite Akt ist für Rossinis Zeit beinahe ungewöhnlich, da er fast nur aus Ballettmusik besteht. Zwar gab es auch in der italienischen Oper der damaligen Zeit Balletteinlagen zwischen den in der Regel zweiaktigen Opern. Dass diese Einlagen aber in die Handlung integriert wurden, war normalerweise nicht der Fall. Eingeleitet wird die ganze Szenerie von einem eindrucksvollen Chor der Furien und dem Anführer der Dämonen Astarotte, der von Shi Zong mit dunklem Bass verkörpert wird. Das folgende Liebesduett zwischen Armida und Rinaldo versprüht in den Geigenklängen schon beinahe Operettenseligkeit. Iniesta und Angelini unterstreichen mit intensivem Spiel und wunderbarem Belcanto-Gesang die idyllische Atmosphäre der Zauberinsel, auf die Armida ihren Geliebten entführt hat. In den buntesten Farben zeichnet das Orchester anschließend eine pittoreske Landschaft aus Musik. Mit den Übertiteln, die das nun stattfindende Ballett der Nymphen und Amor beschreiben, reicht die Musik völlig aus, wunderbare Bilder im Kopf entstehen zu lassen, so dass es einer weiteren Umsetzung auf der Bühne gar nicht bedarf.

Im dritten Akt treten dann die letzten beiden Tenöre Carlo und Ubaldo auf, die mit Chuan Wang und César Arrieta ebenfalls hervorragend besetzt sind. Im Terzett mit Angelini, in dem Carlo und Ubaldo Rinaldo den Spiegel vorhalten und den Zauber Armidas brechen, fungieren die beiden Paladine zwar eigentlich nur als Stichwortgeber für Angelini, der hier als Rinaldo mit stupenden Spitzentönen noch einmal über sich hinauswächst und sich mit großer Dramatik von Armida löst, nachdem er zuvor in einem romantischen Liebesduett mit Iniesta die "Soave catene" (süßen Liebesfesseln) gepriesen hat, punkten aber ebenfalls mit kraftvollem Tenor. Der Beifall des Publikums nach diesem Terzett will nahezu gar kein Ende nehmen. Man denkt schon, dass eine Steigerung gar nicht mehr möglich sei. Aber die gelingt Iniesta dann im letzten Finale. Gab sie sich bis jetzt als Zauberin Armida mit beweglichen Läufen und teilweise recht weicher und lieblicher Stimme absolut verführerisch, zeigt sie in einer furiosen Rache-Cabaletta das wahre Gesicht der Zauberin. Auch hier benötigt man kein Bühnenbild sondern spürt förmlich, wie Iniesta mit hochdramatischen Tönen die ganze Liebesinsel zum Einsturz bringt. Das Publikum bedankt sich für diese hervorragende musikalische Leistung mit frenetischem Applaus.

FAZIT

Es bleibt zu hoffen, dass die CD zu dieser großartigen Aufführung nicht zu lange auf sich warten lässt, damit man diesen musikalischen Hochgenuss möglichst bald noch einmal durchleben kann.

Weitere Rezensionen zu Rossini in Wildbad 2022



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
José Miguel Pérez-Sierra

Chorleitung
Marcin Wróbel

 

Philharmonisches Orchester Krakau
(Leitung: Alexander Humala)

Philharmonischer Chor Krakau


Solistinnen und Solisten

Goffredo, oberster Heerführer der Kreuzritter
Moisés Marín

Rinaldo, Kreuzritter
Michele Angelini

Idraote, Magier und König von Damaskus
Jusung Gabriel Park

Armida, seine Nichte, Magierin
Ruth Iniesta

Gernando, Kreuzritter
Patrick Kabongo

Eustazio, Kreuzritter, Bruder von Goffredo
Manuel Amati

Ubaldo, Kreuzritter
César Arrieta

Carlo, Kreuzritter
Chuan Wang

Astarotte, Anführer der Dämonen
Shi Zong

Paladine, Krieger, Dämonen, Geister,
fränkische Soldaten, Damaszener im Gefolge
Armidas
Gemischter Chor

 


Zur Homepage vom
Rossini in Wildbad




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum

© 2022 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -