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Zeitinsel Sergej Prokofiew
Die Verlobung im Kloster


Lyrisch-komische Oper in vier Akten (op. 86)
Libretto von Sergej Prokofiew und Mira Mendelson nach dem Lustspiel The Duenna von Richard Brinsley Sheridan
Musik von Sergej Prokofiew

in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: 3h 5' (eine Pause)

Konzertante Aufführung am Freitag, 31. Oktober 2014, 19.00 Uhr
Großer Saal im Konzerthaus Dortmund

 

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Konzerthaus Dortmund (Homepage)

Russische Buffo-Oper

Von Thomas Molke / Foto von Petra Coddington

Die "Zeitinsel" ist eine Reihe im Konzerthaus Dortmund, in der man sich an mehreren aufeinander folgenden Tagen mit einem Komponisten, Thema oder Interpreten auseinandersetzt. Nachdem Andrea Marcon in der letzten Spielzeit mit dem Cetra Barockorchester Basel einen Einblick in das Schaffen des heutzutage größtenteils unbekannten Komponisten Antonio Caldara gegeben hat und Iván Fischer mit dem Budapest Festival Orchestra in die Klangwelt von Antonín Dvořák eingetaucht ist, widmet sich in dieser Spielzeit Valery Gergiev mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersburg dem russischen Komponisten Sergej Prokofiew. Während am ersten Tag mit den fünf Klavierkonzerten Werke auf dem Programm stehen, die aus Prokofiews früher Schaffensphase stammen, zeigt die konzertante Oper Die Verlobung im Kloster seinen Spätstil. Dieses Werk sollte eigentlich bereits 1941 im Stanislawski-Operntheater zur Uraufführung gelangen. Obwohl es auch zu einigen geschlossenen Aufführungen kam und der sowjetische Rundfunk einige Auszüge sendete, wurde die Premiere allerdings durch Hitlers Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 vereitelt, so dass das Werk schlussendlich erst am 3. November 1946 am Leningrader Kiro-Theater, dem heutigen Mariinsky-Theater St. Petersburg, uraufgeführt wurde. Ein großer Erfolg war dem Stück nicht beschieden, da es sich einerseits mit seiner buffonesken Struktur bereits überholt hatte, andererseits bereits zwei Jahre später mit einem Aufführungsverbot versehen wurde.

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Valery Gergiev mit Musikern des Mariinsky-Theaters St. Petersburg

Die Oper spielt in einem fiktiven Sevilla zur Zeit des Karnevals. Der Edelmann Don Jeronimo plant, seine Tochter Luisa mit dem einflussreichen Fischhändler Mendoza zu verheiraten, um gemeinsam mit ihm den Fischhandel in Sevilla zu monopolisieren. Luisa liebt jedoch den jungen Antonio. Die Hauswirtin (Duenna) verhilft ihr zur Flucht aus dem Haus. Auf der Straße trifft sie auf ihre Freundin Clara, die ebenfalls geflohen ist und von Luisas Bruder Ferdinand verehrt wird. Mit Clara tauscht sie die Identität und lässt sich in Mendozas Haus bringen, wo Mendoza sie dem jungen Antonio zuführen soll. Diese Situation wird aber von Ferdinand falsch interpretiert, da er nun glaubt, dass er in Antonio einen Rivalen um Claras Gunst hat. Die Duenna gibt sich mittlerweile verschleiert als Luisa aus und überredet den verliebten Mendoza, sie aus dem Haus des "Vaters" zu entführen. Don Jeronimo hat natürlich gar nichts gegen eine Entführung einzuwenden, da er seine Tochter ja sowieso mit Mendoza verheiraten will. Folglich gibt er auch dem Wunsch seiner Tochter nach, die ihn in einem Brief um die Erlaubnis bittet, den Mann, mit dem sie jetzt zusammen sei, ehelichen zu dürfen. So gelangen Luisa, Antonio, Clara und Ferdinand in ein abgelegenes Kloster, wo beide Paare getraut werden. Mendoza und Don Jeronimo müssen einsehen, dass sie von den beiden jungen Paaren und der Duenna hereingelegt worden sind.

Obwohl die Geschichte in Sevilla spielt, verwendet Prokofiew in der Musik keinerlei spanisches Lokalkolorit, sondern bleibt seinem neoklassizistischen Stil mit einem Hang zur Tonalität treu. Der lyrische Überschwang und das Buffoneske in der Partitur erinnern stark an Verdis Falstaff. Das Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersburg erweist sich unter der Leitung von Valery Gergiev als prädestinierter Klangkörper und arbeitet die Vielschichtigkeit der Musik wunderbar differenziert heraus, was vor allem in der Ouvertüre und in späteren Instrumentalstücken das hektische Treiben auf den Straßen Sevillas zur Zeit des Karnevals spürbar macht. Während Gergiev in diesen Szenen mit dem Orchester auftrumpft, achtet er bei den gesungenen Passagen sorgfältig darauf, die Solisten mit dem Orchester nicht zuzudecken. Erfreulich ist, dass die Solisten des Mariinsky-Theaters ihre Partien nicht vom Blatt absingen, sondern sich um eine nahezu halbszenische Umsetzung bemühen. Lediglich eine Partitur befindet sich auf der Bühne, in der sich einzelne Sänger zeitweise noch einmal über den Text vergewissern, ohne dabei allerdings auf szenischen Ausdruck in Mimik und Gestik zu verzichten. Da das Solisten-Ensemble aus Muttersprachlern besteht, wirkt auch das gesungene Russisch herrlich natürlich.

Neben der perfekten russischen Diktion überzeugen die Solisten auch bis in die kleinsten Partien durch hohes musikalisches Niveau. Zu nennen sind hier beispielsweise Andrei Popov, der als leicht angetrunkener Pater Eustaph im vierten Akt nicht nur mit kräftigem Tenor lautstark die Schönheit der Novizinnen im Kloster preist, sondern auch darstellerisch mit großem komödiantischem Talent zum Ausdruck bringt, dass hier der Wein aus dem Pater spricht. Auch Kristina Alieva macht ihren relativ kurzen Auftritt als Dienstmädchen Lauretta, die Don Jeronimo über die Flucht seiner Tochter informiert, mit ihrem Getuschel zu einem Kabinettstückchen. Yevgeny Ulanov begeistert als Mendozas Freund Don Carlos mit sonorem Bariton, der sich zwar einerseits darüber entsetzt zeigt, dass Mendoza Luisa und Antonio durch das Schlüsselloch beobachtet, es andererseits aber nicht schafft, wirklich den Raum zu verlassen, weil er von Mendoza genau wissen will, was da eigentlich hinter verschlossener Tür passiert. Auch szenisch wird dies wunderbar umgesetzt. Während Sergei Aleksashkin nämlich als Mendoza wirklich an der Eingangstür in den Saal hängt, durch die Luisa und Antonio den Raum verlassen haben, will Ulanov stets auf der anderen Seite abgehen und kommt immer wieder zurück, sobald Aleksashkin mit lautstarkem "Oh" wieder etwas Neues entdeckt zu haben scheint.

Sergei Aleksashkin, der kurzfristig für den im Programmheft ausgewiesenen Yuri Vorobiev als Mendoza eingesprungen ist, macht die Partie des Fischhändlers zu einem Höhepunkt des Abends. Mit großem Spielwitz gestaltet er diese dankbare Buffo-Rolle mit profundem Bass, sei es nun wenn er direkt zu Beginn mit Don Jeronimo über die Hochzeit mit der viel jüngeren Luisa handelseinig wird, wenn er anschließend die versprochene Braut als angebliche Clara ihrem eigentlichen Verehrer Antonio zuführt oder sich dann von der falschen Luisa in Form der verschleierten Duenna verzaubern lässt. Larissa Diadkova steht ihm spielerisch als Duenna in Nichts nach. Mit einem Fächer verbirgt sie ihr Gesicht, wenn sie als Luisa auftritt und Mendoza als großartigen Mann preist. Diadkovas Mezzo überzeugt dabei durch voluminöse Tiefen und eine angenehme Mittellage. Evgeny Akimov stattet den Don Jeronimo mit einem strahlenden Tenor aus, der vor allem im Zusammenspiel mit Aleksashkin und im Dialog mit den von ihm für die Hochzeit bestellten Musikern sein komisches Talent ausspielen kann. Sein Streitgespräch mit der Kapelle, die entweder zu laut spielt oder die Töne nicht so trifft, wie er es sich vorstellt, entwickelt sich zu einem weiteren musikalischen Höhepunkt des Abends.

Bei so vielen komischen Momenten sind die beiden eigentlichen Liebespaare des Abends zwar szenisch ein wenig langweilig, überzeugen stimmlich allerdings ebenfalls in vollem Umfang. Anastasia Kalagina stattet die Luisa mit einem Sopran aus, der in den Höhen über eine strahlende Leichtigkeit verfügt. Mit Dmitry Voropaev, der als Don Antonio mit hellem Tenor begeistert, bildet sie ein stimmlich harmonierendes Paar. Roman Burdenko überzeugt als Luisas Bruder mit weichem Bariton, und Yulia Matochkina glänzt als Clara mit vollem Mezzo, der in der Mittellage über eine unglaubliche Wärme verfügt. So gibt es am Ende großen Applaus für alle Beteiligten.

FAZIT

Es muss nicht immer Die Liebe zu den drei Orangen sein. Im Repertoire wird sich Die Verlobung im Kloster aber wohl nur im russischsprachigen Raum etablieren können. Von daher kann man sich freuen, wenn das Werk in Gastspielen wie dieser konzertanten Aufführung im Rahmen der "Zeitinsel" dem deutschen Publikum präsentiert wird.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Valery Gergiev

 

Orchester des
Mariinsky-Theaters St. Petersburg

Chor des
Mariinsky-Theaters St. Petersburg



Solisten

Don Jeronimo
Evgeny Akimov

Don Ferdinand
Roman Burdenko

Luisa
Anastasia Kalagina

Duenna
Larissa Diadkova

Don Antonio
Dmitry Voropaev

Clara
Yulia Matochkina

Mendoza
Sergei Aleksashkin

Lauretta
Kristina Alieva

Don Carlos
Yevgeny Ulanov

Pater Augustin
Mikhail Petrenko

Pater Eustaph / Pedro
Andrei Popov

Pater Chartreuse / Pablo
Alexander Gerasimov

Pater Benedikt / Miguel
Yuri Vlasov

Lopez
Vladimir Zhivopistsev



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Da capo al Fine

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