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Niobe, regina di Tebe

Oper in drei Akten
Libretto von Luigi Orlandi nach Ovids Metamorphosen
Musik von Agostino Steffani

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: 3h 20' (eine Pause)

Konzertante Aufführung am Samstag, 31. Januar 2015, 19.00 Uhr
Großer Saal im Konzerthaus Dortmund

 

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Betörende Barockklänge eines vergessenen Meisters

Von Thomas Molke / Fotos von Pascal Amos Rest

Obwohl Agostino Steffani als Bindeglied zwischen den frühen venezianischen Werken Monteverdis oder Cavallis und den barocken Opern Händels oder Vivaldis fungiert und als Hofkomponist in München, Hannover und Düsseldorf die italienische Oper in Deutschland entscheidend geprägt hat, ist er heute größtenteils in Vergessenheit geraten. Künstlern wie Cecilia Bartoli oder Philippe Jaroussky ist es zu verdanken, dass seinem einzigartigen Werk zumindest in den Konzertsälen wieder ein wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Nachdem Bartoli 2012 mit ihrem Programm Mission einen musikalischen Einblick in das vielseitige Schaffen dieses Komponisten gegeben hat, der für seine Dienstherren auch stets in diplomatischen Angelegenheiten tätig war, hat Jaroussky mit Karina Gauvin und dem Boston Early Music Festival Orchestra die erste Gesamteinspielung von Steffanis Niobe, regina di Tebe herausgegeben, die nun in der Veranstaltungsreihe "Große Stimmen - Konzertante Oper" im Konzerthaus zu erleben ist.

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Philippe Jaroussky als Anfione und Karina Gauvin als Niobe

Steffanis Librettist Luigi Orlandi bettet dabei die in Ovids Metamorphosen überlieferte mythologische Erzählung der thebanischen Königin Niobe, die für ihren Hochmut von der Göttin Latona bestraft wird, indem sie ihre Kinder verliert, ihr Ehemann Selbstmord begeht und sie selbst zu Stein erstarrt, in die für die Barockoper typischen Intrigen und Liebesverwicklungen ein. So wird Theben auf der einen Seite von Creonte bedroht, dessen Vater Lico einst von Niobes Ehemann Anfione getötet wurde, um die Herrschaft in Theben zu übernehmen. Creonte wird von dem Magier Poliferno unterstützt, der ihn nicht nur in Liebe zu Niobe entflammen lässt, sondern ihm auch noch die Gestalt des Gottes Mars verleiht, so dass Niobe sich dem vermeintlichen Gott hingibt. Auf der anderen Seite will auch der Albaner Tiberino die Stadt erobern und verliebt sich dabei in Manto, die Tochter des Sehers Tiresia. Anfione gelingt es durch seinen Gesang, um die Stadt hohe Mauern entstehen zu lassen, so dass Theben zunächst gerettet wird und Niobe ihren Mann für einen Gott erklärt. An ihrer Seite soll nun Clearte die königlichen Geschäfte verwalten, da Anfiones Platz "unter den Sternen sei". Clearte wiederum liebt die Königin heimlich und wird von der Amme Nerea ständig angestachelt, der Königin seine Liebe zu offenbaren. Bei diesen ganzen Verwirrungen kommt das aus dem Mythos bekannte Ende dramaturgisch nahezu unmotiviert.

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von links: Tiberino (Colin Balzer), Manto (Teresa Wakim), Creonte (Flavio Ferri-Benedetti) und Poliferno (Jesse Blumberg)

Betrachtet man die musikalische Struktur, müsste die Oper eigentlich nach Niobes Ehemann Anfione benannt sein, da ihm die bewegendsten Arien zukommen, was aber vielleicht auch an der Besetzung liegen mag, da Philippe Jaroussky als Anfione mit seinem Countertenor das Publikum mehrere Male zum Toben bringt. Während sich die Zuschauer beim ersten Duett zwischen Jaroussky und Karina Gauvin als Niobe "Sollievo del mio seno / Mia gioia, mio Diletto", in dem sich die beiden ihre unverbrüchliche Liebe gestehen und Jaroussky warm strahlende Höhen fließen lässt, die von Gauvins kräftigem Sopran wunderbar eingebettet werden, noch zurückhält, gibt es bei den folgenden Arien kein Halten mehr. Wenn sich Anfione zunächst in "Sfere amiche hor date al Labro" ganz der Harmonie der Gesangs hingibt, klingt Jarousskys Countertenor nahezu ätherisch wie von einer anderen Welt. Wenn er dann am Ende des ersten Aktes mit "Come Padre, e come Dio" die Steine dazu bewegt, eine hohe Schutzmauer um die Stadt Theben zu errichten, kann man sich regelrecht vorstellen, dass dieser engelsgleiche Gesang wie der eines Orpheus selbst leblose Dinge bewegt. Wenn er später im dritten Akt Creonte als falschen Mars enttarnt und seine getäuschte Ehefrau aufklärt, lässt Jaroussky die strahlenden Koloraturen nur so perlen und findet am Ende im Selbstmord zu einer tragischen Tiefe.

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von links: Poliferno (Jesse Blumberg), Creonte (Flavio Ferri-Benedetti), Nerea (José Lemos), Anfione (Philippe Jaroussky), Manto (Teresa Wakim), Niobe (Karina Gauvin), Tiberino (Colin Balzer), Paul O'Dette, Stephen Stubbs und Clearte (Aaron Sheehan), dahinter das Boston Early Music Festival Orchestra

Bei dieser herausragenden Leistung hätte der Abend leicht zu einer Ein-Mann-Show werden können, wenn nicht das restliche Ensemble ebenfalls erstklassig besetzt gewesen wäre. Karina Gauvin kann in der Titelpartie wunderbar mithalten und begeistert mit kräftigem Sopran, der in der Mittellage über ein enormes Volumen verfügt und in den Höhen bei den Koloraturen größte Beweglichkeit beweist. Fulminant gelingt ihr der dritte Akt, wenn sie die Götter verflucht und damit ihren Untergang heraufbeschwört. Wenn sie sich am Ende nach dem Tod ihres Gatten in Stein verwandelt, vermag sie durch sehr weiche, leidende Töne zu überzeugen. Aaron Sheehan begeistert als ihr Vertrauter Clearte mit sauberem Tenor, auch wenn seine Partie inhaltlich eher undankbar ist, da man eigentlich gar nicht so genau weiß, was man mit diesem zusätzlichen Verehrer der Königin im Handlungsablauf eigentlich soll. Da hat José Lemos als Amme Nerea schon eine wesentlich dankbare Rolle. Lemos setzt seine Partie in der konzertanten Aufführung absolut szenisch um. So tritt er nicht wie die anderen Solisten an ein Pult, sondern läuft permanent im langen Rock mit einem schwarzen Fächer über die Bühne und untermalt seine komischen Arien durch amüsante Mimik und Gestik, wobei er dabei auch stets das Publikum mit einbezieht, ob er nun die Treue der Männer oder die Schönheit der Frauen in Frage stellt. Auch eine kleine Tanzeinlage darf dabei nicht fehlen.

Für den erkrankten Maarten Engeltjes ist kurzfristig Flavio Ferri-Benedetti als Creonte eingesprungen. Ferri-Benedetti stattet den Anwärter auf den Thron mit beweglichem Counter aus, dem die Koloraturen in den Höhen wunderbar gelingen. So wird sein großes Liebesduett mit Gauvin, wenn er Niobe mit der Göttin Venus vergleicht, zu einem weiteren Höhepunkt des Abends. Jesse Blumberg überzeugt als sein Begleiter Poliferno mit kräftigem und klarem Bariton. Colin Balzer stattet den zweiten Anwärter auf den thebanischen Thron, den Albaner Tiberino, mit strahlendem Tenor aus. Mit Teresa Wakim als Manto findet er zu einer betörenden Innigkeit, die die beiden auch mimisch wunderbar ausspielen. Wakim begeistert dabei mit mädchenhaftem Sopran, der in den Höhen große Strahlkraft entwickelt. Christian Immler rundet das Ensemble als Seher Tiresia mit markanten Tiefen großartig ab. Das Boston Early Music Festival Orchestra wird gleich von zwei Dirigenten geleitet, die beide die Aufführung auch noch an der Laute begleiten. So wird auch der Orchesterklang zu einem Hochgenuss, so dass das Publikum am Ende in frenetischen Applaus ausbricht.

FAZIT

Von diesem Komponisten würde man gerne mehr hören. Es bleibt zu hoffen, dass Aufführungen wie diese dazu führen, vergessene Komponisten wie Steffani wieder mehr ins Bewusstsein zu rufen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Paul O'Dette
Stephen Stubbs

 

Boston Early Music Festival Orchestra



Solisten

Niobe
Karina Gauvin

Anfione
Philippe Jaroussky

Manto
Teresa Wakim

Tiresia
Christian Immler

Clearte
Aaron Sheehan

Creonte
Flavio Ferri-Benedetti

Poliferno
Jesse Blumberg

Tiberino
Colin Balzer

Nerea
José Lemos



Weitere Informationen
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Konzerthaus Dortmund
(Homepage)



Da capo al Fine

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