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Juan Diego Flórez


Mittwoch, 5. November 2014, 20 Uhr
Opéra Royal de Wallonie



Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)

Juan Diego Flórez und die Liebe

Von Thomas Tillmann 


Noch in meinem Bericht über das Konzert in Essen im vergangenen Jahr hatte ich gefragt, wann wohl endlich eine neue CD von Juan Diego Flórez erscheinen würde - vor ein paar Monaten war es endlich so weit, der Künstler hat sich einige Jahre Zeit genommen, bevor er mit einem L'amour überschriebenen neuen Album zu einem Repertoire zurückgekehrt ist, mit dem ihm sein internationaler Durchbruch gelungen ist, namentlich mit der Partie des Tonio in Donizettis wunderbarer Fille du régiment. Auf einer Tournee mit Ausschnitten aus dieser komplett französischsprachigen CD machte der Künstler nun auch in Liège Station.

Und sie sind rasend schwer, die acht Arien, die der Tenor für diesen Abend ausgewählt hat, nicht nur wegen der heiklen Tessitur der meisten Titel, und mir fallen nicht viele Kollegen ein, die dieses Programm mit solcher Sicherheit und auf diesem Niveau bewältigen könnten. Die scheinbare Mühelosigkeit indes ist es, die dem Künstler so großen Spielraum lässt für interpretatorische Feinheiten und subtile Nuancen: Hier singt nicht nur jemand technisch souverän ein paar Musiknummern, in denen die betörend-edle Stimme vom zartesten Pianissimo bis zum daraus entwickelten strahlenden Forte mit locker attackierten Tönen weit oberhalb des Systems, eleganter Phrasierung und perfekter Atemkontrolle am besten zur Geltung kommt, sondern hier erkennt man die Auseinandersetzung mit dem Text, der jeweiligen Figur und ihrer Gefühlslage, eine durchdachte Gestaltung, die ohne grelle Effekte auskommt. Ich mochte besonders die elegischen Töne, das sensible Ausspinnen langer Bögen, die herrlichen morendi und die geschmackvoll gestaltete Kadenz etwa in der Bizet-Arie, aber auch die große Empfindsamkeit, die Flórez in den beiden Arien des Werther erkennen ließ, eine Rolle, die sicherlich komplett noch ein Risiko wäre, ein Risiko, dass der Künstler ja nicht um jeden Preis eingehen muss. Natürlich ist sein Werther anders als der etwa des Kollegen Kaufmann, der von Haus mit seiner eher dramatischen Tenorstimme andere Akzente setzt, aber ein solch verinnerlichtes, zartes "Pourquoi me réveiller" ist allemal eine Alternative.

Für den Iopas (und auch den Hylas im fünften Akt) wäre der Peruaner eine Ideal-, aber auch eine Luxusbesetzung in Berlioz' Les Troyens, gerade die Arie des Erstgenannten verlangt genau die tonliche Schönheit, über die Flórez' Stimme verfügt. Der heftige Applaus auch nach der süffig, aber nicht vordergründig musizierten Ballettmusik zeigte, dass es nicht nur beim Rezensenten den Wunsch gibt, das bedeutende Werk vielleicht doch einmal an der Opéra Royal de Wallonie zu erleben, die sich vor einigen Jahren ja auch getraut hat, den kompletten Ring herauszubringen; der italienische Schwerpunkt des Hauses indes spricht dagegen, an dem ja an sich nichts falsch ist, wenngleich ich seit zwanzig Jahren meinem Bedauern über den Umstand Ausdruck verleihe, dass die Pflege des französischen Repertoires eine Selbstverständlichkeit sein sollte in einer frankophonen Großstadt.

Mit viel Humor und darstellerischer Raffinesse bewältigte Flórez das "Jugement de Pâris" aus der Belle Hélène, das er im Zugabenteil wiederholte und dabei noch einmal ungewöhnlich präzise Spitzentöne en masse präsentierte. Den offiziellen Teil beendete der Künstler wie das Album mit der Kavatine des Roméo, die bei Liveauftritten schon immer zu meinen Favoriten gehört hat - den Roméo wird er in den nächsten Jahren dann auch auf der Bühne ausprobieren und mit der Brillanz seines Singens die Sonne grüßen.

Anders als bei manchem Solistenkonzert hatte man mit dem hauseigenen Orchester ein mehr als solides, im Laufe des Abends zu großer Form auflaufendes Kollektiv zur Verfügung, das ein solches Programm eben auch ohne lange Probenzeit auf hohem Niveau bewältigt, was bereits nach der den Abend einleitenden tadellosen Wiedergabe der apart-spritzigen, virtuos-beschwingten Ouvertüre zu Adams Toréador und einer sehr flott genommenen zu Bizets Carmen feststand. Viel Atmosphäre atmete auch die schöne Ouvertüre zu Donizettis Favorite, sicher auch ein Verdienst von Christopher Franklin, der sich ansonsten als inspirierter, dem Sänger zuarbeitender Dirigent ohne falsche Eitelkeit erwies, ohne dabei devot ganz auf eigenes Profil zu verzichten.

Fünf Zugaben ließ sich Juan Diego Flórez entlocken, und hier erlaubte er sich dann auch den einen oder anderen lockeren Spruch oder Scherz, ohne je zu vergessen, dass er auf dem Podium eines Opernhauses stand - da gab es keine Kniefälle, keine launigen Anekdoten, nur kurze Anflüge von Flirts mit dem Publikum, vor allem aber noch einmal schwierigste Arien, namentlich "Je veux encore entendre ta voix" aus Verdis Jérusalem (mit spannend gestaltetem Rezitativ), und auch hier arbeitete sich der Sänger nicht bloß durch Notenmaterial, sondern portraitierte differenziert eine Figur aus Fleisch und Blut. Dass seine Stimme nichts an Virtuosität und Höhenglanz eingebüßt hat, bewies der Peruaner mit seiner "Visitenkarte", Tonios "Pour mon âme" mit den berühmten neun hohen Cs, die er nach wie vor traumwandlerisch sicher bewältigte, um völlig unforciert im Anschluss das ebenfalls aus der CD bekannte, mitreißend schwungvolle und vom Charakter her ähnliche "Ah! quel plaisir d'être soldat" aus der Dame blanche nachzureichen, und natürlich muss man auch auf "La donna è mobile" nicht verzichten, das niemand so raffiniert und geschmackvoll singt wie Flórez.


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Ausführende

Juan Diego Flórez, Tenor

Orchestre de l'Opéra de Wallonie-Liège

Konzertmeister: Jean-Gabriel Raelet

Musikalische Leitung: Christopher Franklin

 

Werke


Adolphe Adam
Ouvertüre aus
Le toréador

Léo Delibes
"Prendre le dessin d'un bijou"
Arie des Gérald
aus Lakmé

Georges Bizet
Ouvertüre aus
Carmen

Georges Bizet
"A la voix d'un amant fidèle"
Arie des Henry Smith aus
La jolie fille de Perth

Georges Bizet
Suite - Farandole
aus L'Arlésienne

Jules Massenet
"O nature, pleine de grâce"
"Pourquoi me réveiller?"
Arien des Werther
aus Werther

Gaetano Donizetti
"Un ange, une femme inconnue"
Arie des Fernand
Ouvertüre aus La Favorite

Hector Berlioz
"O blonde Cérès"
Arie des Iopaso
Ballet
aus "Les Troyens"

Charles Gounod
"L'amour"
Arie des Roméo aus Roméo et Juliette

Jacques Offenbach
"Au mont Ida"
Arie des Pâris aus La belle Hélène

 


Weitere
Informationen

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