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2. Philharmonisches Konzert
gott_selig


Gustav Mahler: 2. Sinfonie c-Moll, Auferstehungs-Sinfonie

Aufführungsdauer: ca. 1h 35' (keine Pause)

Aufführungen am 20. und 21. Oktober 2015, 20.00 Uhr
Großer Saal im Konzerthaus Dortmund
(rezensierte Aufführung: 20.10.2015)

 

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Von der Totenfeier zur Auferstehung

Von Thomas Molke / Foto: Christoph Müller-Girod

Nicht kleckern, sondern klotzen: So lässt sich wohl Gustav Mahlers 2. Sinfonie c-Moll recht gut beschreiben, die der Dortmunder Generalmusikdirektor Gabriel Feltz für das 2. Philharmonische Konzert im Konzerthaus Dortmund unter dem Titel gott_selig ausgewählt hat. Geklotzt hat Mahler nämlich einerseits bei der Größe des Orchesters. So fahren die Dortmunder Philharmoniker mit fast 120 Musikern inklusive Gastmusikern eine Besetzung auf, die nicht nur die ganze erweiterte Bühne einnimmt und den tschechischen Philharmonischen Chor Brno auf die Chorempore verbannt, sondern auch noch mit einem Fernorchester aus dem Foyer durch die geöffneten Türen im Saal agiert. Andererseits ist auch das zeitliche Ausmaß dieser Sinfonie gewaltig, was sowohl auf die enorme Länge von gut 90 Minuten als auch für die Entstehungsdauer zutrifft. So hat Mahler für die Komposition gut sechs Jahre benötigt. Den ersten Satz komponierte er bereits 1888, nahm die Arbeit daran aber erst 1893 wieder auf. Ob es seiner hohen Arbeitsbelastung als Dirigent geschuldet war, oder der Dirigent Hans von Bülow mit seiner ablehnenden Haltung zu dieser langen Unterbrechung beigetragen hat, lässt sich nur mutmaßen. Mahler hatte nämlich Hans von Bülow den ersten Satz unter dem Titel "Totenfeier" zum Dirigat angeboten. Dieser soll ihn jedoch als "heidnischer als Wagners Tristan" und als "absolut unspielbar" abgelehnt haben.

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Die Dortmunder Philharmoniker mit dem Tschechischen Philharmonischen Chor Brno (oben) und (vorne von links) Tanja Ariane Baumgartner, Lavinia Dames und Gabriel Feltz

Erst als Mahler sich im Sommer 1893 mit seinen Geschwistern und der nahen Vertrauten Nathalie Bauer-Lechner nach Steinbach am Attersee zurückzog, nahm er die Arbeit an der Sinfonie wieder auf, und es entstanden der zweite und dritte Satz. Vollendet hat Mahler seine Sinfonie dann nach eigenem Bekunden 1894, wobei ihn die Totenfeier für seinen Kollegen Hans von Bülow zur Komposition des Schlusssatzes inspiriert haben soll. Der Name Auferstehungs-Sinfonie stammt nicht von Mahler, auch wenn er die Totenfeier, wie er sein Werk selbst am Anfang bezeichnet hat, mit einer gewaltigen Auferstehung im letzten Satz enden lässt. Mahler betrachtet seine 2. Sinfonie vielmehr als Weiterentwicklung seiner 1. Sinfonie D-Dur. Nun trägt er seinen Helden aus der 1. Sinfonie - ein Alter Ego des Künstlers - zu Grabe und lässt die Erinnerungen der Trauergäste an diesen Menschen noch einmal in einer Art Traum vor dem geistigen Auge des Zuhörers vorüberziehen. So wie diese Gedanken zwischen den unterschiedlichsten Stimmungen schwanken mögen, lässt sich auch die Musik keineswegs greifen und erklingt mal eruptiv aggressiv und dann wieder melancholisch und ruhig. Mahler lässt dabei den Zuhörer zu keinem Moment zur Ruhe kommen und lässt das Publikum eine Achterbahn der Gefühle durchleben.

Diese aufwühlende Musik wird von den Dortmunder Philharmonikern unter Leitung ihres Generalmusikdirektors Gabriel Feltz beeindruckend umgesetzt. Schon der erste Satz, Allegro maestoso, reißt den Zuhörer mit hektischen Tremoli bei den Streichern, die sich ausgehend von den Violinen über die Violoncelli und Kontrabässe erstrecken in einen Strudel der Gefühle. Die kurzen ruhigen Passagen bieten keine Möglichkeit zum Verschnaufen, schon setzen die Bläser mit aller Wucht ein. Das Schlagzeug verfehlt seine Wirkung dabei auch keineswegs. Dabei testet Mahler auch die Grenzen der einzelnen Instrumente aus, wenn er beispielsweise den ganzen Streicherapparat später als Zupfinstrumente einsetzt. Bewegend wird im Konzerthaus auch das Fernorchester eingesetzt. Bei geöffneten Türen schallt es in den Saal wie aus einer anderen Welt herüber. Der zweite Satz, Andante moderato, mutet dann schon beinahe lyrisch an und zeichnet eine Idylle, die allerdings von den Schatten des Todes überdeckt wird.

Der dritte Satz stellt dann ein Scherzo dar, wie es gewöhnlich an dieser Stelle in einer Sinfonie steht. Mahler hat dazu den Text "Des Antonius von Padua Fischpredigt" aus der volkstümlichen Sammlung Des Knaben Wunderhorn in Musik umgesetzt. Im Gegensatz zum vierten Satz verzichtet Mahler im dritten Satz allerdings noch darauf, den Text singen zu lassen, sondern vertraut ganz auf die Kraft der Musik. In der Geschichte predigt der heilige Antonius den Fischen, weil er die Kirche leer vorgefunden hat, und verzweifelt darüber, dass die Fische nach der Predigt davonschwimmen, ohne dabei klüger geworden zu sein. Mahler entwickelt hierzu eine regelrecht gespenstische Musik, in der nebelhafte Gestalten vor dem inneren Auge des Zuhörers auftauchen, die ein sinnloses Leben in einen grauenhaften Spuk verwandeln. Hier hört man einen regelrechten Schrei des Ekels aus dem Orchester, bevor man dann vom Orchester mit himmlischen Trompeten auf eine lichte Ebene geführt wird.

Im vierten Satz wird dann erneut ein Text aus Des Knaben Wunderhorn vertont: "Urlicht". Dieses Mal wird der Text allerdings von einer Mezzosopranistin vorgetragen. Hierbei handelt es sich um die Sehnsucht nach der Erlösung im Himmel, weil das Leben des Menschen auf Erden nur Not und Pein bedeutet. Tanja Ariane Baumgartner unterstreicht mit warm-timbriertem Mezzo die melancholische Färbung des Liedes. Der letzte Satz trumpft dann noch einmal in riesiger Dimension auf und lässt in einer Art Apokalypse klangtechnisch quasi das Jüngste Gericht aufwarten. Der Auferstehungs-Text, den Mahler nach Friedrich Gottlieb Klopstocks Gedicht Auferstehung vertont hat und dem Tschechischen Philharmonischen Chor Brno und der Sopranistin Lavinia Dames in den Mund legt, verleiht der Sinfonie einen regelrecht sphärischen Abschluss. Der Tschechische Philharmonische Chor Brünn begeistert durch gewaltiges Volumen und einen homogenen Klang. Dames arbeitet die Solostellen mit leuchtendem Sopran heraus. Feltz geht bei diesem letzten Satz noch einmal richtig "in die Vollen" und lässt mit Glockenklang einer besseren Welt entgegenblicken. Für diese beherzte Interpretation ernten alle Beteiligten frenetischen Beifall.

FAZIT

Mahlers 2. Sinfonie wird in der Interpretation der Dortmunder Philharmoniker dem Titel des Philharmonischen Konzertes, gott_selig, in jeder Hinsicht gerecht.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Gabriel Feltz

Dortmunder Philharmoniker

Tschechischer Philharmonischer Chor Brno

 

Solisten

Sopran
Lavinia Dames

Mezzosopran
Tanja Ariane Baumgartner

 

Programm

Gustav Mahler
2. Sinfonie c-Moll, Auferstehungs-Sinfonie
I. Allegro maestoso
II. Andante moderato
III. In ruhig fließender Bewegung attaca
IV. Urlicht: Sehr feierlich, aber schlicht attaca
V. Im Tempo des Scherzos



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Dortmund
(Homepage)



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