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In Residence: Philippe Herreweghe
Schumann: Das Paradies und die Peri

Oratorium in drei Teilen
Libretto nach dem Versepos Lalla Rookh (1817) von Thomas Moore
Übersetzung und Bearbeitung von Robert Schumann und Emil Flechsig
Musik von Robert Schumann

Aufführungsdauer: ca. 2h 20' (eine Pause)

Konzertante Aufführung am Sonntag, 18.10.2015, 17.00 Uhr
Alfried Krupp Saal in der Philharmonie Essen

 



Philharmonie Essen
(Homepage)

Was ist das höchste Gut?

Von Thomas Molke / Foto von Sven Lorenz

Seit mehreren Spielzeiten wird in der Philharmonie Essen jeweils ein Künstler zum "Artist in Residence" ernannt, der dort in mehreren Konzerten im Verlauf der Spielzeit zu erleben ist. In dieser Saison handelt es sich um den belgischen Dirigenten Philippe Herreweghe, der seit vielen Jahren mit historischer Aufführungspraxis einen neuen Zugang zur klassischen Musik vom Barock bis zum 19. Jahrhundert sucht und für diesen Einsatz bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden ist. Auch in Essen wird er im Verlauf des Jahres ein breites Spektrum von Johann Sebastian Bach bis zu Anton Bruckner abdecken. Den Anfang macht ein Chorwerk von Robert Schumann: Das Paradies und die Peri. Schumann komponierte es 1843, nachdem er sich zuvor einen Namen mit poetischen Klavierstücken und der Vertonung von Lyrik erworben hatte. Die Uraufführung am 4. Dezember 1843 im Leipziger Gewandhaus wurde ein so großer Erfolg, dass das Werk eine Woche später wiederholt wurde und sich zu einem der erfolgreichsten Stücke Schumanns entwickelte, das innerhalb der nächsten Jahre über 50 Mal aufgeführt wurde und sogar in New York zu erleben war. Die große Begeisterung des Publikums mag wohl der Geschichte gegolten haben, die auch Richard Wagner derart fasziniert haben soll, dass er gerne eine Oper daraus gemacht hätte. Allerdings, so Wagner, habe er dazu nicht die richtige Form gefunden. Die fand dann wohl Schumann mit einem Oratorium, das, wie er es selbst formulierte, nicht für den Betsaal, sondern für heitere Menschen komponiert sei.

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Philippe Herreweghe mit Musikern des Orchestre des Champs-Élysées

Die Geschichte basiert auf dem Versepos Lalla Rookh des irischen Dichters Thomas Moore, das Schumann gemeinsam mit seinem Freund Emil Flechsig für eine Komposition in deutscher Sprache bearbeitete. Die Peri ist ein gefallener Engel, der aus einem nicht näher erläuterten Grund aus dem Paradies vertrieben worden ist. Nun begehrt die Peri erneut Eingang in den Garten Eden, der ihr aber von einem Engel verweigert wird. Erst müsse sie zur Entsühnung "des Himmels liebste Gabe" beibringen. In den drei Teilen des Oratoriums begibt sich die Peri nun auf eine Reise durch die ganze Welt, um dieses höchste Gut zu finden. Als erstes kommt sie nach Indien, wo ein mutiger junger Held, dem tyrannischen Eroberer Gazna trotzt, diesem allerdings im Zweikampf unterliegt und stirbt. Die Peri glaubt, dass ein Tropfen des Heldenblutes ihr das Tor zum Paradies öffnen werde, doch sie wird enttäuscht. Dann gelangt sie nach Ägypten, wo sie auf ein Liebespaar trifft, das gemeinsam der Pest zum Opfer fällt. Da die Frau sich für ihren kranken Geliebten opfert, um die Krankheit von ihm zu nehmen, glaubt die Peri, dass die letzten Liebesseufzer des Paars das wertvollste Geschenk darstellen. Doch auch durch diese Gabe erlangt sie noch keinen Einlass ins Paradies. Erst als sie schon völlig verzweifelt auf einen alten Mann trifft, der sich der schlimmsten Verbrechen schuldig gemacht hat, nun aber seine Taten bereut, sind es seine Tränen, die der Peri das Tor in den Garten Eden öffnen.

Schumanns Musik, die, wie Herreweghe in der Konzerteinführung äußerst charmant mit dem Orchestre des Champs-Élysées und dem Chor des Collegium Vocale Gent herausarbeitet, den Einfluss von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Hector Berlioz nicht zu verleugnen sucht, findet für die drei Teile des Oratoriums eine eindringliche Klangfarbe, die die Stimmung der einzelnen Handlungsorte bildlich einfängt. Wenn die Peri vor dem Tor zum Paradies steht, klingt die Musik beinahe ätherisch entrückt, während man in Indien den tobenden Kampf zwischen den Indern und den angreifenden Afghanen mit heftigen und aggressiven Rhythmen spüren kann. Wenn die Peri im zweiten Teil im pestverseuchten Ägypten landet, atmet die Musik den Hauch des Todes und findet im Wiegenlied der Peri, mit dem sie das sterbende Liebespaar in den Schlaf singt, einen bewegenden, wenn auch bedrückenden Abschluss. Große Tragik wird auch im dritten Teil spürbar, wenn die Peri verzweifelt aufgeben will. Da helfen auch die aufmunternden Worte der anderen Peris nichts, die die Vorzüge des irdischen Lebens anpreisen. Wenn die Peri dann am Ende doch das höchste Gut in Form der Reue gefunden hat, lässt Schumann die Freude der Peri in halsbrecherischen Koloraturen auf den Zuhörer übergehen.

Herreweghe findet mit dem Orchestre des Champs-Élysées einen idealen Zugang zu dem Werk und arbeitet die musikalischen Höhepunkte differenziert heraus. Der Chor des Collegium Vocale Gent, der 1970 von Herreweghe selbst als Studentenchor zur Pflege der Barockmusik ins Leben gerufen worden ist und sich mittlerweile ein breites Repertoire aus verschiedenen Stilepochen angeeignet hat, trumpft mit homogenem Klang und guter Textverständlichkeit auf. Auch die Solisten sind durchgängig gut besetzt. Die Partie der Peri übernimmt die Sopranistin Carolyn Sampson, die mit strahlenden Höhen und engelsgleichem Gesang dem Luftwesen eine stimmliche Leichtigkeit verleiht. Vor allem in ihrer Schlussarie "Freud', ew'ge Freude, mein Werk ist getan" läuft Sampson mit variablen Koloraturen zur absoluten Höchstform auf, so dass die Freude der Peri auf die Zuschauer überspringt.

Die übrigen Solisten sind auf der anderen Seite des Orchesters positioniert, um auch räumlich deutlich zu machen, dass die Peri eine Verstoßene ist. Maximilian Schmitt begeistert in den Tenor-Soli als Erzähler und als Jüngling im Kampf gegen Gazna mit leicht geführtem Tenor, der die Höhen sauber aussingt und ebenfalls durch eine klare Diktion besticht. Wiebke Lehmkuhl verleiht dem Engel mit ihrem warm-timbriertem Mezzosopran eine paradiesische Ruhe, die im Kontrast zu der stets umherirrenden Peri steht. Auch in den Chor-Soli und den Quartetten glänzt Lehmkuhl durch eine variable Stimmführung. Christina Landshamer verfügt als Jungfrau und in den Sopran-Soli über einen kräftigen Sopran, der in der Färbung dunkler ist als Sampsons Peri und damit einen guten Gegensatz zu dem Luftwesen darstellt. Andrè Schuen rundet das Solisten-Ensemble mit markantem Bariton als böser Tyrann Gazna und reuiger alter Mann wunderbar ab, so dass es am Ende lang anhaltenden und begeisterten Applaus für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Philippe Herreweghe findet mit den Solisten, dem Chor und dem Orchester einen griffigen Zugang zu diesem selten zu hörenden Werk, so dass beim Zuhörer der Wunsch entsteht, dieses Stück häufiger im Konzertsaal zu erleben.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Philippe Herreweghe

Orchestre des Champs-Élysées

Chor des Collegium Vocale Gent

 

Solisten

Peri
Carolyn Sampson

Jungfrau
Christina Landshamer

Der Engel / Alt-Solo / Mezzosopran-Solo
Wiebke Lehmkuhl

Erzähler / Jüngling / Tenor-Solo
Maximilian Schmitt

Gazna / Ein Mann / Bariton-Solo
Andrè Schuen


Programm

Robert Schumann
Das Paradies und die Peri, op. 50

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von der

Philharmonie Essen
(Homepage)



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