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The Dream of Gerontius


Oratorium für Chor, Solisten und Orchester von Edward Elgar

Aufführungsdauer: ca. 1h 40' (keine Pause)

Aufführung am 26. Juni 2016, 15.30 Uhr
Evangelische Altstadtkirche Gelsenkirchen


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Jenseits vom "Land of Hope and Glory"

Von Thomas Molke / Fotos: © Markus Lück

Edward Elgar hat zwar zeit seines Lebens keine Opern komponiert. Wenn es allerdings ein Werk von ihm gibt, dass dieser Gattung am nächsten kommt, handelt es sich dabei um The Dream of Gerontius, ein Chorwerk für das Birmingham Music Festival, das damals bedeutendste Chorfestival Großbritanniens, dessen Leitung Elgar im Jahr 1899 übernommen hatte. Auch wenn der Uraufführung am 3. Oktober 1900 aufgrund der Kürze der Probenphase kein überwältigender Erfolg beschieden war, konnte das Werk den Düsseldorfer Musikdirektor Prof. Julius Buths derart begeistern, dass er das Libretto ins Deutsche übertrug und eine Aufführung in Düsseldorf in Angriff nahm. Diese Vorstellung wurde für Elgar ein großer Triumph und zog zahlreiche Aufführungen in Europa und Amerika nach sich. Richard Strauss feierte Elgar als "ersten englischen Fortschrittler" und stellte dessen Oratorium auf eine Stufe mit Händels Messias. Dabei kommt es mit der durchkomponierten Art und dem Einsatz von zahlreichen Leitmotiven der Kompositionstechnik eines Richard Wagners wesentlich näher als den traditionellen Oratorien, von denen sich Elgar auch in der Stoffauswahl distanzierte.

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Christian Jeub (Mitte) mit der Neuen Philharmonie Westfalen, dem Städtischen Musikverein Gelsenkirchen, dem Gürzenich-Chor Köln und dem Bach Choir Newcastle Upon Tine, rechts: Melanie Lang

Die Geschichte basiert nämlich nicht auf einem biblischen Stoff, sondern handelt vom Tod und der Auferstehung des Gerontius, der als eine Art "Jedermann" zu verstehen ist. Zugrunde liegt eine 1865 verfasste Dichtung des vom Anglikanismus zum katholischen Glauben konvertierten Kardinals John Henry Newman. Elgar kürzte nicht nur den insgesamt 900 Zeilen umfassenden Text auf 435, sondern veränderte auch die Gewichtung der beiden Teile. Während bei Newman das Sterben des Gerontius im ersten Teil ungefähr ein Fünftel des gesamten Textes ausfüllte und die Schilderung des Jenseits im zweiten Teil in über 700 Zeilen ausgeschmückt wurde, setzte Elgar einen deutlicheren Akzent auf den ersten Teil, der nach seiner Kürzung noch ein Drittel des Librettos ausmachte. Dem bevorstehenden Tod des Gerontius stellt er zunächst einen gut zehnminütigen Orchestersatz voran, bei dem man zu Beginn musikalisch immer an das Vorspiel zu Cavaradossis Arie "E lucevan le stelle" aus Puccinis neun Monate zuvor in Rom uraufgeführter Oper Tosca denken muss - auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass Elgar von dieser Melodie beeinflusst worden ist. Wahrscheinlicher ist, dass Elgar vielmehr seine Impressionen aus Wagners Parsifal in die Sterbeszene im ersten Teil integriert hat.

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Gerontius (Thomas Cooley) und der Engel (Melanie Lang)

Gerontius, der von Thomas Cooley mit höhensicherem Tenor und klarer Diktion interpretiert wird, erkennt nach dem Vorspiel, dass sich seine Zeit auf Erden dem Ende neigt. So wendet er sich mit einer eindringlichen Bitte an Jesus und Maria, sein Leiden zu beenden und ihm die Kraft für den Übergang in das Leben nach dem Tod zu schenken. Beeindruckend gelingt das "Kyrie eleison", das der um den Gürzenich-Chor Köln und den Bach Choir Newcastle Upon Tyne erweiterte Städtische Musikverein Gelsenkirchen kraftvoll intoniert, wobei die Akustik der Evangelischen Altstadtkirche Gelsenkirchen ebenfalls einen Beitrag dazu leistet, dass dieses Chorstück nahezu sphärisch klingt. Einen musikalischen Höhepunkt des ersten Teils stellt dann Cooleys "Sanctus fortis, Sanctus Deus" dar, in dem Gerontius seinem Vertrauen auf Gott Ausdruck verleiht. Cooley begeistert hier mit strahlenden Höhen, die den starken Glauben des Gerontius zum Ausdruck bringen. Auch das Wetter scheint von dieser Interpretation begeistert zu sein, denn mit dem Auftreten des Priesters, der Gerontius' Seele auf eine Reise in eine andere Welt schickt, ertönt ein lauter Donner außerhalb der Kirche. Michael Dahmen stattet den Priester mit kräftigem Bariton aus. Eindrucksvoller Orgelklang beendet den ersten Teil.

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Michael Dahmen als Priest und Angel of the Agony

Der zweite Teil begleitet dann den verstorbenen Gerontius durch das Totenreich bis zum Thron Gottes. Dabei zeichnet die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Christian Jeub zunächst mit ruhigem Klang ein pittoreskes Idyll. Gerontius ist von seinen Leiden erlöst und begibt sich nun auf die Reise. Ihm zur Seite steht ein Engel, der ihn durch diverse Zwischenwelten führt. Ungewöhnlich ist, dass dieser Engel mit einem Mezzosopran besetzt ist. Eigentlich hätte man hier eine hellere Stimmlage erwartet, doch Elgar bricht auch hier mit der Tradition. Melanie Lang verleiht dem Engel einen samtweichen Klang und durchläuft mit Gerontius die unterschiedlichen Sphären, die von Elgar eindrucksvoll ausgeschmückt werden. Zunächst landen die beiden bei Dämonen, die von Elgar fast dissonant gezeichnet werden. Die drei Chöre begeistern hier mit bedrohlichem Klang, der vom Schlagzeug und dem Blech im Orchester noch verstärkt wird. Doch Gerontius trotzt den Bedrohungen und durchschreitet diesen Bereich mit dem Engel unbeschadet. Dann geht es weiter zu den Engelwesen, die wesentlich heller und friedlicher klingen. Zu einem kurzen weiteren Instrumentalteil überschreitet Gerontius die Schwelle zum Thron Gottes und trifft nun auf den Engel der Todesangst, der von Michael Dahmen mit markantem Bariton interpretiert wird. Wenn Gott dann auftritt, wird es richtig laut im Orchester, bevor die Musik zu dem Idyll zurückkehrt, mit dem der zweite Teil begonnen hat. Gerontius ist im Himmel angekommen und preist mit den Engelwesen in einem harmonischen Abschluss Gott.

Unklar bleibt eigentlich nur, wieso das Stück The Dream of Gerontius heißt, da hier kein Traum sondern der Tod beschrieben wird. Oder soll es der Traum vor dem Tod sein, der Gerontius seinen Weg nach dem Tod weist? Das Publikum jedenfalls zeigt sich begeistert von den drei Chören, der Neuen Philharmonie Westfalen und den Solisten und überschüttet alle Beteiligten mit großem Beifall.

FAZIT

Edward Elgar hat musikalisch weit mehr zu bieten als sein berühmtes Pomp and Circumstances, und es ist dem Musikverein Gelsenkirchen hoch anzurechnen, dass er gemeinsam mit zwei weiteren Chören dieses heutzutage fast unbekannte Werk dem Vergessen entreißt und vielleicht damit die Begeisterung auslöst, die dem Oratorium bereits bei der deutschen Erstaufführung vor über 100 Jahren zuteil wurde.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christian Jeub

Neue Philharmonie Westfalen

Städtischer Musikverein Gelsenkirchen

Gürzenich-Chor Köln

Bach Choir Newcastle Upon Tyne
(Einstudierung: Prof. Eric Cross)

 

Solisten

Gerontius
Thomas Cooley (Tenor)

Priest / Angel of the Agony
Michael Dahmen (Bariton)

Angel
Melanie Lang (Mezzosopran)



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Musikverein Gelsenkirchen
(Homepage)



Da capo al Fine

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