Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Konzerte
Zur Homepage Zur Konzert-Startseite E-mail Impressum



Klavierfestival Ruhr 2016

Philharmonie Essen, 19. April 2016



Lang Lang

Homepage
Klavierfestival Ruhr

Die tückische Magie des Augenblicks

Von Stefan Schmöe / Fotos: Peter Wieler/KFR

Mit nonchalanter Beiläufigkeit schleicht er sich in das moderato semplice hinein, mit wie improvisierter Leichtigkeit, ein wenig verträumt und melancholisch. Jeder Takt hat seine eigene kleine Entwicklung, Crescendo und sofort Decrescendo, alles sehr intim. Peter Tschaikowskys Zyklus Die Jahreszeiten von 1876, zwölf Charakterstücke zu den zwölf Monaten, ist nicht gerade ein Bravourstück für Virtuosen, und Lang Lang huldig hier der feinen Poesie: Ein Nachträumen flüchtiger Stimmungen. Mit seiner ungeheuer differenzierten Anschlagskultur lässt er jeden Ton ein wenig anders klingen, setzt er Ober- gegen Unterstimmen klanglich fein ab, schafft auf kleinstem Raum musikalische Entwicklungen. Man kann von einer Magie des Augenblicks sprechen, in der sich diese Miniaturen entwickeln.

Foto

Lang Lang kann alles, zeigt alles, entlockt dem Steinway eine große Palette an Klangfarben. Aber so beeindruckend diese alles andere als unterkühlte, ja: romantisch schwelgende Technik ist - in der Summe fehlt da etwas. Die schönen Momente fügen sich nicht zu einem Spannungsbogen, bleiben für sich stehen und setzen keine Entwicklung in Gang. Es bleibt beim schönen Moment, auf den der nächste noch schönere Moment folgt, bis man leicht schläfrig wird vor lauter schönen Momenten. Und es mag subjektives Empfinden sein, aber bei mir blieb ein vages Gefühl, dass die Tempi nicht stimmen. Das soll nicht heißen, dass es so etwas wie das absolut richtige Tempo gibt; vielmehr folgt dieses aus der Art der Phrasierung im Kleinen (oder sollte es tun). Aber Lang Lang leitet hier eine Steigerung ein, mit der das Tempo anziehen sollte, statt dessen aber behäbig auf der Stelle tritt, oder eine verhangen sehnsüchtig gespielte Wendung fordert ein Innehalten, über die er dann hinweg spielt.

Ähnlich der Eindruck bei Frederic Chopins vier Scherzi. Im Gegensatz zu Tschaikowskys Charakterstücken sind das ja virtuose Schlachtrösser für Tastenlöwen, und Lang Lang bleibt technisch nichts schuldig. Sein Spiel hat keine demonstrativ auftrumpfende Virtuosität, eher elegante Leichtigkeit (dabei verträgt diese Musik es ja durchaus gut, wenn man die technischen Schwierigkeiten auch heraushört), aber auch hier hemmt die Kleinteiligkeit den großen architektonischen Aufbau. Einzelne Abschnitte - oder auch nur Motive - stehen beziehungslos nebeneinander, der Musik fehlt das Ziel. Natürlich gibt es immer wieder schöne Passagen, aber in diesen Werken müsste eben doch ein größerer, gewichtigerer Spannungsbogen erkennbar sein, der die Abschnitte aufeinander bezieht (und nicht nur nebeneinander stellt), Verbindungen oder auch Gegensätze herausstellt, und das fehlt. Und das Abgründige etwa am Beginn des b-Moll-Scherzos, der fahle Klang der Triolenfigur sotto voce, die Gravität der folgenden ff-Akkorde, das bleibt unterbelichtet - bei Lang Lang sind das nicht mehr als interessante, aber nicht existenzielle, vielmehr irgendwie dekorative Stationen auf dem Weg zur ersten Kantilene.

Foto

Zwischen Tschaikowsky und Chopin hatte sich irgendwie Bachs Italienisches Konzert verirrt. Die Diskussion, wie "romantisch" man Bach spielen darf, sei dahingestellt; mit viel Pedal und starken Kontrasten wird Lang Lang sicher nicht zu den Puristen gezählt werden wollen. Verschiede Stimmen sind klar und durchaus "barock" gegeneinander abgesetzt, haben - auch da ist die Anschlagskultur wieder bewundernswert - unterschiedliche, leuchtende Klangfarben. Die schnellen Noten dazwischen aber verschmelzen zu sehr zu bloßem Füllmaterial, da geht die Bach'sche Klarheit verloren - und im flotten Tempo des ersten Satzes auch die Wichtigkeit, die dieser Komponist doch jede einzelnen Note beigegeben hat.

An stehende Ovationen, die es auch nach diesem Konzert gab, ist der Pianist gewöhnt, auf mehr als eine Zugabe ließ er sich dennoch nicht ein (sehr hartnäckig wurde das freilich auch nicht eingefordert). Franz Liszts gerne und viel gespielter Liebestraum Nr. 3 da eine alles andere als originelle Wahl - und wurde doch zum musikalischen Höhepunkt des Abends: Da verschmolzen auf einmal Anschlag, Farbwerte, Phrasierung zu einem in sich schlüssigen Ganzen, das auf etwas hinzielte und wirklich in den Bann zog. Ein sehr kurzer Moment des Klavierglücks.




Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)
Klavierfestival Ruhr 2016
Philharmonie Essen, Alfried Krupp Saal
19. April 2016


Ausführende

Lang Lang, Klavier



Programm

Peter Tschaikowsky:
Die Jahreszeiten op. 37b

Johann Sebastian Bach:
Italienisches Konzert F-Dur BWV 971

Frédéric Chopin:
Scherzo Nr. 1 h-Moll op. 20
Scherzo Nr. 2 b-Moll op. 31
Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39
Scherzo Nr. 4 E-Dur op. 54



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Klavierfestival Ruhr
(Homepage)








Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Konzert-Startseite E-Mail Impressum
© 2016 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: konzerte@omm.de

- Fine -