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Klavierfestival Ruhr 2016

Kunstmuseum Bochum, 26. Mai 2016



Anna Tcybuleva
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Klavierfestival Ruhr

Musik mit doppltem Boden

Von Stefan Schmöe

Von wegen "empfindsamer" oder "galanter" Stil: Mit so viel Ecken und Kanten, wie Anna Tcybuleva die Sonate g-Moll von Carl Philipp Emanuel Bach interpretiert, unterstreicht das zunächst eher vermessen klingende Wort von der "exzentrischen Tonsprache" C.P.E. Bachs im Programmheft. Trockene Tonleitern, abrupte Stimmungswechsel, plötzlich endende verinnerlichte Passagen - bei Anna Tcybuleva klingt diese Musik aufregend modern, wie gespiegelt durch die russische Brille Schostakowitschs, Prokofjews oder auch Alfred Schnittkes: Nichts ist, wie es scheint, alles ist zu hinterfragen. Carl Philipp Emanuel, der zweitälteste Sohn Johann Sebastian Bachs, wird zu jemandem, der aufregend mit Tradition und Gegenwart spielt. Und es ergibt ausgesprochen viel Sinn, dass die Pianistin die Preludes op.24 von Schostakowitsch an das Ende ihres Programms setzt: Auch der spielt mit den kompositorischen Errungenschaften und Möglichkeiten seiner Zeit.

Foto

Anna Tcybuleva (Foto © Klavier-Festival Ruhr)

25 Jahr jung ist die russische Künstlerin, die sich erstmals beim Klavierfestival Ruhr vorstellt, und das tut sie mit verblüffendem, aber absolut berechtigtem musikalischem Selbstbewusstsein. Sie weiß offensichtlich genau, was sie will: Kein Verlieren in der Musik, sondern unbedingten Gestaltungswillen. Da hat jede Note, jede Akzentuierung ihren Sinn. Schostakowitsch war gerade ein Jahr älter als die Pianistin, als er den Kosmos der Prelude schuf, und Anna Tcybuleva ist da offensichtlich eine junge wilde Geistesverwandte des Komponisten - jedenfalls trifft sie mit großer Stilsicherheit die wechselnden Tonfälle dieser Musik, den bärbeißigen, oft hintergründigen Witz ebenso wie den immer wieder auftretenden lyrischen Tonfall, hinter dem stets allerlei musikalische Teufel lauern. Ihr Spiel hat immense Kraft und Energie, kann aber auch von bestechender Leichtigkeit sein, einen salonhaften Charme vorgaukeln, der im nächsten Moment wieder ironisch gebrochen wird.

Den sieben Fantasien op. 116 von Johannes Brahms gibt sie klare Struktur; da ist nichts romantisch verbrämt, sondern jedes Detail - und sie gestaltet sehr nuanciert, mit winzigen Verzögerungen und Beschleunigungen, immer von immanenter Logik - hat in der übergeordneten Form seinen Platz. Wie sie etwa im e-Moll-Intermezzo Nr.5 Andante con grazia die auftaktigen Achtel-Paare über die folgende Pause hinweg auf die nächste Note bezieht, jeweils vier solcher Paare gruppiert und daraus den Bogen spannt, das verdeutlicht großes Formbewusstsein und entwickelt gleichzeitig einen Sog nach vorne, wird zudem von einer fast unwirklichen Klangfarbe getragen. Anna Tcybuleva zeigt auch hier eine gewisse Eigenwilligkeit: Da will jemand seinen Brahms nicht so spielen, wie es alle tun, sondern den eigenen Stil behaupten. Weil aber alles "Hand und Fuß" hat, gerät das nie in den Bereich des Manierismus.

Max Regers Aquarelle op. 25 sind eine echte, wenn auch nicht allzu gewichtige Rarität - fünf kurze Charakterstücke in romantischer Tradition, die Anna Tcybuleva mit großer Leichtigkeit und mit Humor gestaltet, und wenn sie beinahe aufreizend manches Detail in die Nähe der Salonmusik rückt, dann immer mit der nötigen überlegenen Distanz, die falsches Sentiment vermeidet. Das gilt auch für die Zugabe, ein Walzer von Camille Saint-Saens, und da bringt sie das Kunststück fertig, das offensichtliche Bravourstück mit keineswegs versteckter Virtuosität als echten "Rausschmeißer" zu präsentieren, aber ihm gleichzeitig ziemlich trocken etwas von der Doppelbödigkeit eines Schostakowitsch mitzugeben - da wird den auf den Effekt zielenden Passagen eine musikalische Funktion verordnet, die das Stück plötzlich unerwartet interessant macht. Und bis zur letzten Note präsentiert sich Anna Tcybuleva als eine Künstlerin, die mit Nachdruck ihren Platz in der Klavierwelt einfordert. Von ihr dürfte noch zu hören sein.




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Klavierfestival Ruhr 2016
Bochum, Kunstmuseum
24. Mai 2016


Ausführende

Anna Tcybuleva, Klavier



Programm

Carl Philipp Emanuel Bach:
Sonata g-Moll Wq. 65/17

Johannes Brahms:
Fantasien op. 116

Max Reger:
Fünf Aquarelle op. 25

Dimitrij Schostakowitsch:
24 Preludes op. 347

als Zugabe:
Camille Saint-Saens:
Etude op.25/6 en forme de valse





Weitere Informationen
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Klavierfestival Ruhr
(Homepage)








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