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Klavierfestival Ruhr 2016

Philharmonie Essen, 13. Mai 2016



Krystian Zimerman
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Klavierfestival Ruhr

So viel Schönheit ist nicht zu trauen

Von Stefan Schmöe

Krystian Zimerman hustet. Da geht ein Raunen, ein leises Lachen durchs Publikum: Schließlich ist der Pianist berühmt-berüchtigt für seinen energischen Umgang mit Störungen aller Art. Natürlich hustet er in der Pause zwischen zwei Sätzen, und mit souverän selbstironischer Geste kommentiert er die Publikumsreaktion. Nicht nur da zeigt sich das Charisma dieses ausgesprochen eleganten Herren mit schlohweißem Haar; der während seines Spiels gerne mit dezentem Schwung der linken Hand der Musik nachzudirigieren scheint.

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Foto: Mark Wohlrab / Klavier-Festival Ruhr

Was das mit Schubert zu tun hat? Eine ganze Menge. Die Noblesse spiegelt sich aber auch in seinem Spiel, das auf donnernde Akkorde, auf ausgestellte Virtuosität und zugespitzte klangliche Brillanz verzichtet und sehr elegant und verführerisch charmant daher kommt. Der gerade in der hohen Lage sehr weiche Anschlag lässt den sonst im Diskant eher unterkühlt klingenden Steinway warm leuchten. Ein Fortissimo schüttelt Zimerman lässig aus dem Handgelenk (das darf man ganz wörtlich verstehen), und das hat Energie, aber es klingt immer edel und sehr, sehr schön.

Die letzten beiden Sonaten Schuberts darf man zu den Weltwundern der Kulturgeschichte zählen (und die drittletzte gehört auch dazu - schade, dass Zimerman, dem man gerne noch eine weitere Stunde zugehört hätte, sie nicht auch noch ins Programm aufgenommen hat). Den ersten Satz der A-Dur-Sonate (Nr. 20, D.959) spielt er beinahe aufreizend heiter. Wo andere Künstler die Kontraste und das Brüchige unterstreichen, stellt Zimerman einen inneren Zusammenhang her, der die Sonate in der Tradition beinahe mehr Haydns als Beethovens sieht - ein meisterlich fortgesponnenes Sonatenhauptsatzschema, als habe die vagabundierende Romantik noch gar nicht recht begonnen. Natürlich schwingt die dennoch mit; die schnellen Läufe spielt er legato wie mit einem Weichzeichner (aber die Präzision des Spiels stellt sicher, dass das nie diffus wird). Ähnlich aufreizend beginnt das Andantino: Die linke Hand betont trocken den Ostinato-Charakter der Begleitung, darüber fast naiv die Melodie, als habe aus der fernen Zukunft Strawinsky mitgemischt. Und dann bricht im Mittelteil die Romantik mit Gewalt herein, und nichts ist, wie es war. Da wird rückwirkend auch die klassische Heiterkeit des Kopfsatzes infrage gestellt. Das Scherzo wird zum gespenstischen Nachtstück, und wenn Zimerman den Finalsatz ganz wunderbar gesanglich mit viel klanglicher Raffinesse präsentiert, dann ahnt man noch die Ungeheuer im Hinterkopf. Die etlichen Generalpausen der Coda scheinen zu fragen: Wie soll das alles nun weitergehen? Auch da ist Zimerman ganz Grandsigneur: Er spielt mit formvollendeter Eleganz, die mehr andeutet als offen ausspricht.

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Foto: Mark Wohlrab / Klavier-Festival Ruhr

Vorab nicht angekündigt waren vier Mazurken von Karol Szymanowski (op. 50 Nr. 13 - 16); Zimerman nach der Pause einschob - rund 100 Jahre nach Schubert entstanden und mit impressionistischem Einschlag kann man das als Kommentar verstehen, wie Schuberts Nachtgedanken fortzuspinnen sind. Zimerman spielt mit größter Delikatesse, mit bewundernswertem Farbspektrum und einem Pianissimo-Anschlag von ungeheurer Nuancierung - das zeigt er auch in den Zugaben, drei Préludes ebenfalls von Szymanowski (op. 1 Nr. 1, 2 und 7), betörend und berauschend schön im Ineinanderfließen der Klänge.

Dann Schuberts letzte, die große und großartige B-Dur-Sonate D960. Das schier unendliche Hauptthema des Kopfsatzes nimmt er weniger liedhaft als mehr choraliter, gewichtig und mit winzigen Verzögerungen, unterstreicht die Harmonisierung, und das gibt der Musik etwas Gravitätisches, nicht zu sehr, aber doch genug, um den Ernst der Sache deutlich zu machen. Es ist auch hier keine Interpretation der Extreme: Die zerklüfteten Abgründe sollen andere aufzeigen. Was nicht heißt, dass es sie bei Zimerman nicht gibt. Sie lauern. Man darf sich solcher Schönheit nicht zu sicher sein.




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Klavierfestival Ruhr 2016
Philharmonie Essen, Alfried-Krupp-Saal
13. Mai 2016


Ausführende

Krystian Zimerman, Klavier



Programm

Franz Schubert:
Sonate Nr. 20 A-Dur D959

Karol Szymanowski:
Vier Mazurkas op. 50 Nr. 13- 16

Franz Schubert:
Sonate Nr. 21 B-Dur D960

als Zugabe:
Karol Szymanowski:
Drei Préludes op.1 Nr. 1, 2 und 7



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Klavierfestival Ruhr
(Homepage)








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