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Die Walküre (Dritter Aufzug)

Erster Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen
Dichtung und Musik von Richard Wagner

In deutscher Sprache mit niederländischen Untertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 15' (keine Pause)

Konzertante Aufführung im Concertgebouw Amsterdam am 9. Dezember 2016

 



Concertgebouw Amsterdam
(Homepage)

Bayreuth an der Amstel

Von Thomas Tillmann

Valery Gergiev hat einige Erfahrung mit dem Ring, musste in der Vergangenheit auch einige Kritik einstecken, weil seine Versuche, den kompletten Zyklus an vier aufeinanderfolgenden Abenden zu präsentierten, als unseriös eingestuft wurden. Hier nun die Konzentration auf den dritten Aufzug des Ersten Tages, beliebt natürlich wegen des auch außerhalb des Opernhauses bekannten Walkürenritts, bei den Wagnerianern eher wegen der berührenden Szene zwischen der ungehorsamen Tochter und dem strafenden Vater. Ich hatte, ehrlich gesagt, große, schweißtreibende Gesten und überrumpelnde Effekte erwartet - das dünne Programmheft beschwört "zijn gepassioneerde, temperamentvolle stijl van dirigeren", aber davon gab es wenig an diesem Abend zu beobachten, im Gegenteil, der Russe wirkte angenehm uneitel und ganz dem Werk verpflichtet. Ich hätte mir freilich den Walkürenritt rhythmisch aggressiver und transparenter gewünscht, in den intimeren Szenen mehr Mut zu Ruhe und Pausen. Und so gab es für mein Empfinden neben vielen gelungenen Momenten (wie etwa den herrlich schwebenden, innigen Takten vor Brünnhildes "War es so schmählich") bei aller Bewunderung für den warmen, kompakten Klang des Koninklijk Concertgebouworkest auch einige recht allgemeine, weniger inspirierte. Dabei hatte es doch durchaus einige Proben gegeben, zuletzt am Morgen ab 9.30 Uhr - was für eine Zumutung besonders für das singende Personal. A propos: Hatte man zunächst etwas Sorge, weil die Sänger den musikalischen Leiter allenfalls aus dem Augenwinkel sehen konnten und Gergiev auf Einsätze fast gänzlich verzichtete, so nahm man beruhigt zur Kenntnis, dass er sich als guter Zuhörer und Begleiter erwies und so für Sicherheit sorgte.

Christine Goerke ist als Brünnhilde natürlich nichts weniger als eine Wunschmaid, hier mogelte sich keine ambitionierte Jugendlich-Dramatische mit zu wenig Stimme und Tricks durch die Partie, sondern hier hörte man eine echte Hochdramatische mit dunklem, üppigem, fast mezzohaftem Ton und vibrierender Intensität zum ersten Mal auf europäischem Boden in einem Auszug aus dem Ring (im Sommer 2017 folgt ein Wagner-Konzert bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, 2020 wird sie die neue Brünnhilde bei den Bayreuther Festspielen sein). Gerade in ihren zentralen Momenten gab Gergiev sehr zügige Tempi vor, was der Sopranistin aber keinerlei Schwierigkeiten bereitete, im Gegenteil. Ihr herzzerreißendes "Der diese Liebe mir ins Herz gehaucht ... trotzt' ich deinem Gebot." blieb lange im Gedächtnis.

Ebenso berückend war Tamara Wilsons strahlender Sopran, eine junge Wagnerstimme von einigem Gewicht und Präsenz auch in der Tiefe und im Piano und doch ganz anders als die der Kollegin. Mit strahlendem Glanz und dem richtigen Schuss Metall in der völlig unangefochtenen Höhe, der für die nötige Durchschlagskraft sorgt, berührte sie als Sieglinde, für die sie auch eine effektvolle Portion Hysterie namentlich für die letzten Phrasen mitbrachte.

Allererste Qualität auch beim dritten Protagonisten: Welche Autorität, welch kluge, intensive Auseinandersetzung mit dem Text, welche Vielfalt an interpretatorischen Elementen, welche vokale Vollendung - allenfalls die ganz tiefen Töne klingen eher erarbeitet als selbstverständlich, wenig überraschend bei einem Sänger, der aus dem lyrischen Baritonfach kommt wie Michael Volle, bei dessen Wotan es nicht den Anflug von bellendem Deklamieren zu beklagen, sondern wunderbare Piani und Bögen zu bewundern gab, eine große Leistung auch dies.

Prominente Namen und sehr hohes Niveau auch bei den Walküren, einig von ihnen bereits in Bayreuth im Oktett und in anderen Rollen dabei: Neben Christiane Kohl, Stephanie Houtzeel, Julia Rutigliano, Simone Schröder und Nadine Weissmann freute man sich über ein Wiederhören mit Dara Hobbs, die am Theater Krefeld-Mönchengladbach groß geworden ist und demnächst in Essen die Isolde gibt, und Allison Oakes, die bei den Wagner-Festspielen als Gerhilde, Gutrune und Freia engagiert war, unter anderem in Dortmund als Isolde zu erleben war und an deren nicht uninteressante Oldenburger Salome ich mich gut erinnern kann. Zu keiner dieser Damen äußerte sich übrigens das schmale Programmheft, bei Christine Goerke überging es zudem den Auftritt als Färbersfrau in einer unvergessenen konzertanten Aufführung der Frau ohne Schatten im Concertgebouw vor wenigen Jahren, der bis heute komplett bei YouTube zu erleben ist und doch so etwas wie den Durchbruch der Amerikanerin im neuen Fach markierte (Wochen später triumphierte sie in derselben Rolle an der Met). Einen ganz besonderen Abend erlebte die Interpretin der Rossweiße: Petra Lang hatte am Vormittag ihre Beteiligung am Parsifal im Opernhaus absagen müssen, Elena Pankratova, die als Kundry-Einspringerin vorgesehen war, war aufgrund einer Verspätung ihres Fliegers nicht rechtzeitig vor Ort, so dass Alexandra Petersarmer den ersten Akt von der Seitenbühne aus sang, um dann wieder rechtzeitig zum Walkürenritt im Concertgebouw zu sein.

Der Mantel des Schweigens sei über die völlig überflüssigen, einfältigen Zeichnungen von Tjarko van der Pol gebreitet, die auf ein Tuch vor der Orgel projiziert wurden, enervierend flackernd wie Daumenkinos oder Zeichentrickfilme in schwarz und weiß und von der Musik und den darstellerischen Bemühungen der Solisten ärgerlich ablenkend und kaum dazu angetan, Wagners Werk adäquat zu illustrieren. Ebenso unnötig war es, die beiden Sopranistinnen in ihren Abendkleidern die steile Treppe zum Podium herunterzujagen - Wagners großartiger Musik fügt dieser "coup de théâtre" nichts hinzu, es stresst bloß die auftretenden Damen und auch den besorgten Zuschauer.

FAZIT

Für Konzerte dieses Niveaus nimmt man gern die Zugfahrt nach Amsterdam in Kauf, indes hatte man nach knapp 75 Minuten das Gefühl, dass doch noch einige der orchestralen Passagen der weiteren Tage und Brünnhildes Schlussgesang mit der vielleicht wichtigsten aktuellen Interpretin dieser Rolle angesichts der reichlich hohen Kartenpreise zur Aufführung hätten kommen dürfen.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Valery Gergiev

Koninklijk Concertgebouworkest

 

Solisten

Wotan
Michael Volle

Brünnhilde
Christine Goerke

Sieglinde
Tamara Wilson

Helmwige
Christiane Kohl

Gerhilde
Allison Oakes

Ortlinde
Dara Hobbs

Waltraute
Stephanie Houtzeel

Siegrune
Julia Rutigliano

Rossweisse
Alexandra Petersamer

Grimgerde
Simone Schröder

Schwertleite
Nadine Weissmann


 


Weitere Informationen
erhalten Sie von der

Concertgebouw Amsterdam
(Homepage)



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