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BOSY Symphonie 3
Finnischer Meister und ein "Ballett der Straße"

Musik von Michel Tabachnik, Jean Sibelius und Igor Strawinsky

Aufführungsdauer: ca. 2h 5' (eine Pause)

Donnerstag, 02.02.2017, 20.00 Uhr
Großer Saal, Anneliese Brost Musikforum Ruhr



Bochumer Symphoniker
(Homepage)

Drei unterschiedliche Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts

Von Thomas Molke

Beim 3. Sinfoniekonzert im Ende Oktober 2016 eröffneten Anneliese Brost Musikforum Ruhr hat der Hausherr Steven Sloane nicht nur den Taktstock an Michel Tabachnik als Gast übergeben, sondern lässt den 1942 in Genf geborenen Dirigenten auch noch mit einer eigenen Komposition den Abend beginnen, die ursprünglich als erster Teil der Légende de Haïsh, eines gut halbstündigen Werkes für sechs Vokalisten, Doppelchor und Orchester, anlässlich der Jubiläumsfeiern zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution entstand, sich im Laufe der Zeit allerdings zu einem eigenständigen Orchesterwerk entwickelte, das 2011 den Titel Prélude à la Légende erhielt und seitdem auch ohne den restlichen Teil der Trilogie in den Konzertsälen auf dem Spielplan steht. Stilistisch lässt sich in der Komposition der Einfluss seines Freundes und Mentors Pierre Boulez erkennen. Direkt der Beginn des gut fünfzehnminütigen Werkes weist ungewöhnliche Klangfarben auf. Die Bläser simulieren mit dumpfen Tönen eine dunkle Männerstimme, die schon beinahe elektronische Züge annimmt. Allmählich treten weitere Instrumente hinzu, die die Musik zu einem wabernden Klangteppich ausbreiten. Tabachnik arbeitet mit den Bochumer Symphonikern die dunklen Farben seiner Komposition, die stellenweise auch an Schostakowitsch erinnern, differenziert heraus. Für das Publikum ist das Dirigat natürlich ein besonderes Erlebnis, da Tabachnik hier als Komponist seine Vorstellung der eigenen Komposition einbringen kann.

Es folgt ein Werk des im Titel des Konzertes genannten "finnischen Meisters" Jean Sibelius. Dieser hatte sich in Jugendjahren stets eine Laufbahn als Geiger vorgestellt, da ihn dieses Instrument nach eigenem Bekunden ganz in seinen Bann geschlagen habe. Doch seine relativ späte Konzentration auf die Violine und eine Verletzung aus Kindheitstagen setzten diesem Traum ein Ende, und so kann sein 1904 uraufgeführtes Violinkonzert d-Moll als melancholischer Utopie eines Komponisten verstanden werden, sich selbst doch noch als Geigenvirtuosen zu inszenieren. Der erste relativ lange Satz besticht dabei durch eine recht eigenwillige Struktur. Über ein schattenhaft anmutendes Murmeln der hohen Streicher hebt sich ganz zaghaft die Solovioline, die erst im weiteren Verlauf zu einer klaren Melodielinie findet. Hier empfindet man gewissermaßen den Werdegang eines Violinvirtuosen nach, der sich erst mit der Zeit zu einem genialen Künstler entwickelt. Dabei zeichnet das Orchester im Hintergrund naturalistische Bilder, die an die Weite und Ruhe einer nebelverhangenen finnischen Seenlandschaft denken lässt. Im zweiten Teil des ersten Satzes greift die Solovioline zwar bereits bekannte Themen wieder auf, präsentiert sie allerdings temporeicher und auch mit größerer Aggression, die auf einen Kampf hinweist. Kadenzartige Einschübe wirken da wie ein Befreiungsschlag.

Der zweite Satz ist dann wesentlich ruhiger und lyrischer gestaltet. Er beginnt mit luftigen Holzbläserterzen, die bald von einer innigen Melodie der Solovioline überlagert werden. Durch das Zusammenspiel entsteht hierbei ein tief-romantischer Klang. Den dritten Satz hat Sibelius selbst als "danse macabre" bezeichnet und verknüpft Elemente eines polnischen Nationaltanzes mit einer kraftvollen Tarantella. Dieser überschäumende ekstatische Klang stellt noch einmal ganz besondere Herausforderungen an die Virtuosität der Solovioline. Den Part der Solovioline übernimmt in Bochum der 1985 in Armenien geborene Sergey Khachatryan, der bereits im zarten Alter von 15 Jahren den Jean-Sibelius-Wettbewerb in Helsinki als jüngster Gewinner in der Geschichte des Wettbewerbs für sich entscheiden konnte. Wenn man ihn spielen hört, weiß man auch warum. Mit viel Feingefühl lotet er die Emotionen der Solovioline bis ins kleinste Detail aus und gewinnt dem Instrument unglaubliche Klangfarben ab, die den Zuhörer bewegt in die Gefühlswelt der Musik eintauchen lassen. Zu Recht wird er vom Publikum mit frenetischem Beifall gefeiert. So gibt es im Anschluss direkt noch eine Zugabe aus seiner armenischen Heimat: ein Volkslied mit dem Titel "Aprikosenhaut".

Nach der Pause folgen dann als "Ballett der Straße" Strawinskys vier burleske Szenen, die er unter dem Titel Petruschka zusammengefasst hat. Strawinsky komponierte diese Ballettmusik im Anschluss an den Feuervogel, mit dem er 1910 in Paris einen grandiosen Erfolg feiern konnte. Die Geschichte spielt in St. Petersburg auf einem Jahrmarkt während der Butterwoche, einem traditionellen russischen Fest eine Woche vor Beginn der orthodoxen Fastenzeit. Drei Puppen, der melancholische Petruschka, der Mohr und die Ballerina, werden durch das magische Flötenspiel eines Gauklers zum Leben erweckt, und es vollzieht sich eine tragische Dreiecksgeschichte. Beide Männer kämpfen um die Gunst der Ballerina. Am Ende tötet der Mohr Petruschka, und der Gaukler beweist den Menschen, dass es sich bei dem Drama nur um ein Puppenspiel handelt. Doch dann taucht Petruschkas Geist über dem Theater auf und verspottet den Gaukler.

In den ersten drei Teilen fängt die Musik die erzählte Geschichte sehr bildhaft ein. So erzielt Strawinskys Musik im ersten Bild einen geradezu realistischen Effekt, wenn er die typischen Klänge eines lärmenden Jahrmarktes gut nachvollziehbar einfängt. Da sieht man auch ohne tänzerische Untermalung die Gäste des Jahrmarktes und die unterschiedlichen Künstler vor dem geistigen Auge. Das zweite Bild spielt dann in Petruschkas Zelle. Mit melancholischen Bögen wird das Leid der Titelfigur eingefangen. Zum einen wird er vom Gaukler misshandelt, zum anderen wegen seiner Hässlichkeit verspottet. Die Ballerina fühlt sich vielmehr vom prachtvoll gekleideten Mohren angezogen. Im dritten Bild beim Mohren enthüllt die Musik, dass der Mohr genauso oberflächlich und dumm wie die Ballerina ist. Eine Walzermelodie wird dabei konterkariert, die andeutet, dass die beiden nicht in der Lage sind, im Walzerschritt über die Bühne zu schweben, sondern dabei immer wieder stolpern. Das vierte Bild nimmt dann das bunte Treiben des Jahrmarktes wieder auf. Hier wird der Schluss ohne begleitendes Ballett allerdings nicht mehr so deutlich, zumal das Werk relativ abrupt endet. Tabachnik gelingt es mit den Bochumer Symphonikern, auch Strawinskys und Sibelius' Klangsprache differenziert herauszuarbeiten, so dass es am Ende großen Applaus gibt.


FAZIT

Mit Strawinsky, Sibelius und Tabachnik präsentieren die Bochumer Symphoniker drei unterschiedliche Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts und haben mit dem Komponisten Tabachnik am Pult und dem Soloviolinisten Sergey Khachatryan hochkarätige Gäste eingeladen.



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Ausführende

Michel Tabachnik, Dirigent

Bochumer Symphoniker

Sergey Khachatryan, Violine

 


Werke

Michel Tabachnik
Prélude à la Légende

Jean Sibelius
Violinkonzert d-Moll op. 47
1. Allegro moderato
2. Adagio di molto
3. Allegro ma non tanto

Igor Strawinsky
Petruschka
1. Bild: "Volksfest in der Butterwoche"
2. Bild: "Bei Petruschka"
3. Bild: "Beim Mohren"
4. Bild: "Volksfest in der Butterwoche"


Weitere Informationen
erhalten Sie von den

Bochumer Symphonikern
(Homepage)



Da capo al Fine

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