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Mittwoch, 12. April 2017, Franz-Liszt-Akademie (Musikakademie) Budapest, Großer Saal


Johannespassion


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Lisztakademie Budapest
(Homepage, englisch)
Ein barocker Gottesdienst im ungarischen Jugendstil

Von Stefan Schmöe

Er hat ja ohnehin eine sakrale Aura, der große Saal der Franz-Liszt-Akademie (im Ungarischen auch schlicht als „Zeneakademia“, also „Musikakademie“, bezeichnet) in Budapest. 1903-1907 im etwas schwer geratenen, imposanten Jugendstil gehalten (und vor ein paar Jahren erst sehr schön renoviert), ist das ein Traum in Gold mit dunkelschwerem Sitzmobiliar und der großen Konzertorgel im Zentrum. Der Eindruck des Sakralen wird bei dieser Aufführung von Bachs Johannespassion noch dadurch verstärkt, dass auf den Emporen rechts und links die Choristen von Vox Humana sitzen, die bei den Chorälen den Neuen Franz-Liszt-Kammerchor verstärken – so werden die sehr nuanciert durchgearbeiteten und im Charakter vielschichtig der Situation angepassten Choräle sehr deutlich zur ins Publikum übergreifenden Gemeindesache. Die Akustik ist weich und rund, nicht unbedingt analytisch klar, sondern mit Tendenz zum Mischklang, hat aber immer noch ausreichend Trennschärfe.

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Großer Saal der Musikakademie (Foto © Zeneakadémia Budapest / Judit Marjai)

Dirigent Zsolt Hamar nimmt Eingangs-und Schlusschor recht verhalten. „Herr, unser Herrscher“ ist entgegen dem Text ein meditativ verschatteter Einstieg, dem es dabei allerdings an Prägnanz in den allzu verwaschenen Streichern fehlt. Das (nach seiner Konzertmeisterin und künstlerischen Leiterin Márta Àbrahám benannte) Ábrahám Consort hat nicht zuletzt durch die barocken Flöten und Oboen einen weichen Klang, der sich bei den Chorälen schön mischt und die Arien dezent und unaufdringlich begleitet, hier und in den schnellen Turba-Chören aber mehr Biss vertragen könnte. Der Schlusschor „Ruhet wohl“ wird zu einem getragenen, introvertierten Wiegenlied, das immer leiser wird, als blende es sich allmählich aus; der ausgezeichnete Neue Franz-Liszt-Kammerchor singt mit jugendlich klarem Klang ohne Vibrato und klaren Konturen, und Hamar hat sehr genau durchgearbeitet, welche Stimme an welcher Stelle in den Vordergrund treten darf (wenn es da überhaupt etwas auszusetzen gibt, dann dass die Spontanität und damit die Unmittelbarkeit etwas zu kurz kommt bei dieser offensichtlich in jedem Chordetail penibel einstudierten Aufführung). Zudem ist die Textverständlichkeit sehr gut.

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Ensemble (Foto © Zeneakadémia Budapest)

Das dramatische, im weitesten Sinn opernhafte Element kommt in den Turba-Chören zum Ausdruck, beim „Lasset uns den nicht zerteilen“ (gemeint ist der Mantel Jesu) darf der Chor in rasantem Tempo auch enorme Virtuosität zeigen. Christoph Prégardien als Evangelist geht das dramatische Element ein Stück weit, aber nicht ganz mit; die Stimme ist oft immer noch betörend schön, hat aber nicht immer die Leichtigkeit in der Ansprache – Prégardien ist erfahren genug, das zu kaschieren (was hin und wieder für kurze Momente auf Kosten der Genauigkeit der Tongebung und Intonation geht); die Interpretation ist frisch und eloquent und frei von Pathos, bleibt aber weitestgehend im Erzählgestus, ohne die Dramatik allzu sehr aufzugreifen. Benjamin Russell ist ein nobler, auch in tiefer Lage klangvoller, jugendlich anmutender Christus, Wolf Matthias Friedrich zeichnet engagiert und eindringlich den Gewissenskonflikt des Pilatus nach und gestaltet die Bassarien als drängende Fragen nach den letzten Dingen, dass ihm da hier und da ein Ton verrutscht (was nicht weiter ins Gewicht fällt), hat da sogar einen gewissen Charme – da ringt jemand glaubhaft um letzte Wahrheiten.

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Wolf Matthias Friedrich (Foto © Zeneakadémia Budapest)

Tibor Szappanos singt die tückischen Tenorarien mit heller, aber nicht scharfer und beweglicher Stimme sehr ordentlich; das Wunder des Regenbogens in der „Erwäge“-Arie bleibt er allerdings schuldig. Mezzosopranistin Lúcia Megyesi Schwarz mit nicht uninteressantem Timbre und pointierter Textauslegung könnte einer Zauberoper von Bachs Zeitgenossen Händel entsprungen sein. Eszter Zsemlényi schwebt mit glasklarem Sopran über allem; dass sie die langen Noten etwas unschön „nachdrückt“, wäre angesichts der Akustik, die die Sänger im nicht allzu großen Saal sehr präsent klingen lässt, gar nicht nötig. So hat die Aufführung, die sich im Programmheft als „historisch informiert“ bezeichnet, durchaus ihre künstlerischen Meriten, aber auch die theologische Fundierung. Dass in diesem edlen Saal der Text (in ungarischer Übersetzung) an zentraler Stelle eingeblendet wird, ist zweifellos ein ästhetischer Stilbruch; dass das Publikum (immerhin nach einem Moment der Stille) sofort in martialisches rhythmisches Klatschen ausbricht leider auch.




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Programm

Johann Sebastian Bach:

Johannespassion BWV 245


Ausführende

Evangelist
Christoph Prégardien

Sopran
Eszter Zemlényi

Mezzosopran
Lúcia Megyesi Schwartz

Bariton
Benjamin Russell

Bass
Wolf Matthias Friedrich


Ábrahám Consort
(künstlerische Leiterin und Konzertmeisterin:
Márta Ábrahám)


Neuer Franz-Liszt-Kammerchor
(Chorleiter: László Norbert Nemes)

Chor Vox Humana
(Chorleiter: Bence Sándor)


Dirigent: Zsolt Hamar



Weitere Informationen:

Lisztakademie



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