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2. Sinfoniekonzert der Essener Philharmoniker
Ein deutsches Requiem

Musik von Sofia Gubaidulina und Johannes Brahms

Aufführungsdauer: ca. 2h 5' (eine Pause)

Donnerstag, 20.10.2016, und Freitag, 21.10.2016, jeweils 20.00 Uhr
Alfried Krupp Saal in der Philharmonie Essen
(rezensierte Aufführung: 21.10.2016)

 



Philharmonie Essen
(Homepage)

"Religiöses" im Sinfoniekonzert

Von Thomas Molke

Die Aufführungen von Requien sind in der Regel im November sehr beliebt, da in diesem Monat unter anderem mit dem Totensonntag der Verstorbenen ganz intensiv gedacht wird. Von daher mag es einem ein bisschen früh erscheinen, dass der Generalmusikdirektor der Essener Philharmoniker, Tomáš Netopil, ein Requiem ins Zentrum des 2. Sinfoniekonzertes im Oktober stellt. Aber das deutsche Requiem von Johannes Brahms ist eben kein Requiem im herkömmlichen Sinne, da es nicht auf dem Text der lateinischen Totenmesse beruht und keine furchterregende Vision eines Jüngsten Gerichts ins Zentrum stellt. Stattdessen hat Brahms in insgesamt sieben Sätzen Texte aus der Lutherbibel vertont, die den Hinterbliebenen Trost spenden sollen und den Tod als erlösendes Ende beschreiben. Für diese Botschaft ist eigentlich jeder Zeitpunkt geeignet.

Kombiniert wird Brahms' Requiem mit einem Doppelkonzert für zwei Bratschen und Orchester der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina, die sich als bekennende russisch-orthodoxe Künstlerin in ihren Werken immer wieder mit dem christlichen Glauben auseinandersetzt. Two Paths ist eine Auftragskomposition für Kurt Masur, der das Stück 1999 mit dem New York Philharmonic Orchestra zur Uraufführung brachte, und steht für zwei unterschiedliche Wege, die man zum christlichen Glauben beschreiten kann. Der Untertitel A Dedication to Mary and Martha bezieht sich auf die beiden Schwestern Maria und Martha, die Jesus im 10. Kapitel des Lukasevangeliums und im 11. Kapitel des Johannesevangeliums begegnen. Während Martha Jesus in ihrem Haus bewirtet, lauscht Maria Jesus' Worten. Als Martha ihre Schwester dafür kritisiert, dass sie sie die ganze Arbeit allein machen lasse, erwidert Jesus, dass beide einen unterschiedlichen, aber dennoch richtigen Weg zum Glauben beschreiten.

Gubaidulina setzt diese unterschiedlichen Wege musikalisch durch zwei Bratschen um. Sebastian Bürger übernimmt dabei mit sehr hoch angesetzten Tönen den Weg Marias, während Niklas Schwarz den Weg Marthas mit dunklerem Klang wesentlich geerdeter ansetzt. Die beiden arbeiten die Unterschiede deutlich heraus, und man ist als Zuhörer geneigt, dem Weg Marthas den Vorzug zu geben, liegt doch in den leicht dissonanten hohen Tönen Marias auch ein wenig Kritik Marthas an Marias Weg. Doch auch Marias Weg findet in dem Konzert seine Rechtfertigung. So nähern sich die beiden Stimmen im Verlauf des Konzertes aneinander an, um aufzuzeigen, dass beide Wege zum gleichen Ziel führen. Erst nachdem man diese Einsicht gewonnen hat, entfernen sich die beiden Bratschen klanglich wieder voneinander. Das übrige Orchester ist üppig und mit zahlreichen Klangfarben besetzt. Die teilweise unruhige musikalische Struktur deutet an, dass es auf dem Weg zum christlichen Leben auch zahlreiche Irrwege und Ablenkungen geben kann, die den einen oder anderen auch straucheln lassen. In lauten und dissonanten Passagen scheinen dem Wanderer auch Gefahren aufzulauern. Den Essener Philharmonikern gelingt es, unter der Leitung ihres GMD Netopil die Wege des christlichen Lebens großartig zu bebildern.

Der Bezug zu Brahms' Requiem besteht nicht nur im religiösen Inhalt des Stückes. Auch die Zahl 7 spielt in beiden Werken eine nicht unbedeutende Rolle. Während bei Gubaidulina die Wege in insgesamt sieben Variationen aufgezeigt werden, besteht Brahms' Requiem aus insgesamt sieben Sätzen. Dabei waren es bei der Uraufführung 1868 in Bremen zunächst nur sechs Sätze (Sätze 1 - 4 und 6 - 7 der finalen Fassung). Brahms hatte erste Skizzen zu seinem Requiem bereits 1861 angefertigt, als er nach dem Selbstmordversuch seines engen Freundes und Förderers Robert Schumann biblische Texte für eine Trauerkantate suchte. Als dann 1865 Brahms' Mutter starb, versuchte er die Trauer über den Verlust in der Komposition seines Requiems zu verarbeiten. Um einen symmetrischen Aufbau des Werkes zu erreichen, fügte er 1869 das Sopransolo "Ihr habt nun Traurigkeit" als 5. Satz ein. Damit rückt die pastorale Idylle des 4. Satzes, in dem Brahms die Gerechtigkeit Gottes mit den Worten "Wie lieblich sind Deine Wohnungen, Herr Zebaoth!" preist, mehr in den Mittelpunkt, und die aufgeworfene Frage des Baritons im 3. Satz wird genauso symmetrisch beantwortet, wie der erste und der letzte Satz mit den Worten "Selig sind" eingerahmt werden. Während im ersten Satz die Leidtragenden selig sind, denen Trost zugesichert wird, sind es im letzten Satz die Toten, die ihren Weg nun beendet haben.

Der Philharmonische Chor Essen erfüllt den Alfried Krupp Saal mit bewegendem Klang und lotet die leisen Stellen mit der gleichen Präzision aus wie die fulminant aufbrausendem zu den Schlägen der Pauke. Nur in den extremen Höhen klingt der Sopran bisweilen ein wenig schrill. Als Solisten überzeugen die beiden Mitglieder des Aalto-Ensembles, Jessica Muirhead und Heiko Trinsinger. Muirhead spendet mit leuchtendem Sopran den Trauernden in ihrem Solo im 5. Satz Trost, und Trinsinger gelingt es, beim Bariton-Solo im 3. Satz den zweifelnden Menschen bewegend herauszuarbeiten, um dann im 6. Satz gestärkt noch einmal in Erscheinung zu treten. Die zentrale Stellung nimmt jedoch in allen sieben Sätzen der Chor ein. Netopil führt die Essener Philharmoniker mit leichter Hand durch die sieben recht unterschiedlich angelegten Sätze, so dass es am Ende großen Applaus für alle Beteiligten gibt. Der Trost des Werkes scheint sich auf die Zuhörer übertragen haben.


FAZIT

Brahms' Requiem stellt eine willkommene Abwechslung zu Mozart oder Verdi dar und sollte durchaus häufiger auf den Konzertbühnen erklingen.



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Ausführende

Tomáš Netopil, Musikalische Leitung

Essener Philharmoniker

Jessica Muirhead, Sopran

Heiko Trinsinger, Bariton

Sebastian Bürger, Viola

Niklas Schwarz, Viola

Philharmonischer Chor Essen


Werke

Sofia Gubaidulina
Two Paths - A Dedication to Mary and Martha
Doppelkonzert für zwei Bratschen und Orchester

Johannes Brahms
Ein deutsches Requiem op. 45
Ziemlich langsam und mit Ausdruck
Langsam, marschmäßig
Andante moderato
Mäßig bewegt
Langsam
Andante
Feierlich


Weitere Informationen
erhalten Sie von der

Philharmonie Essen
(Homepage)



Da capo al Fine

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