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RuhrResidenz der Berliner Philharmoniker

Le Grand Macabre

Oper in vier Bildern
Libretto von Michael Meschke und György Ligeti frei nach Michel de Ghelderodes Schauspiel La Balade du Grand Macabre
Musik von György Ligeti (revidierte Fassung von 1996)

halbszenische Aufführung in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Aufführungsdauer: 2h 30' (eine Pause)

23. Februar 2017 im Konzerthaus Dortmund - 25. Februar 2017 im der Philharmonie Essen, Alfried Krupp Saal
(rezensierte Aufführung: 25.2.2017)
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Philharmonie Essen
(Homepage)
Weltuntergang de luxe

Von Stefan Schmöe / Fotos von Monika Rittershaus

Le Grand Macabre im Konzertsaal? György Ligetis prall-derbe Oper ist ein Bühnenstück per excellence, das hat in Essen das Aalto-Theater gleich nebenan vor nicht allzu langer Zeit bewiesen. Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker haben mit dem Regisseur Peter Sellars eine halbszenische Version für den Konzertsaal geschaffen, immerhin. Das haben sie in der Vergangenheit schon bei anderen Werken erprobt, wenn auch mit umstrittenem Erfolg (siehe unsere Rezension des DVD-Mittschnitts der Matthäuspassion). Jetzt also ein Weltuntergangsszenario, von Ligeti als Groteske abgehandelt. Sellars zeigt mit etlichen Tonnen Atommüll auf der Bühne auch unmissverständlich an, worum es ihm geht: Das nukleare Inferno.

Szenenfoto

Das wird freilich zur Nebensache, denn in der ausgezeichneten Akustik der Essener Philharmonie wird die Musik zum Hauptdarsteller. Ligetis Partitur klingt hier deutlich präsenter als in irgendeinem Orchestergraben und wird nicht von der Szene zur Begleitung degradiert. Simon Rattle gesteht der Oper die Noblesse eines Klassikers der Moderne zu (als solchen darf man Le Grand Macabre wohl inzwischen bezeichnen). Seine Interpretation unterstreicht nicht die von Ligeti ursprünglich mitgedachte Provokation in einer Zeit der Diskussion über das Genre Oper an sich (er bezeichnete das Werk in Abgrenzung zu seiner "Anti-Oper" Adventures als "Anti-Anti-Oper), sondern hebt mit großer Klangsinnlichkeit die aus der symphonischen Musik stammenden Strukturen hervor. Das 1978 uraufgeführte (und 1996 überarbeitete) Werk klingt daher nicht unbedingt neu, sondern in seinem Farbreichtum mitunter beinahe impressionistisch, dann wieder neoklassizistisch im Bewusstsein barocker Formen, vor allem aber ungemein vielschichtig. Die ausgedehnten nummernhaften Szenen kostet Rattle in ihrer Gesanglichkeit genussvoll aus. Ein wenig boshaft kann man sagen: Das große Oper im besten Traditionssinn.

Szenenfoto

Die Berliner Philharmoniker spielen großartig, angefangen bei den exzellenten Schlagzeugern an den Autohupen der Toccata, mit der die Oper beginnt (und überhaupt ist das umfangreiche Schlagwerk konstituierendes Element dieser Musik). Ligeti funkelt schillernd im Luxusgewand, dass man immer wieder staunt, welcher kompositorische Reichtum, welche klanglichen Finessen in dieser Musik stecken. Mehrfach wird der Raum ausgenutzt, spielen Musiker von entlegenen Stellen oder singt der brillante, auch in kleiner Besetzung ungemein klangprächtige Rundfunkchor Berlin (Einstudierung: Gijs Leenaars) von der höchsten Galerie. Bei aller überwältigenden Klangpracht behält die Musik aber scharfe Konturen, hat durch die zupackende Präsenz der Musiker den erforderlichen Drive.

Szenenfoto

Dazu kommt eine durchgehend hervorragende Sängerbesetzung. Pavlo Honka ist ein kraftvoll-beweglicher Nekrotzar (der "Große Makabre", der den Weltuntergang verrichten soll und schließlich im Saufgelage verpasst), Peter Hoare mit seinem in allen Lagen souveränen Tenor ein idealer Piet vom Fass, Frode Olsen ein großformatig komödiantischer Astrologe Astradamors und Heidi Melton mit stimmlicher Wucht dessen gefährlich liebestolle Gattin Mescalina. Über allen schweben der (wenn es darauf ankommt) betörend schöne, immer leuchtende Countertenor von Anthony Roth Costanzo als Fürst Gogo und die federleicht zarten Koloraturen von Audrey Luna als Venus und Geheimpolizeichef Gepopo. Anna Prohaska als mädchenhaft lyrisch Amanda und Ronnita Miller als Amando mit überwältigend sattem Alt sind ein formidables Liebespaar, das den vermeintlichen Weltuntergang beim Liebesakt im leeren Grab einfach ignoriert (die Regie verzichtet darauf, aus Amando eine Hosenrolle zu machen).

Szenenfoto

Und die halbszenische Einrichtung? Vom "Breughelland" des Librettos, das auf die Bildwelten Pieter Breughels verweist (aber auch Quellen bei Hironymus Bosch hat), ist nichts zu sehen. Stattdessen zeigen Videoprojektionen auf der großen Leinwand über dem Orchester Schafe und Kühe vor einem Atomkraftwerk, Anti-Atomkraft-Demonstrationen aus verschiedenen Ländern und Zeiten, explodierende Atombomben und Aufnahmen zerstörter Gebäude (Tschernobyl?). Das Sängerpersonal in Laborkitteln und Alltagskleidung ist einem Kongress entsprungen, dem "Nuclear Energy Summit". Manches Detail hat durchaus Witz, so stehen die Atommüll-Fässer auf der Bühne in bösem Kontrast zu Piet vom Fass, dem prototypischen Bewohner des Breughellands, der das Fass bereits im Namen trägt. Insgesamt aber wirkt Sellars Bebilderung in die Jahre gekommen. Sicher war die nukleare Bedrohung lange nicht so groß wie gerade in diesen Tagen, aber die öffentliche Diskussion darüber ist zumindest hierzulande mit dem Auslaufen der Kernenergie weitgehend abgeschlossen, und die Kritik an einer enthemmten Wissenschaftler-Elite wirkt angesichts der aktuellen Washingtoner Faktenverdrehung auch in wissenschaftlichen Fragen (Klimawandel!) mindestens zwiespältig. So bleibt die szenische Deutung ungewollt distanziert und der satirische Blick wenig bissig. Aber wie gesagt: Die Szene bleibt angesichts der grandiosen musikalischen Deutung Nebensache.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Simon Rattle

Inszenierung
Peter Sellars

Choreinstudierung
Gijs Leenaars



Rundfunkchor Berlin

Berliner Philharmoniker


Solisten

Nekrotzar
Pavlo Hunka

Piet vom Fass
Peter Hoare

Fürst Gogo
Anthony Roth Costanzo

Amanda
Anna Prohaska

Venus, Gepopo
Audrey Luna

Astradamors
Frode Olsen

Amando
Ronnita Miller

Mescalina
Heidi Melton

Weißer Minister
Peter Tantsits

Schwarzer Minister
Joshua Bloom

Ruffiack
Artem Nesterenko

Schobiack
Axel Scheidig

Schabernack
Sascha Glintenkamp



Weitere Informationen:

Essener Philharmoniker

Philharmonie Essen



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