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Kunst hoch 5 - die TUP-Festtage 2017
Johannespassion

von Johann Sebastian Bach (BWV 245)

Aufführungsdauer: ca. 2h 20' (eine Pause)

Mittwoch, 05.04.2017, 20.00 Uhr
Alfried Krupp Saal in der Philharmonie Essen

 



Philharmonie Essen
(Homepage)

Dramatische Passion

Von Thomas Molke / Fotos folgen

In der Passionszeit erfreuen sich auch musikalische Passionen großer Beliebtheit. So hat der Dortmunder Bachchor an St. Reinoldi vor wenigen Tagen zur Feier seines 125-jährigen Bestehens gemeinsam mit dem Ballett Dortmund in der St. Reinoldi-Kirche Bachs Matthäus-Passion aufgeführt, während zeitgleich im Dortmunder Konzerthaus Thomas Hengelbrock mit dem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble die Johannespassion von Johann Sebastian Bach als Chorprojekt für Jedermann erarbeitet hat. Drei Tage später ist letztere nun auch im Rahmen der TUP-Festtage 2017 - Kunst hoch 5 in der Philharmonie Essen mit dem Orchester des Achtzehnten Jahrhunderts und der Cappella Amsterdam unter der musikalischen Leitung ihres künstlerischen Leiters Daniel Reuss zu erleben. Während die fünf Jahre später uraufgeführte Matthäus-Passion mit der Zweiteilung von Chor und Orchester wesentlich monumentaler und umfangreicher ist, besticht die ursprünglich für den Vespergottesdienst des Karfreitags am 7. April 1724 bestimmte Johannespassion vor allem durch den dramatischen Aufbau, der schon beinahe an eine Oper erinnert. In den letzten Jahren hat es immer wieder tänzerische und szenische Umsetzungen wie beispielsweise vor zwei Jahren in Wuppertal, gegeben (siehe auch unsere Rezension).

Die Geschichte basiert auf der Überlieferung im Johannes-Evangelium und beschreibt den Leidensweg Christi in zwei Teilen, die sich grob in fünf Akte unterteilen lassen. Der erste Teil beginnt im Garten Gethsemane mit dem Verrat und der Gefangennahme des Gottessohns. Die zweite Szene spielt dann im Palast des Hohepriesters. Hier wird Jesus zunächst von Hannas und anschließend von dessen Schwiegersohn Kaiphas verhört. Während das Verhör nur in der Erzählung des Evangelisten geschildert wird, erhält Petrus im Anschluss etwas mehr Raum, wenn er Jesus dreimal verleugnet. Der wesentlich längere zweite Teil schildert dann in der dritten Szene das Verhör und die Verurteilung durch Pontius Pilatus, die hochdramatisch durch die vom Chor verkörperte jüdische Volksmenge motiviert wird, die sich vor dem römischen Richthaus versammelt hat. In der vierten Szene findet dann die Kreuzigung mit dem anschließenden Tod Jesu statt, bevor die letzte Szene das Begräbnis in einem Garten nahe der Hinrichtungsstätte beschreibt. Der Bericht des Evangelisten (Tenor) erfolgt in Rezitativen und wird durch Arien und Choräle angereichert, für die meist bekannte Kirchentexte verwendet worden sind, während die Arien von unterschiedlichen Verfassern stammen, die wahrscheinlich den jeweiligen Erfordernissen der damaligen Aufführungen angepasst wurden.

Auch wenn in der Philharmonie auf eine szenische Umsetzung verzichtet wird, hebt die Aufstellung der Solisten und des Chors der opernhafte Charakter des Werkes hervor. So ist nur der Bassist Benoît Arnould als Sänger des Christus auf einem Stuhl vor dem Orchester positioniert und somit auch optisch ins Zentrum des Geschehens gerückt. Thomas Walker steht als Evangelist bei den Rezitativen inmitten des Orchesters, um die erzählerische mit der musikalischen Ebene zu verbinden. Die Sopranistin Carolyn Sampson befindet sich auf der linken Seite des Orchesters, während der Altus Daniel Elgersma und der Bassist André Morsch als Pilatus auf der rechten Seite platziert sind. Für die Arien des erkrankten Tenors Stuart Jackson springt Johannes Klügling ein, der außerdem auch noch den Chor Cappella Amsterdam unterstützt. Dieser ist in zwei Reihen in einem halbrunden Kreis rechts hinter dem Orchester aufgestellt und trägt die Chorpassagen ohne Textbücher vor. Auf diese Weise erhält die Aufführung beinahe eine szenische Komponente.

Besonders hervorzuheben ist bei dem mit nur 24 Sängerinnen und Sängern relativ klein besetzten Chor die Variationsfähigkeit im Ausdruck. Während die teils aus dem Gottesdienst vertraut klingenden Choräle mit warmem, homogenem Klang intoniert werden und beinahe schon zum Mitsingen einladen, setzt der Chor bei der Verkörperung der unterschiedlichen Volksgruppen großartig expressive Akzente. Am deutlichsten wird dies in der dritten Szene zu Beginn des zweiten Teils, wenn der Chor als vor dem römischen Richthaus versammelte jüdische Volksmenge mit schneidender Vehemenz von Pilatus Jesus' Verurteilung fordert. Hier entwickeln sich die Choristen mit scharfer Diktion zu einem gefährlichen Mob, der Pilatus keine Wahl lässt. Als spottende Soldaten präsentiert sich der Chor nicht weniger boshaft, wenn Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung verhöhnt wird oder seine Gewänder nach seinem Tod verlost werden. Erst nach der Grablegung schlägt der Chor andere Töne an. Nun verkörpern die Choristen in einem bewegend angesetzten "Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine" nach der Grablegung die tiefe Traurigkeit der Anhänger Jesu. Eigentlich hätte Bach mit diesem Lied die Passion enden lassen sollen. Der abschließende Choral "Ach Herr, lass dein lieb Engelein" findet zwar vom Text her noch einmal tröstende Worte, nimmt dem Schluss allerdings auch die zuvor aufgebaute Dramatik.

Bei den Solisten kommt die größte Aufgabe Thomas Walker als Evangelist zu. Mit klarem Tenor und sauberer Diktion begeistert er bei einer ausdrucksstarken Erzählung der Geschichte, die die Passion regelrecht spürbar macht. Auch in den Höhen klingt seine Stimme fest und verleiht den Rezitativen große Dramatik. André Morsch begeistert als Pilatus mit dunklem Bass. Dabei gelingt es ihm, den inneren Kampf des Pilatus, Jesus gegen seine eigene Überzeugung zu verurteilen, überzeugend deutlich zu machen. Carolyn Sampson hat als Magd nur eine relativ kleine Rolle, gefällt aber in den Sopranarien durch leuchtende Höhen. Besonders bewegend gelingt ihr in der letzten Szene die Arie "Zerfließe, mein Herze, in Fluten", in der die Trauer über Jesus' Tod deutlich zum Ausdruck kommt. Daniel Elgersma verfügt einen weichen und beweglichen Altus in den Arien. Nur Benoît Arnould bleibt als Christus stimmlich ein bisschen blass. Sein Bass besitzt keine markante Tiefe, sondern klingt eher weich, was aber bei der Figur des Christus auch intendiert sein kann. Das Orchester des Achtzehnten Jahrhunderts rundet unter der umsichtigen Leitung von Daniel Reuss die Dramatik der Passion mit bewegendem Spiel ab, so dass es am Ende großen Beifall für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Musikalisch ist im Vergleich der Johannespassion mit der Matthäus-Passion ersterer der Vorzug zu geben.



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Ausführende

Carolyn Sampson, Sopran

Daniel Elgersma, Altus

Thomas Walker, Tenor (Evangelist)

Johannes Klügling, Tenor (Arien)

Benoît Arnould, Bass (Christus)

André Morsch, Bass (Arien)

Cappella Amsterdam

Orchester des Achtzehnten Jahrhunderts

Daniel Reuss, Dirigent


Weitere Informationen
erhalten Sie von der

Philharmonie Essen
(Homepage)



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