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Baltic Sea Philharmonic: Waterworks

Aufführungsdauer: 2h

Tournee-Premiere am 5. Mai 2017 in der Henrichshütte Hattingen
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Baltic Sea Philharmonic
(Homepage)
Imaginäre Kraft

Text und Fotos von Stefan Pieper

Der aus Estland stammende Dirigent Kristjan Järvi will aus sinfonischen Konzerten Erfahrungen für alle Sinne machen, um damit sein Publikum in die Musikkultur der Zukunft abzuholen. So etwas scheint sich herum zu sprechen, war doch die Gebläsehalle in der Henrichshütte Hattingen komplett ausverkauft zum Konzert der Baltic Sea Philharmonic im Rahmen der aktuellen Waterworks-Tournee. Um Wasser geht es also beim aktuellen Tourneeprogramm dieses jungen, hochmotivierten Orchesters, das sich aus den Ostsee-Anrainer-Staaten rekrutiert.

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Eine Lightshow, die jedem Popkonzert das Wasser reicht, sorgt für hypnotische Atmosphäre in der großen Industriehalle. Und – wie hier wohl zu erwarten war – gibt es keinen strengen Schwarzweiß-Look auf der Bühne. Aber die Verweigerung vor etablierten Konventionen des Klassikbetriebs erfolgt mit Stil: Die Outfits der Spieler, so farbenfroh und vielfältig sie anmuten, wurden den Orchestermitgliedern für die Waterworks-Tournee durch das estnische Modelabel Monton exklusiv auf den Leib geschneidert – man erhofft sich hier neue Synergieeffekte zwischen Musikkultur und hippem Lifestyle von heute.

Ob denn auch der musikalische Kern all dem entspricht, könnte spätestens jetzt in die Runde geworfen werden. Aber hier ist ein dickes Ausrufezeichen gerade gut genug! Wo andere mit der Verwässerung musikalischer Inhalte zu reinen Show-Events Hallen füllen, da sind Järvi und die Baltic Sea Philharmonic unbestechlich in dem, was sie sie tun und wollen.

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Los geht es mit Daniel Snyders verspielter Bearbeitung von Händels Wassermusik. Sehr geschickt werden die Passagen aus Händels Oratorien in neue, collagenhafte Bezüge gesetzt. Das alles wirkt viel zu verspielt und neoklassizistisch, ja in positivem Sinne unterhaltend, als dass hier von Dekonstruktion geredet werden könnte. Eine spritzige Ouvertüre, um auf Touren zu kommen, so soll es sein.

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Dann heißt es Bühne frei für das Schwerpunktthema dieses Abends – nämlich die repetitive, zugleich lyrische Musik von Philip Glass, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert. Järvi, der ja selbst sehr viel mit amerikanischen Orchestern gearbeitet hat, beweist mit dem hochmotivierten Baltic Sea Philharmonic einen tiefen Bezug zum amerikanischen Minimalismus. Das heißt vor allem, dass die pulsierende, synkopengesättigte, immer gleiche, aber sich doch ständig subtil wandelnde Rhythmik lebt, pulsiert und fließt. Auf fantastisches Timing und spektakulär präzise Artikulation kann Järvi mit diesem Orchester bauen.

Das macht, zusätzlich durch das Motto dieses Abends und die optische Verdichtung auf den „Trip“ gebracht, sämtliche Metaphern von fließendem Wasser, von Spiegelungen und Brechungen, von allen Zuständen eines strömenden Flusses intensiv nachfühlbar. Glass nutzt hier die charakteristischen Mollakkord-Brechungen, die sich abwandeln in kontrollierten Momenten Harmoniewechsel erfahren, dadurch auch auf manchmal erschütternde Weise das Stimmungsruder herum reißen.

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Zwei durchaus gegensätzliche Kompositionen widerspiegeln dieses gemeinsame Prinzip: Zärtliche Melancholie verbreitet das Violinkonzert im ersten Teil. Solist Mikhail Simonyan spielt seine Parts mit fragier Sensibilität. Sein Spiel geht im Streichersound des Orchesters hellhörig auf. Baltic Sea Philharmonic steht ja auch für ein Nehmen und Geben auf Augenhöhe - und eben nicht für aufgetürmte Hierarchien.

Im kolossalen Werk Aguas de Amazonas wird das Thema Wasser weniger impressionistisch, dafür umso emotionaler behandelt. Philip Glass teilt mit Kristjan Järvi eine spirituelle Haltung, wenn es um Schöpfung und Natur geht. Also durchströmt im langen zweiten Konzertteil das fließende Element in kontinuierlich wechselnden Zuständen, mal ruhig, mal donnernd und tosend, zuweilen zart funkelnd, dann wieder in emotionalen Kaskaden sämtliche Fantasieräume, welche an diesem Abend extrem weit gemacht worden sind.

Nach frenetischem Applaus ist die Energie noch längst nicht erschöpft. Einmal so nachhaltig in Fahrt gebracht, lässt das Orchester noch mal Händel folgen – diesmal den Eintritt der Königin von Saba und danach Charles Colemans, durchaus der Idiomatik eines Philip Glass nahestehendes Branded. Das reißt dann auch die Orchestermitglieder von den Stühlen, die stehend weiterspielen, während Järvi das Bad in der Menge sucht.

So viel Energie in einem Raum konzentriert, das hat in der Klassik immer noch Ausnahmecharakter. Mal sehen, wie es sich am 29. August in der Hamburger Elbphilharmonie verhält – dafür sind gerade noch wenige Restkarten zu haben




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Ausführende

Mikhail Simonyan, Violine

Baltic Sea Philharonic

Leitung: Kristjan Järvi


Werke

Georg Friedrich Händel/
Daniel Schnyder/
Charles Coleman:

Water Music

Philip Glass:
Violin Concerto Nr.2
The American Four Seasons

Aguas de Amazonia
(orchestrated by Charles Coleman)


Zugaben

Giya Kanchely:
To Gidon Kremer für Violine Solo

Andre Pushkarev:
Yellow Button für Violine Solo

Georg Friedrich Händel:
Einzug der Königin von Saba
aus Salomon

Charles Coleman:
Branded




Weitere Informationen:

Baltic Sea Philharmonic



Da capo al Fine

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