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Freitag, 13. Januar 2017, Elbphilharmonie Hamburg, Großer Saal


Elbphilharmonie Eröffnungsfestival

Arche


Oratorium von Jörg Widmann (Uraufführung)
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Elbphilharmonie Hamburg
(Homepage)
Kinder, lasst uns die Welt retten!

Von Stefan Schmöe / Fotos: Michael Zapf

Hier hat alles Bedeutung. Arche bezieht sich natürlich auf die äußere Form der Elbphilharmonie, die wie ein stolzes Schiff in die Elbe hinein ragt; die im Inneren wie in einem Schiffsbauch aufnimmt, was die Menschheit womöglich zum Überleben braucht, nämlich Kultur, und damit zur metaphysischen Arche wird: Das Sich-Behaupten der Kunst in widrigen Wettern. In gewisser Hinsicht schwingt da auch so etwas wie die Berufung auf göttlichen Auftrag mit – nicht die schlechteste Legitimation, um in Hamburgs neuem Kunst-Tempel zu spielen. Mit dem Kompositionsauftrag an Jörg Widmann zu einem großen, abendfüllenden Werk speziell für Hamburg und für dieses erste Konzert im neuen Saal stellen sich das sonst in der Oper beheimatete Philharmonische Staatsorchester und sein Chefdirigent Kent Nagano (selbst-)bewusst in die Traditionslinie der bürgerlichen Musikkultur der Stadt (gefördert durch die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius) und schaffen Neues – ein markiges Ausrufezeichen, nicht zuletzt gegenüber dem NDR Elbphilharmonie Orchester (dem eigentlichen Hausorchester) und dessen schneidigem Dirigenten Thomas Hengelbrock, dem die Eröffnung des Hauses überlassen war (unsere Rezension). Und Widmann spannt den ganz großen Bogen, vom „es werde Licht!“ der Schöpfungsgeschichte über die Sintflut zum dies irae der Totenmesse und dona nobis pacem der katholischen Liturgie. Es hat eben nicht nur alles Bedeutung, es geht auch um alles.

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Und was nimmt Widmann mit hinein in diese Arche? Zunächst ein Großaufgebot an Musikern, in jedem Moment des fast zwei Stunden (ohne Pause) langen Abends souverän geleitet von Kent Nagano. Das ausgezeichnete Philharmonische Staatsorchester mit allem Instrumentarium, das irgendwie symphonisch gespielt werden kann, und seien es Blasinstrumente ohne Mundstück für den geräuschhaften Beginn („es werde Licht“ ist, nahe liegend, in ein ein „es werde Klang“ umgedeutet). Den großartigen, gar nicht opernhaften, sondern bei aller Klangfülle ohne aufdringliches Vibrato schlank und differenziert singenden Chor der Staatsoper, unterstützt vom hauseigenen Kinderchor „Alsterspatzen“ und der Audi Jugendchorakademie, und es ist nach den ersten Eindrücken eine wahre Freude, in diesem Raum Chormusik zu hören. Die famos in höchsten Lagen durch die Partitur trillernde Sopranistin Marlies Petersen und den soliden Bariton Thomas E. Bauer, die gleichwohl den Verdacht aufwerfen, dass es die Akustik mit den Gesangssolisten unmittelbar neben dem Dirigenten nicht ganz so gut gemeint hat. Die unterbeschäftigte Hausorganistin Iveta Apkalna. Und dann noch drei Kinder, den Knabensopran Gabriel Böer, Solist des Knabenchores an der Chorakademie Dortmund als selbstbewusst leuchtend singendes Zeichen der Hoffnung, sowie Jonna Plate und Antonius Hentschel als pointiert sprechende Erzähler, schließlich ist die Geschichte von der Arche wie kaum eine andere biblische Geschichte immer wieder kindertauglich ausgelegt worden.

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Musikalisch möchte Widmann die halbe Musikgeschichte mit hineinnehmen, und so komponiert er sich vom Choral bis zur Moderne mal raffiniert anspielungsreich, mal arg direkt zitierend durch die europäische Musikkultur hindurch, unterlegt von Matthias Claudius, dem Hamburger Dichter, von Franz von Assisi und Brentano, aber auch vom schnoddrigen Klabund und vom Spötter Heine, denn in postmoderner Selbstironie wird die Hochkultur gleich subversiv in Frage gestellt. Kaum hat Gott es Licht werden lassen, schon steht Heines Fräulein sentimental seufzend am Meere im Anblick des untergehenden und gar nicht aufklärerischen Gestirns. Claudius wird als Choral von Bachs und Hugo Diestlers Gnaden vertont, „Der Mond ist aufgegangen“ behält seine vertraute Melodie, der Klavierliedkomponist Schubert eilt herbei, die Operette auch (da darf der ganze Chor mitschunkeln für alle, die es beim Hören nicht verstanden haben), und auf die natürlich mit viel krachendem Blech vertonte dies irae-Vision des jüngsten Gerichts, die hier ganz prächtig klingt (und ein bisschen Mozart, Berlioz, Verdi mit hinein nimmt), folgt als Antwort eine Passage aus einer frühen Fassung von Schillers Ode an die Freude: „Unser Schuldbuch sei vernichtet! Ausgesöhnt die ganze Welt!“ Beethoven hat das in seiner 9. Symphonie übergangen, wohl nicht ohne Grund, aber da hat er die Rechnung ohne Widmann gemacht. Der zitiert lang und breit Beethovens Chorphantasie op. 80 und unterlegt sie mit diesen Worten („Schmeichelnd hold und lieblich klingen / unsers Lebens Harmonien“ heißt es im Original), auf dass man Beethoven neu hören möge.

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Das alles hat Widmann, der sein Kompositionshandwerk versteht, furchtbar gut gemeint, bis hin zur „Kinder-an-die-Macht“-Attitüde des Finales, und im allgemeinen Uraufführungsjubel schwingt natürlich vieles vom Schillerschen Idealismus mit, vom magischen Moment der großen Verbrüderung in der Kunst, an dem alle Beteiligten, das Publikum eingeschlossen, teilhaben durften: Da ist die Elbphilharmonie eine bessere Welt mit Ausstrahlungskraft. Aber Widmanns Arche ist eben auch eine rosarote Bonbonnière, gefüllt mit grellem Kitsch nicht nur da, wo die Saalbeleuchtung die Lichtwerdung nachvollzieht, wo Kinder in Straßenkleidung uns bildungsbürgerliche Eltern im Anzug zur Verantwortung mahnen, wo die Bitte um Frieden im schlichten Kanon vertont ist, auf dass ein jeder innerlich mitsummen möge. Aber wie man das eigene Werk (und gleich die ganze Gattung „Oratorium“ dazu) weit weniger halbherzig selbstironisch aufs Korn nimmt, das könnte Widmann beim Komponisten-Kollegen Peter Eötvös erfragen, der das gemeinsam mit dem zu früh verstorbenen Péter Eszterházy im schrägen Oratorium Bambulum HALLELUJA bei den Salzburger Festsielen exerziert hat. Vom subversiven Witz dieser beiden Querdenker hat Widmann leider viel zu wenig in die Arche mitgenommen.




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Ausführende

Marlis Petersen, Sopran

Thomas E. Bauer, Bariton

Gabriel Böer, Solist des Knabenchores
der Chorakademie Dortmund

Antonius Hentschel, Jonna Plate, Kindererzähler

Iveta Apkalna, Orgel

Hamburger Alsterspatzen
Einstudierung: Jürgen Luhn

Audi Jugendchorakademie
Einstudierung: Martin Steidler

Chor der Hamburgischen Staatsoper
Einstudierung: Eberhard Friedrich

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Dirigent: Kent Nagano


Werke

Jörg Widmann:
Arche


Oratorium für Soli, Chor,
Orgel und Orchester (Uraufführung)

Auftragswerk des Philharmonischen
Staatsorchesters Hamburg




Weitere Informationen:

Elbphilharmonie

Philharmonisches
Staatsorchester
Hamburg




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