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LES ADIEUX

Abschiedskonzert von GMD und Operndirektor Werner Seitzer



Aufführung im Stadttheater Hildesheim des Theaters für Niedersachsen am 17. Juni 2017



Theater für Niedersachsen
(Homepage)

Abschied von einem Urgestein

Von Bernd Stopka / Fotos: Andreas Hartmann und T.Behind-Photographics

„Keine traurige Musik heute!“ Dabei wäre der Anlass durchaus gegeben, wenn sich der musikalische Motor eines Hauses nach 32 Jahren vom Publikum verabschiedet – und dazu auch noch ankündigt, dass er danach nicht wieder auf dem Podium und im Orchestergraben erscheinen wird. „Lassen Sie uns glücklich sein, dass wir eine gute Zeit miteinander hatten und nicht traurig, dass sie zu Ende ist“. Dementsprechend beginnt Werner Seitzer sein letztes Konzert in Hildesheim mit der Akademischen Festouvertüre von Johannes Brahms, die mit dem jubelnden Studentenlied „Gaudeamus igitur“ („Lasst und also fröhlich sein!“) endet.

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Das Hildesheimer Haus (© Andreas Hartmann)

Der scheidende Generalmusikdirektor und Operndirektor des Theaters für Niedersachsen (vor der Fusionierung mit den Landesbühnen Hannover in gleicher Funktion am Stadttheater Hildesheim) hat es sich mit dem Programm für sein Abschiedskonzert nicht leichtgemacht. Es gibt keine Aneinanderreihung von Schmankerln und Abschiedsliedern, sondern eine höchst lebendige Kombination von Musikstilen durch Zeiten und Räume. Und dazu erzählt er ein bisschen aus seiner Zeit in Hildesheim.
Sein erstes Konzert vor 32 Jahren war auch ein Sonderkonzert – damals zum Gedenken des 40. Jahrestages der Zerstörung Hildesheim. Den „Bürgerchor“, den er damals gründete, gibt es heute noch – es ist der Symphonische Chor Hildesheims.
Damals gab es auch noch keine Konzertreihe des reinen Opernorchesters, die hat erst Werner Seitzer ins Leben gerufen und im Laufe der Jahre auch eine Tradition geschaffen: Die Neujahrskonzerte sind Überraschungskonzerte. Programmhefte werden immer erst am Ende des Konzertes ausgeteilt (die sind in Hildesheim kostenlos!).
Seitzer erzählt informativ, lebendig, humorig, voller Elan, so dass man ihm den kommenden Ruhestand nicht glauben mag - ihn ihm aber von Herzen gönnt.  Man hört ihm gern zu und wenn er zwischen zwei Stücken im Abgehen sagt „jetzt kommt eine kleine Umbaupause, ich komme gleich wieder“ grinst der Schelm aus seinen Worten. Heute kommt er wieder auf die Bühne – aber nur noch heute. Für heute hat er daher auch nur den ersten Satz von Arvo Pärts Tabula rasa aufs Programm gesetzt „Der zweite Satz heißt Silentio – für mich ab morgen“. Zu diesem Stück gesellt sich Friedemann Seitzer am präparierten Klavier zu seinem Bruder Konradin Seitzer und dessen Ehefrau Katharina Weiß, die hier virtuos und leidenschaftlich die Violinen spielen, nachdem sie die Romanzen in F-Dur und G-Dur von Beethoven mit dem Orchester solistisch musiziert hatten. Diese Besetzung zeugt nicht nur von Familiensinn und -musikalität, sondern steht auch stellvertretend für so viele Nachwuchskünstler, Instrumentalisten und Sänger, denen Seitzer im Laufe der Jahrzehnte auf die Bühne, die Bühnen und zuweilen auch die Bühnen der Welt geholfen hat. Immer wieder konnte (und kann) man junge, hochengagierte Talente erleben –  von verdienten Sängern umrahmt. Sehr persönliche Akzente setzt Seitzer an diesem Abend mit einer Bebilderung der Enigma-Variationen von Edward Elgar, indem er zu jeder Variation das Portrait eines besonderen Menschen aus seinem Leben auf eine Leinwand projizieren lässt. Ohne Namen, nur mit Initialen. Das Programmheft gab es dann diesmal auch schon in der Pause, in der man die Namen und Zusammenhänge nachlesen konnte.

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Werner Seitzer (© T.Behind-Photographics)

Nach der Pause gab es dann doch einen ruhigen, etwas melancholischen, aber nicht traurigen Musikmoment mit der Szene mit Kranichen aus der Musik zu Kuolema von Jean Sibelius. Auch hier lieber etwas Außergewöhnliches als etwas Altbekanntes wie den Valse triste – „keine traurige Musik heute!“.
Der Komponist Wilfried Hiller ist Hildesheim und Seitzer besonders eng verbunden. Seine höchst eindrucksvolle Komposition Capella Sistina, für Fern-Quartett und (wandernden) Sopran, die an diesem Abend ihre weltweit zweite Aufführung erlebte, kann man als typisch für die Ära Seitzer bezeichnen, in der er seinem Publikum musikalisch und gerade auch auf der Opernbühne immer wieder Außergewöhnliches und im ersten Moment für manchen Gewöhnungsbedürftiges präsentierte. Henzes Der kleine Lord, Hindemiths Cardillac, die Gespräche der Karmeliterinnen (siehe auch unsere Rezension) und zuletzt Busonis Doktor Faust (siehe auch unsere Rezension) - um nur einige zu nennen - waren für viele im Publikum eine Entdeckung - aber nie eine Zumutung. Weder musikalisch noch von den Inszenierungen her. Wann immer man von krummen Inszenierungen, überzogenen Eitelkeiten und szenischen Selbstverwirklichungen im unguten Sinne die Nase voll hatte, konnte man nach Hildesheim fahren und sich vergewissern, dass es doch noch einen Gott gibt. Einen, der die Musik und das Theater liebt und dafür seine Leute auf Erden hat.

Verschmitzt und mit einer Mischung aus Bescheidenheit und praktischem Denken hat Werner Seitzer dem Intendanten des TfN gerade mal eine Umbaupause als Zeitraum für eine Würdigung eingeräumt. Jörg Gade bescheinigte ihm unter anderem „missionarischen Bildungseifer“ und „eine Mischung aus Schlitzohrigkeit und schwäbischer Sparsamkeit“ und beschrieb ihn als „Fels in der Brandung“, in den oft auch schwierigen Zeiten. Werner Seitzer verabschiedete sich sprechend mit den Schlussworten aus Bruno Walters Autobiographie, der bei seinem Abschied ebenso wie er mehr Grund zur Dankbarkeit als zur Trauer sah und beschreibt, dass er Kraft aus der Familie, den kleinen Freuden des Alltags - und der Musik schöpfen konnte.

Es hat etwas tief Bewegendes, wenn sich ein Musiker mit einem Te deum verabschiedet, Lob und Dank schwangen nicht nur im Lobpreis Gottes, sondern auch zwischen Musikern, Dirigenten und Publikum mit. Das Solistenquartett in Bruckners Komposition war mit Isabell Bringmann, Neele Kramer, Jan Kristof Schliep und Johannes von Duisburg nicht nur bestens, sondern auch mit ganz besonderen Weggefährten besetzt. Der Opernchor, der Symphonische Chor und der Kinder- und Jugendchor des TfN sangen ihren Part homogen und anrührend.  Die letzten Worte des Te Deums auch die letzten Worte sein zu lassen, die an diesem Abschiedsabend erklingen, hat Stil und zeugt von Demut: „In te, Domine, speravi: non confundar in aeternum“ (Auf Dich hab ich vertraut, o Herr: lass mich nicht zu Schanden werden ewiglich).

Das Publikum dankte herzlich und auch melancholisch mit nicht enden wollenden stehenden Ovationen einem der letzten Vertreter einer aussterbenden Spezies von theaterväterlichen hochmusikalischen Urgesteinen.


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Ausführende

Musikalische Leitung
Werner Seitzer

Chor
Achim Falkenhausen

 

Opernchor und des TfN

Der Symphonische Chor

Kinder- und Jugendchor des TfN

Orchester des TfN

 

Solisten

Katharina Weiß, Violine

Konradin Seitzer, Violine

Friedemann Seitzer, Klavier

Fern-Quartett:
Katharina Weiß, Violine
Konradin Seitzer, Violine
Oleg Zubarev, Viola
Rainer Perisch, Cello

Antonia Radneva, Sopran

Isabell Bringmann, Sopran

Neele Kramer, Alt

Jan-Kristof Schliep, Tenor

Johannes von Duisburg, Bass


Weitere
Informationen

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Theater für Niedersachsen
(Homepage)



Da capo al Fine

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