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next!

Aris Quartett

Aufführungsdauer: 2h

25. Februar 2017, Scharoun-Aula der Musikschule Marl
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Kammerkonzerte in Marl
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Perfektion von der ersten Sekunde an

Text und Fotos von Stefan Pieper

Ein betont weltoffener Geist sorgte in den 1960er Jahren dafür, dass in der Stadt Marl am nördlichen Rand des Ruhrgebiets viele architektonische Visionen wahr wurden – unter anderem schuf der Architekt Hans Scharoun einen hochfunktionalen Konzertsaal, der akustisch an das Konzept der Berliner Philharmonie angelegt ist. Die Bespielung durch Konzertereignisse mit überregionaler Ausstrahlung ist hier längst überfällig. Für das aktuelle Konzert im Rahmen der Konzertreihe „next!“ hat auch der WDR diesen Ort für gelungene Konzertaufnahmen entdeckt. Und da wurde jetzt der Auftritt eines der hoffnungsvollsten jungen Ensembles seiner Art für eine spätere Ausstrahlung mitgeschnitten.

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Dem Aris-Streichquartett eilt ohnehin ein hervorragender Ruf voraus. Es positionierte sich beim ARD-Wettbewerb, und auch die vorliegenden CD-Einspielungen ernteten hervorragende Kritiken. Alle Erwartungen wurden durch das intensive Live-Erlebnis in Marls Scharoun-Aula noch einmal eindrücklich überhöht. Was die jungen Musikerinnen und Musiker aus Frankfurt boten, das war Perfektion von der ersten Sekunde an. Oder sogar mehr als das, wenn nämlich auch schwierigste Musik direkt und plausibel erfahrbar wurde, dass es fast schon wieder eingängig anmutet. Lupenreine Intonation, eine perfekte Balance der Stimmen, eine hellwache Kommunikation – so etwas ist für diese vier in Frankfurt ansässigen Musiker, alle gerade Ende 20, selbstverständlich. Ebenso, dass Anna Katharina Wildermuth (Violine), Noémi Zipperling (Violine), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Violoncello) absolute Konsequenz bei der Ausgestaltung auch das kleinsten Details walten lassen.

Nichts geht davon verloren in diesem Hör-Raum, wo die Musik nicht weit weg stattfindet, sondern jedes Klangereignis unmittelbar im Raum steht. Nach eigenem Bekunden mussten sich die Musiker selbst erst einmal auf diese Bedingungen einstellen. Davon ahnt das Publikum aber nichts. Dieses darf hautnah miterleben, wie musikalische Charaktere interagieren. Viel treibender Enthusiasmus geht von Anna Katharina Wildermuth, der ersten Geigerin aus. Sie wird ihrer Führungsrolle bestens gerecht. Als tiefer Gegenpol agiert Cellist Lukas Sieber – oft mit ganzem Körpereinsatz. Dazwischen loten Noémi Zippering und Caspar Vinzens, Viola alle Zwischentöne und Nuancen in jedem Moment aufs äußerste aus. All dies zusammen macht einen sehr direkten Weg frei, um in sämtliche Tiefendimension der Musik einzudringen.

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Davon bieten alle drei Werke dieses Abends extrem viel – eben weil es sich in allen drei Fällen um Spätwerke handelt? Den tiefernsten Gestus von Haydns Streichquartett g-Moll modifiziert das Aris-Quartett ein wenig. Mit betont raschen Tempi erwächst aus der ganzen Hintergründigkeit ein mitreißender Fluss, der immer wieder Momente voller elektrisierende Hochspannung freisetzt. Diese türmt sich dann in Bartoks fünftem Streichquartett umso mehr auf. Da werden zerklüftete Strukturen durchdrungen, ja durchstürmt, lassen motivische Duelle zwischen einzelnen Stimmen die Luft brennen und vereinen sich nicht selten alle vier Spieler in dissonanten kontrapunktischen Linien zum kolossalen Ganzen. So komplex all dies gebaut ist, so wirkt es in der Lesart vom Aris-Quartett nie erdrückend – sondern immer logisch, transparent und leicht. Im Adagio wird der Druck zurückgenommen - das macht den Weg für einen faszinierend fragilen Klangkosmos frei.

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Beethovens letztes cis-Moll-Streichquartett ist ein nicht minder ambitioniertes Unterfangen, aber in seiner Wirkung fast gegenteilig. Hier vereinen sich sieben Sätze zum tiefgründigen inneren Monolog, der nie endet. Diese Assoziation lässt jedenfalls die Lesart des Aris-Quartetts aufkommen. Geschmeidig modellieren die vier Streicher eine gemeinsame, atmende Linie, der aus Beethovens faszinierend vielgestaltigem Ideenfluss erwächst. Eine ausgesprochen innige Melodik ist das tragende Elemente, während die fantasievollen Klangeffekte schon wieder in Richtung Moderne weisen.

Kann man sich überhaupt konsequenter und hellhöriger in diese ganzen Herausforderungen stürzen, als hier durch das Aris Quartett geschehen? Man wird auch künftig mit diesem Ausnahmeensemble rechnen müssen. Und wollte mehr davon hören – und es gab noch mehr nach dem langanhaltenden Applaus in der Scharoun-Aula: Ein grandios zum Leuchten gebrachter Satz aus Dvoraks Amerikanischen Streichquartett war in diesem Moment doch viel mehr als „nur“ ein typisches Zugabenstück.




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Auch die weiteren Konzerttermine lohnen die Anreise nach Marl:

Am 25.3.2017 konzertieren im Theater der Stadt Marl herausragende Preisträger der Bundeswettbewerbs jugend musiziert mit den Bergischen Sinfonikern. Da in diesem Jahr das 50. Bestehen der Konzertreihe Marler Debut gefeiert wird, folgt am 17. Juni ein Galakonzert mit der Klarinettistin Sabine Meyer, die ebenfalls Jahrzehnte früher als Bundespreisträgerin beim Marler Debut auf der Bühne stand.


Ausführende

Aris Quartett

Anna Katharina Wildermuth, Violine
Noémi Zipperling, Violine
Caspar Vinzens, Viola
Lukas Sieber, Violoncello


Werke

Josef Haydn :
Streichquartett in g-Moll op.74/3
Reiterquartett

Bela Bartók:
Streichquartett Nr. 5 Sz.102

Ludwig van Beethoven :
Streichquartett Nr. 14 cis-Moll op.131

Zugabe:
Antonin Dvorak : Streichquartett F-Dur op.96
Finale Vivace ma non troppo



Weitere Informationen:

Aris Quartett

Kammerkonzerte in Marl



Da capo al Fine

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