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Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam
Leitung: Franz Welser-Möst


Werke von Ludwig van Beethoven und Jörg Widmann

16. März 2018 im Concertgebouw Amsterdam



Concertgebouw Amsterdam
(Homepage)

Kampf, Chaos und Erlösung

Von Christoph Wurzel

Musik des Sich-Durchringens, des Kampfes um ein Ideal - Beethovens Fünfter Symphonie ist es eingeschrieben, vom unerbittlich pochenden c-Moll-Motiv der berühmten ersten Takte durch das ganze Werk hindurch bis zum triumphalen C-Dur-Finale: durch Nacht zum Licht, so die gängige Beschreibung. Das Concertgebouw-Orchester führte unter der Leitung von Franz Welser-Möst am Schluss seines Märzkonzerts diese Werkdramaturgie mustergültig vor. Der Gedanke durchzog aber leitmotivisch auch die beiden übrigen Werke des Abends.

So ließe sich das mittlere Werk dieses Konzertprogramms  unter ähnlichen Merkmalen fassen. Im Auftrag unter anderem des  Concertgebouw-Orchesters hat Jörg Widmann die opulent ausladende Musik seiner 2014 in München uraufgeführten dreieinhalbstündigen Oper Babylon zu einer Suite verarbeitet, in der er den Kern der Konfliktdramatik des Opernstoffs auf gut eine halbe Stunde für den Konzertsaal destillierte. Es geht auch hier um einen Kampf existenziellen Ausmaßes, einen Kampf um die Herstellung einer neuen Ordnung gegen das Chaos in mythologischer Zeit, versinnbildlicht durch die Figur eines jüdischen Fremdlings im babylonischen Exil im Konflikt zwischen zwei Frauen und zwei Liebes-Prinzipien. Wie in der Oper bietet der Komponist auch für seine Suite einen maximalen Orchesterapparat auf. Die ohnehin schon reichlich bestückte übliche sinfonische Besetzung ergänzt er u. a. mit  Akkordeon, Celesta, Klavier und wohl mehr als einem Dutzend unterschiedlichster Schlag- und Geräuschinstrumenten.

Zum Markenzeichen Widmanns besonders in den großformatigen Werken ist ein Stilpluralismus geworden, von anderen als Eklektizismus abgetan, den er aber überaus wirkungsvoll einzusetzen versteht. Nicht ohne Grund zählt er momentan zu den gefragtesten und erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart. Von der Eröffnung der Elbphilharmonie bis zum Gewandhausjubiläum - kaum ein größeres Ereignis ohne eine Urauffühung von ihm. Konstruktivistisch schreibt Widmann bekannte, gewohnte Klangchiffren weiter oder deutet sie neu. Das macht seine Musik semantisch fasslich und sinnlich zugleich. Das Concertgebouw-Orchester entfesselte die gesamte Kraft der Musik mit extremer Intensität und ließ die immanenten Bilder mit faszinierender Wirkung zum Klang werden. Zart und lyrisch, seelenvoll atmend beginnt das Akkordeon, doch sofort geht die Musik in disparate Klänge des Chaos über - im Flageolett jaulende Geigen, metallisch hartes, kaltes Schlagwerk, sirenenhaftes Geheul der Bläser. Ab- und Anschwellen des ganzen Orchesters suggeriert eine ungeheure Flut, sirenenhaft singt die schmachtend süßliche Solovioline von erotischer Anziehung. Milde, sphärische Klänge des Vibraphons, der Celesta oder nur hauchender Holzbläser sorgen  für kurze Phasen der Entspannung. Zu einer orgiastischen Karnevalsszene verzerrt Widmann Zitate von Märschen, Bauerntänzen und Schlagern unter dem Juchei der Instrumentalisten ins absurd Groteske, bis die Klangeruptionen wieder in sich zusammenfallen. Phasen dramatischen Geschehens wechseln in hartem Schnitt mit klanglichen Ruhepolen. Matte, fahle Klangflächen vermittelt das Klagen der Juden an den Ufern des Euphrat. In enormer Steigerung treibt in mächtiger Breitklangfläche das ganze Orchester gleichmäßig voranschreitend und melodisch traditionell dem verklärenden Finale entgegen. Nach übermächtigem Chaos, harter, bis an erträgliche Grenzen gehende Atonalität fügt sich Widmann am Schluss der Tradition einer Schlussapotheose: versöhnlich und mit frenetischem Jubel des ganzen Saales belohnt.

Flankiert wurde Widmanns Babylon-Musik in diesem Konzertprogramm von zwei Werken Beethovens, seiner Fünften  abschließend und einleitend von der Großen Fuge op. 133, ursprünglich gedacht als Schlusssatz des B-Dur-Streichquartetts op. 130, dann aber als Quartettsatz isoliert publiziert und auch immer wieder für Streichorchester bearbeitet, wie für diese Aufführung vom Dirigenten Franz Welser-Möst selbst. Einen „Schrei des Subjekts aus dem Dickicht des kontrapunktischen 'Urwalds'“ nennt Martin Geck in seinem neuen Beethoven-Buch dieses Werk, es sei Beethovens radikalster Schritt zur Subjektivität des Künstlers gegen die Macht des Überlieferten. Sich an der Fugenform abarbeitend habe Beethoven mit diesem zwanzigminütigen Werk gleichsam das Gegenteil einer nach den Regeln der alten Meister geformten Fuge geschrieben, sondern dem thematischen Material in kompromissloser Willkür seinen gestalterischen Willen aufgezwungen. Und so verstörend, vielleicht sogar schockierend wirkte es zu Beginn dieses Konzerts in der Interpretation durch Welser-Möst und dem Concertgebouw-Orchester. Nach der kurzen Overtura, in der das thematische Material unisono vorgestellt wird, klang die folgende Allegro-Durchführung der Fuga in extrem scharfen Streicherfarben, die sich im Allegro con brio zu aggressivem Fortissimo steigerten. Drei „meno mosso e moderato“ - Abschnitte waren nur scheinbare Ruhephasen zwischen den sich immer vehementer steigernden Allegro- und Allegro con brio-Abschnitten, in denen die Unerbittlichkeit der Bearbeitung des musikalischen Materials einen Ausdruck des Qualvollen gewann. Mit unerbittlicher Konsequenz und in strengster Disziplin exerzierte das Orchester gleichsam dieses singuläre Werk.

Nach derart schroffem Ernst und wirbelndem Babylon-Chaos wirkte Beethovens Fünfte in ihrer formalen Klarheit gleichsam wie eine Erholung. Die Interpretation bestach zudem durch eine zwingende  Binnenspannung der einzelnen Sätze. Immer wieder gelangen atemberaubende Steigerungen, die Übergänge wurden zu Inseln des Atemholens wie das ungemein klangschön geblasene Oboensolo vor der Reprise im 1. Satz. Wirklich „dolce“ und wunderbar cantabel gelang den tiefen Streichern der Beginn des Andante-Satzes. Spannungsvoll dann der Übergang im dreifachen Piano zum Finalsatz, der in grandiosem Crescendo triumphal ins sieghafte Schluss-Presto mündete.

FAZIT

Ein außergewöhnliches Erlebnis brillanter Orchesterkunst und ein Konzert von seltener Faszinationskraft



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Ausführende

Royal Concertgebouw Orchestra
Amsterdam

Leitung: Franz Welser-Möst

 

Werke

Ludwig van Beethoven
Große Fuge B-Dur op. 133
Fassung für Streichorchester
von Franz Welser-Möst

Jörg Widmann
Babylon-Suite
(Niederländische Erstaufführung)

Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 67


 


Weitere Informationen
erhalten Sie von der

Concertgebouw Amsterdam
(Homepage)



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