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Serse

Oper in drei Akten (HWV 40)
Libretto
nach Nicolò Minato und Silvio Stampiglia
Musik von Georg Friedrich Händel

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 10' (eine Pause)

Konzertante Aufführung am Freitag, 9. November 2018, 20.00 Uhr
Alfried Krupp Saal in der Philharmonie Essen

 



Philharmonie Essen
(Homepage)

Barockfeuerwerk bei Kerzenschein

Von Thomas Molke

Obwohl Händels drittletzte Oper Serse wegen ihres großen Misserfolgs bereits nach fünf Vorstellungen abgesetzt wurde und erst 1924, also fast 200 Jahre später, bei den Händel-Festspielen in Göttingen wiederentdeckt wurde, gilt sie mittlerweile neben Giulio Cesare in Egitto zu den meistgespielten Bühnenwerken des Hallenser Komponisten, was nicht allein der berühmten Auftrittsarie der Titelfigur, "Ombra mai fù", zu verdanken sein dürfte, in der Xerxes seine Liebe zu einer Platane besingt und die als "Largo" bereits kurz nach der Uraufführung einen Siegeszug durch Europa antrat. Auch die oft einteiligen Arien, bei denen Händel auf langatmige Da-capo-Formen verzichtet, um als Reaktion auf den Siegeszug der Beggar's Opera von Gay und Pepusch eine Erneuerung der Opera seria einzuleiten und den sinkenden Erfolg der Gattung zu stoppen, mögen zum großen Erfolg dieses unkonventionellen Werkes mit den zahlreichen parodistischen Zügen in der heutigen Zeit beitragen. Dass die Oper nun in der Philharmonie Essen im Rahmen der beiden Reihen "Alte Musik bei Kerzenschein" und "Große Stimmen" zeitgleich mit der Wiederentdeckung von Alessandro Stradellas Amare e fingere bei den Tagen Alter Musik im nahe gelegenen Herne präsentiert wird, dürfte für einige Barockfans sehr bedauerlich sein. Der berühmte Countertenor Franco Fagioli, der auf seiner europäischen Konzerttournee mit Il Pomo d'Oro unter der Leitung von Maxim Emelyanychev mit einem hochkarätigen Solisten-Ensemble Händels Oper präsentiert, ist allerdings auch bei derartiger Konkurrenz Garant für einen sehr gut besuchten Konzertsaal.

Die Handlung spielt im Jahr 480 v. Chr., als der persische König Xerxes (Serse) mit seinem Heer am Hellespont eine Brücke aus miteinander verbundenen Kriegsschiffen baute, um nach Griechenland überzusetzen. Das Libretto übernimmt aus der bei Herodot überlieferten Historie eigentlich nur die Episode, in der der König eine Platane wegen ihrer Schönheit mit goldenem Schmuck behängt. Ansonsten konzentriert sich die Oper auf die in der Opera seria typischen Liebesverwicklungen. Serse verliebt sich in Romilda, die Geliebte seines Bruders Arsamene. Atalanta, Romildas Schwester, hofft dadurch, Arsamene für sich zu gewinnen. Da Arsamene allerdings nicht von Romilda lassen will, schickt Serse ihn ins Exil. Amastre, Serses Braut, ist ihrem untreuen Geliebten heimlich gefolgt und hat sich als Soldat verkleidet, um unerkannt zu bleiben. Da Atalanta Serse überzeugen kann, dass Arsamene eigentlich sie und nicht Romilda liebt, beschließt Serse seinen Bruder zu begnadigen. Romildas Vater Ariodate missversteht den König, als dieser um die Hand seiner Tochter für einen Mann königlichen Geblüts anhält, und glaubt, dass Serse damit seinen Bruder meint. Folglich verheiratet er Arsamene mit Romilda. Als Serse daraufhin Romilda töten lassen will, stellt sich Amastre dazwischen, führt Serse seine Treulosigkeit vor Augen und will Rache nehmen. Doch Serse bereut sein Verhalten und bittet alle um Verzeihung.

Dass den Solisten an einer szenischen Umsetzung gelegen ist, auch wenn sie teilweise mit Textbüchern auftreten, wird direkt zu Beginn deutlich, wenn sie alle gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Maxim Emelyanychev auf die Bühne kommen und sie direkt nach dem Begrüßungsapplaus wieder für die Ouvertüre verlassen. Danach treten sie immer nur in ihren Szenen auf und nutzen für ihr Spiel die komplette Bühne. So schleichen sich beispielsweise Arsamene (Vivica Genaux) und ihr Diener Elviro (Biagio Pizzuti) nach dem Abgang des Königs (Franco Fagioli) heran, um unter Romildas (Inga Kalna) Fenster den sanften Klängen ihrer Stimme zu lauschen. Ein Teil des Orchesters verlässt für diese Szene auch die Bühne, so dass die Musik und Romildas Stimme aus dem Off ertönen. Später verstecken sich die beiden vor dem König hinter dem Orchester, und Arsamene hält sich das Textbuch vor das Gesicht, um unerkannt von der Bühne zu entkommen. Wenn Elviro Arsamenes Geliebter Romilda heimlich einen Liebesbrief überbringen soll, verkleidet sich Pizzuti mit einem Kopftuch als Blumenverkäufer und verteilt im Orchester mit näselnder Stimme Blumen.

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Franco Fagioli (© Igor Studio)

Musikalisch lässt der Abend keine Wünsche offen. An erster Stelle ist hier natürlich Franco Fagioli zu nennen, der mit seiner wandelbaren Stimme die zahlreichen Stimmungsschwankungen der Titelfigur großartig auslotet. So begeistert er in seiner berühmten Auftrittsarie "Ombra mai fù", in der er seine Liebe zu einer Platane besingt, mit verträumten und weichen Tönen und glänzt in seiner großen Arie am Ende des ersten Aktes, "Più che penso alle fiamme del core", wenn Serse seine neu entfachte Liebe zu Romilda besingt, mit halsbrecherischen Koloraturen, die sich regelrecht spielerisch durch verschiedene Oktaven bewegen. Hier wird Fagiolis großartige Kunst deutlich, von den höchsten sauber angesetzten Spitzentönen ohne jegliche Brüche in eine beinahe schon baritonale Tiefen hinabzugleiten. Einen weiteren musikalischen Höhepunkt stellt seine große Arie im dritten Akt, "Crude Furie degl' orridi abissi", dar, wenn er sich von allen betrogen fühlt und die Furien herbeiruft, um an Arsamene und Romilda Rache zu nehmen. Hier lässt Fagioli mit makellosen Koloraturen regelrecht die Funken sprühen und schwingt sich erneut von voluminösen Tiefen zu dramatischen Höhen empor. Auch darstellerisch nimmt man Fagioli den wankelmütigen König mit exaltiertem Spiel in jedem Moment ab. Dabei versprüht er auch große Komik, wenn er zunächst nicht begreift, wieso Romildas Vater Ariodate seine Anweisung missverstanden hat, oder wenn er genervt ist, dass die als Soldat verkleidete Amastre stets in den für ihn unpassendsten Momenten erscheint.

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Vivica Genaux (© Ribalta-Luce-Studio)

Vivica Genaux zeichnet stimmlich und darstellerisch mit samtig weichem Mezzosopran Serses Bruder Arsamene als einen passenden Gegenpart. Mit großem Pathos präsentiert sie die schmachtende Verliebtheit des jungen Mannes zu Romilda und beklagt nahezu herzzerreißend mit sauber gesetzten Spitzentönen sein Liebesleid. Dass Arsamene auch richtig zornig werden kann, beweist Genaux in der großen Arie "Amor, tiranno Amor" im dritten Akt, in der Arsamene seine Geliebte Romilda verloren glaubt und die Liebe verflucht. Hier lässt Genaux in halsbrecherischen Koloraturen mit großer Dramatik Arsamenes Wut freien Lauf. Inga Kalna überzeugt mit rundem Sopran als von den Männern begehrte Romilda. In der Mittellage verfügt ihre Stimme über beinahe schon dramatisches Volumen, das für die liebliche Partie ein wenig zu viel ist. Die Spitzentöne gestaltet sie allerdings mit einer zarten Zerbrechlichkeit, die dem weichen Charakter der Figur eher gerecht wird. Ihr Sopran harmoniert wunderbar mit Genaux' Mezzo. Francesca Aspromonte setzt mit kokettem Spiel und leuchtendem Sopran Romildas intrigante Schwester glaubhaft in Szene. Einen Höhepunkt stellt ihre Arie "Un cenno leggiadretto" am Ende des ersten Aktes dar, wenn sie einen Plan schmiedet, wie sie Arsamene für sich gewinnen kann. Bei den perlenden Koloraturen liefert sie sich nicht nur einen Schlagabtausch mit der ersten Geige, sondern auch mit Emelyanychev am Cembalo, so dass sie bei aller Hinterlist einen beinahe schon komödiantischen Charme versprüht. Man kann sich sicher sein, dass sie, auch wenn sie am Ende leer ausgeht, eine andere gute Partie machen wird.

Biagio Pizzuti sorgt als Diener Elviro mit kräftigem Bariton und witzigem Spiel für zahlreiche komische Momente. Da reicht es schon, wenn er nur für einen kurzen Satz durch die Tür in den Saal hineinblickt und Arsamene von seiner Schwärmerei für Romilda abrät. Großartig gestaltet er die Szene, in der er als getarnter Blumenverkäufer Romilda Arsamenes Brief übergeben soll, der dann allerdings bei Atalanta landet, wobei er in seiner Geschwätzigkeit auch noch die als Soldat getarnte Amastre einweiht. Marianna Pizzolato stattet die verschmähte Geliebte Amastre mit dunkel-timbriertem Mezzosopran aus und punktet durch bewegliche Koloraturen. Auch wenn man inhaltlich nicht ganz nachvollziehen kann, was Amastre eigentlich an dem König findet, gelingt es Pizzolato, in ihrer bewegenden Arie mit flexibler Stimmführung Amastres verletzte Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Wenn es am Ende zur inhaltlich etwas unglaubwürdigen Versöhnung zwischen ihr und Serse kommt, finden Pizzolatos Mezzo und Fagiolis Countertenor zu einer bewegenden Innigkeit. Andreas Wolf rundet mit markantem Bariton als Romildas und Atalantas Vater Ariodate das Solisten-Ensemble hervorragend ab. Maxim Emelyanychev führt das Ensemble Il Pomo d'Oro mit zielstrebiger Hand durch die Vielschichtigkeit der barocken Partitur und gibt auch den Solisten vom Cembalo aus die Einsätze mit einer Expressivität, die stellenweise an Teodor Currentzis erinnert. So gibt es am Ende großen und verdienten Jubel für alle Beteiligten.

FAZIT

Das hochkarätige Ensemble lässt mit großer Spielfreude die konzertante Aufführung auch zu einem szenischen Erlebnis werden.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung und Cembalo
Maxim Emelyanychev

Il Pomo d'Oro


Solistin

Serse
Franco Fagioli

Atalanta
Francesca Aspromonte

Romilda
Inga Kalna

Arsamene
Vivica Genaux

Amastre
Marianna Pizzolato

Elviro
Biagio Pizzuti

Ariodate
Andreas Wolf

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von der

Philharmonie Essen
(Homepage)



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