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Konzertreihe "Barock bei Kerzenschein"

J. S. Bach:
Messe in h-Moll BWV 232



9. März 2019, Saalbau Essen, Alfried Krupp Saal
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Philharmonie Essen
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Wo so musiziert wird, muss ein Gott ganz nahe sein

Von Stefan Schmöe

Es ist der Moment des Sterbens. In den letzten Takten des Crucifixus verlischt die Musik, steigt immer tiefer herab wie ins Grab (" passus et sepultus est" - " hat für uns gelitten und ist begraben"), kommt zum Stillstand. Es passiert aber noch mehr in dieser denkwürdigen Aufführung mit dem französischen Ensemble Pygmalion: Es entsteht in den letzten beiden Takten plötzlich ein neuer Klang, eine zusätzliche Resonanz in den Mittelstimmen, wie eine Aura. Das Sterben Christi wird gleichermaßen das Sterben des einzelnen Menschen oder vielleicht der ganzen Menschheit. Und wenn Bach einen Augenblick später im strahlendsten D-Dur die Auferstehung feiert, dann liegt in diesen wenigen Sekunden Musik die existenziellen Fragen offen, die uns seit Beginn der Welt umtreiben, und wer nach dem Sinn von Kunst - oder auch dem Sinn des Seins an sich - fragt, dem müsste man diese paar Sekunden vorspielen, die mehr beinhalten als ganze Bibliotheken.

2006 hat Raphaël Pichon, Jahrgang 1984, das Ensemble Pygmalion (das aus Chor und Orchester besteht) gegründet, und wenn der charismatische Dirigent das Podium betritt, dann ahnt man, dass dies kein "normales" Konzert werden soll: Kein Frack, statt dessen weißes Hemd (keine Krawatte oder Fliege), die Ärmel hochgekrempelt - ein junger Wilder mit bubenhaften Charme, der geradezu vibriert vor Energie. Das Orchester spielt auf historischen Instrumenten, mit wunderbar weichen Holzflöten und Barockoboen. Gleichwohl geht es Pichon nicht um einen "historischen" Klang. So wie hier wird die h-Moll-Messe zu Bachs Zeiten sicher nicht geklungen haben, schon weil Bach von einer derart grandiosen Chorbesetzung wohl nur träumen konnte. Mit je sechs Sänger(inne)n in jeder der fünf Stimmen ist die Besetzung vergleichsweise üppig, mit vier männlichen Alti und zwei Frauen erklingt die Altstimme dabei mit reizvollem Mischklang. Mitunter darf sogar ein bisschen Vibrato mitschwingen, und die Intonation kann so genau eingestellt werden, dass plötzlich sehr obertonreiche flirrende Klänge entstehen, dann wieder (wie im bereits erwähnten Schluss des Crucifixusein satter Ton in tiefer Lage. Und Pichon tariert sehr genau aus, welche Stimme gerade im Vordergrund steht.

Die historische (oder historisch informierte) Aufführungspraxis ist die eine Seite, ein markantes Espressivo die andere. Die mystischen vier Einleitungstakte des Kyrie, mit denen die Messe beginnt, dirigiert Pichon extrem breit und sehr dicht, mit großem Nachdruck in den drei aufsteigenden Auftaktachteln der Soprane zum zweiten und zum dritten Takt. Dabei sucht Pichon sonst keineswegs die Extreme; die Trompeten sind bei allem strahlenden Glanz immer in den Gesamtklang eingebunden. Aber ein reiner Sachwalter der Musik ist er nicht, zeigt vielmehr eine ganz eigene Handschrift. In der Bass-Arie Et in spiritum sanctam, im wiegenden Sechsachteltakt von den fröhlich trillernden Oboen umspielt, bekommt das Bekenntnis zur katholischen Kirche, das der Protestant Bach hier komponiert hat, einen geradezu heiteren Charakter: Da scheint, anders als in vielen gestrengen Bach-Interpretationen, die Utopie von einer fröhlichen Kirche auf (Manuel Walser singt liedhaft leicht). Das folgende Confiteor entwickelt enorme Spannung, die sich in der Hoffnung auf die Auferstehung entlädt ("et expecto resurrectionem mortuorum"). Bei Pichon hat das durchaus dramatische Qualität: Hier wird eine Geschichte erzählt, und zwar eine ziemlich aufregende.

In der Arie Benedictus, qui venit in nomine domini ("Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn") umschmeichelt die Flöte (fabelhaft: Georgia Brown) den Tenor (unangestrengt beweglich: Emiliano Gonzales Toro) mit exotisch verführerischen Klängen, wie man sie sich auch bei Aida vorstellen könnte: So sexy klingt Bach ganz selten. Die Bassarie "Quoniam tu solus sanctus" mit konzertierendem Horn, von dem man meist denkt, hier habe Bach das menschliche Scheitern vertonen wollen, wird von Hornistin Annette Scott auf einem ventillosen Horn mit derart stupender Leichtigkeit gespielt, als handele es sich um die einfachste Sache der Welt. Es gibt viel zu staunen in dieser Aufführung.

Joanne Lund muss aufpassen, dass sie mit ihrem warm leuchtenden Sopran nicht in ein unangemessenes Vibrato verfällt, dem sie sich immerhin hier und da annähern darf - der Purismus früherer Alte-Musik-Jahre ist passé; Lea Desandre mit ganz leicht eingedunkeltem Timbre ist ein koketter zweiter Sopran; Lucie Richardots attraktiver, trompetenhafter Alt sprengt schon mal das Klangbild. Chor und Orchester sind durchweg ausgezeichnet. So kann Raphaël Pichon im abschließenden "Dona nobis pacem" (und schon zuvor im notengleichen "Gratias agimus tibi") aus schwarzer Nacht ungemein plastisch die Sonne aufsteigen lassen zur allerstrahlendsten Glückseligkeit.




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Ausführende

Sopran
Joanne Lunn

Sopran 2
Lea Desandre

Alt
Lucile Richardot

Tenor
Emiliano Gonzales Toro

Bass
Manuel Walser

Ensemble Pygmalion

Leitung: Raphaël Pichon



Weitere Informationen:

Philharmonie Essen



Da capo al Fine

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