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Cecilia Bartoli
Farinelli and his Time

Musik von Antonio Caldara, Geminiano Giacomelli, Georg Friedrich Händel, Johann Adolf Hasse,
Johann Friedrich Fasch, Johann Joachim Quantz, Leonardo Leo, Leonardo Vinci und Nicola Porpora

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Mittwoch, 27. November 2019, 20.00 Uhr
Alfried Krupp Saal in der Philharmonie Essen

 



Philharmonie Essen
(Homepage)

Die Leidenschaft der Musik

Von Thomas Molke / Foto: Hamza Saad

Cecilia Bartoli zählt nicht nur zu den derzeit erfolgreichsten Sängerinnen der Klassik und dient mittlerweile als Vorbild für eine gesamte Generation junger Musikerinnen und Musiker. Sie ist auch seit vielen Jahren für ihre außergewöhnlichen Programme bekannt, in denen sie es sich zur Aufgabe gemacht hat, versunkene Schätze der Barockmusik dem Vergessen zu entreißen. Dabei legt sie das Augenmerk nicht nur auf eine perfekte musikalische Interpretation, sondern bietet auch stets eine spannende szenische Umsetzung. In ihrem neuesten Programm, mit dem sie in Begleitung des auf ihre Initiative hin im Frühjahr 2016 im Fürstentum Monaco gegründeten Barockensembles Les Musiciens du Prince unter der Leitung von Gianluca Capuano durch die Konzerthäuser tourt und nun auch in der Philharmonie Essen im Rahmen der beiden Reihen Große Stimmen und Alte Musik bei Kerzenschein Halt macht, widmet sie sich dem Starkastraten Farinelli und seiner Zeit. "Kerzenschein" gibt es an diesem Abend zwar nur von einer einzigen Kerze. Dafür schlüpft Bartoli mit großartiger Verwandlung auf der Bühne in opulente Kostüme und interpretiert teils bekannte und teils vergessene Figuren der Barockmusik, die Farinelli und anderen Stars der Barockszene in die Kehle komponiert worden sind. Die entsprechende Atmosphäre wird im Bühnenhintergrund durch eine Projektion unterstützt, in der das Publikum in den Zuschauersaal eines prunkvollen Opernhauses eintaucht.

Eröffnet wird der Abend von Les Musiciens du Prince - Monaco unter der Leitung von Gianluca Capuano mit der Sinfonia aus Händels Oper Rinaldo, mit der die kometenhafte Karriere des gebürtigen Sachsen in London begann. Währenddessen schiebt ein Diener in einem vornehmen Livree einen Kleiderständer und einen riesigen Theaterkoffer auf die Bühne, der sich ausgeklappt als eine Garderobe entpuppt, in der Bartoli während der folgenden Instrumentalstücke zwischen den Arien die Rollen und Kostüme wechselt. Zu Beginn tritt Bartoli als Mann verkleidet auf und präsentiert zwei Arien von Nicola Porpora, der unter anderem die Karriere Farinellis entscheidend prägte und mit ihm als Zugpferd in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts in London eine so starke Konkurrenz zu Händel bildete, dass dieser sich schließlich von der Oper verabschiedete und dem Oratorium zuwandte. Während die Serenata La festa d'Imeneo zu den eher unbekannten Werken Porporas zählt, war Porporas Oper Polifemo zuletzt bei den Salzburger Pfingstfestspielen in einer bezaubernden Inszenierung von und mit Max Emanuel Cencic zu erleben (siehe auch unsere Rezension). Bartoli hat allerdings nicht die berühmte Arie "Alto Giove" ausgewählt, die vor allem durch den Kinofilm Farinelli von 1994 große Bekanntheit erlangte, sondern "Lusingato dalle speme", in der sich der Hirte Akis (Aci) nach der von ihm geliebten Nymphe Galatea sehnt. Bartoli bezaubert durch eine weiche und geschmeidige Stimmführung, die das Schmachten des Hirten spürbar macht. Großartig zelebriert sie auch die ersten Töne als Hymen in Porporas Serenata. Mit nicht enden wollendem warmem Klang trifft das "Vaghi" den Zuhörer mitten ins Herz. Nach jeder Arie muss man innehalten und möchte eigentlich sofort begeistert applaudieren. Aber das Orchester wählt geschickte Übergänge, die die einzelnen Musikstücke wie aus einem Guss erscheinen lassen.

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Stehende Ovationen für Cecilia Bartoli und Gianluca Capuano mit Les Musiciens du Prince - Monaco

Nach der Ballettmusik aus der Oper Ariodante, die Erinnerungen an die Salzburger Pfingstfestspiele 2017 wecken, als Les Musiciens du Prince - Monaco mit Bartoli in der Titelpartie dort zu erleben waren (siehe auch unsere Rezension), verwandelt sich Bartoli in Epitide, den verbannten Sohn der messenischen Königin Merope, der darunter leidet, dass seine in Messenien gefangen gehaltene Braut Argia und seine Mutter Merope ihn nicht erkennen. Anders als bei den diesjährigen Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, wo die Fassung von Farinellis Bruder Riccardo Broschi zu erleben war (siehe auch unsere Rezension), wählt Bartoli eine Arie von Geminiano Giacomelli, der die Geschichte 1734 für Venedig vertonte und ebenfalls die Partie des Epitide für Farinelli komponierte. Bartoli begeistert mit weichen Tönen, die die innere Zerrissenheit des jungen Mannes und sein Leiden deutlich spürbar machen. Danach verwandelt Bartoli sich in Cleopatra und wird vom Mann zur Femme fatale. Neben einer Arie aus Johann Adolf Hasses Serenata Marc' Antonio e Cleopatra darf natürlich Händels Giulio Cesare in Egitto nicht fehlen, mit dem Bartoli in der Rolle der Cleopatra 2012 ihre erfolgreiche Laufbahn als künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele begann (siehe auch unsere Rezension). Den ersten Teil des Abends beschließt Bartoli mit Porporas Oper Adelaide und einer Arie der Titelfigur. Dabei nutzt sie das etwas längere Konzert D-Dur für Trompete, zwei Oboen, Streicher und Basso continuo von Johann Friedrich Fasch, um ihre Lockenpracht, die zunächst unter zwei verschiedenen Perücken verborgen war, voll zu entfalten und in ein weiteres aufwändiges Kleid zu schlüpfen.

Nach der Pause interpretiert sie zunächst wieder mehrere Hosenrollen. Als Decio aus Leonardo Leos Oper Zenobia in Palmira lässt sie in der Arie "Qual farfalla" die Koloraturen wie den besungenen Schmetterling schwirren, der das Licht umkreist. Kämpferischer präsentiert sie sich dann als Climaco aus Leonardo Vincis Oper Medo, der sich mit einem Hirsch vergleicht, der im Wald von einem Pfeil verwundet wurde und nun auf der Suche nach einem heilenden Kraut ist, das die Wunde verschließt. Nach diesen beiden Arien wendet sich Bartoli dem Oratorium zu und präsentiert die Arie des Abel "Quel buon pastor son io" aus Caldaras La morte d'Abel, ein Werk, das ebenfalls in diesem Jahr bei den Salzburger Pfingstfestspielen zu erleben war. Der Schluss des offiziellen Programms gehört dann Georg Friedrich Händel. Nach weiteren Tanzsuiten aus Ariodante verwandelt sich Bartoli in Rinaldos Geliebte Almirena und fragt die Vögel, wo sich ihr Geliebter befindet. Während der Flötist durch den Saal auftritt und damit den ganzen Zuschauerraum in eine Art Wald verwandelt, lässt Bartoli an einem langen Stab ein kleines Vögelchen zu den lieblichen Klängen durch den Saal fliegen. Auch mit ihrer Stimme fängt sie die Leichtigkeit des Vogelflugs betörend schön ein. Da ist zum Abschluss "What passion cannot Music raise and quell" aus Händels Kantate Ode for St. Cecilia's Day eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Bartoli hat wieder einmal bewiesen, welche Leidenschaft Barockmusik zu wecken vermag. Das Publikum feiert sie und das Orchester mit frenetischem Applaus.

Natürlich lässt das begeisterte Publikum Bartoli nach diesem großartigen Konzert nicht einfach gehen und wird mit insgesamt drei Zugaben belohnt, die allesamt inszeniert werden. Zunächst tritt Bartoli als Ariodante auf. Dazu hat sie den Rock hochgebunden und zeigt darunter ihre schwarze Hose und die hohen Stiefel, um zu demonstrieren, dass sie nun wieder in eine Hosenrolle geschlüpft ist. Um die Männlichkeit weiter zu unterstreichen, zündet sie sich mit Capuano auch noch eine E-Zigarre an und pafft mit ihm bei den beinahe beiläufig hervorsprudelnden Koloraturen zu "Dopo notte" um die Wette. Bei der zweiten Zugabe gibt es dann Händel wohl berühmteste Arie "Lascia ch'io pianga", die man aus Rinaldo kennt, die aber eigentlich aus Händels 1707 für Rom komponiertem Oratorium Il trionfo del Tempo e del Disinganno stammt. Bartoli präsentiert auch die Variante aus dem Oratorium mit dem Text "Lascia la spina", in der das Vergnügen (Piacere) vor den Dornen warnt, die beim Pflücken der Rose die Hand verletzen können. Passend zum Text überreicht Capuano Bartoli auch eine einzelne Rose, die sie zuvor aus einem erhaltenen Strauß an die Mitglieder des Orchesters verteilt hat. Die Begeisterung über die Arie ist so groß, dass in den Orchesterbeginn hineingeklatscht wird. Als "Rausschmeißer" wechselt Bartoli dann noch einmal das Kostüm und tritt in einer weiteren Paraderolle Farinellis mit "Son qual nave ch'agitata" aus Riccardo Broschis Artaserse auf. Dabei lässt sie erneut die Koloraturen nur so sprudeln und weist auf die Uhr, um anzudeuten, dass es nun wirklich Zeit ist, nach Hause zu gehen. Der Diener schließt den Theaterkoffer und schiebt ihn eilig von der Bühne, während Bartoli die roten Federn ihres Kostüms abstreift und hinterhereilt.

FAZIT

Cecilia Bartoli ist es wieder einmal gelungen, mit ihrer wunderbar wandelbaren Stimme und ihrer großartigen Bühnenpräsenz das Publikum zu verzaubern. "What passion cannot Bartoli raise and quell!" möchte man da mit Händel sagen.



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Ausführende

Cecilia Bartoli, Mezzosopran

Les Musiciens du Prince - Monaco

Gianluca Capuano, Musikalische Leitung


Werke

Georg Friedrich Händel
Sinfonia aus der Oper Rinaldo

Nicola Porpora
"Vaghi amori, Grazie amate"
Arie des Hymen aus der Serenata
La festa d'Imeneo

Nicola Porpora
"Lontan dal solo e caro...
Lusingato dalle speme"
Rezitativ und Arie des Akis
aus der Oper Polifemo

Georg Friedrich Händel
"Entrée des songes funestes"
(Auftritt der bösen Träume)
Ballettmusik aus der Oper Ariodante

Geminiano Giacomelli
"Sposa, non mi conosci?"
Arie des Epitide aus der Oper Merope

Johann Adolf Hasse
Sinfonia
aus der Serenata Marc' Antonio e Cleopatra

"Un sol tuo sospiro"
Arie der Cleopatra
aus der Serenata Marc' Antonio e Cleopatra

Georg Friedrich Händel
"V'adoro pupille"
Arie der Cleopatra
aus der Oper Giulio Cesare in Egitto

"Da tempeste il legno infranto"
Arie der Cleopatra
aus der Oper Giulio Cesare in Egitto

Johann Friedrich Fasch
Concerto per tromba
Konzert D-Dur für Trompete, zwei Oboen,
Streicher und Basso continuo
daraus: I. Allegro - III. Allegro

Nicola Porpora
"Nobil onda"
Arie der Adelaide aus der Oper Adelaide

Johann Joachim Quantz
Concerto per flauto
Konzert G-Dur für Flöte, Streicher
und Basso continuo
daraus: I. Allegro assai

Leonardo Leo
"Qual farfalla"
Arie des Decio
aus der Oper Zenobia in Palmira

Leonardo Vinci
"Cervo in bosco"
Arie des Climaco aus der Oper Medo

Antonio Caldara
Sinfonia aus dem Oratorium La morte d'Abel

"Quel buon pastor"
Arie des Abel
aus dem Oratorium La morte d'Abel

Georg Friedrich Händel
Sinfonia - Musette I und II - Allegro - Ballo
Ballettmusik aus der Oper Ariodante

"Augeletti, che cantate"
Arie der Almirena aus der Oper Rinaldo

"What passion cannot Music raise and quell?"
aus der Kantate Ode for St. Cecilia's Day


Weitere Informationen
erhalten Sie von der

Philharmonie Essen
(Homepage)



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