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Camilla Nylund, Sopran - Helmut Deutsch, Klavier


Frauenliebe und -leben



22. Juni 2020, Saalbau Essen, Alfried Krupp Saal
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Philharmonie Essen
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Viel schöner lässt es sich an der Liebe nicht leiden

Von Stefan Schmöe

Ein Programmheft mit den Texten wäre schon hilfreich gewesen - zumindest bei den sieben Liedern von Jean Sibelius, mit denen Camilla Nylund ihren Liederabend beginnt. Sibelius, wie die Sopranistin in Finnland geboren, hat hier wie in den meisten seiner Lieder schwedische Gedichte vertont, die Mehrzahl der hier ausgewählten in den Jahren 1899 - 1902. Aber auch wenn man die Texte nicht versteht: Camilla Nylund macht kleine dramatische Szenen daraus, ohne den Liedcharakter zu sprengen. Sie trifft sehr schön den schmalen Grat zwischen einem lebhaft erzählenden Stil und dem liedhaften Gestus.

Die Stimme ist warm und leuchtend, auch angesichts der inzwischen 52 Lebensjahre immer noch sehr jugendlich, ja durchaus noch eine Spur mädchenhaft. Das Vibrato setzt die Sopranistin sehr gemäßigt ein, im Gestus bleibt die raumgreifende, aber nicht riesige Stimme auch in mühelos bewältigten dramatischen Momenten lyrisch, immer kontrolliert und dem Genre angemessen zurückgenommen. Gelegentlich hört man die versierte Opernsängerin durch, da klingt schon 'mal kurz die Marschallin aus dem Rosenkavalier (die sie kurz vor den Theaterschließungen noch in Berlin gesungen hat - unsere Rezension) oder eine flammende Tannhäuser-Elisabeth an; aber Camilla Nylund interpretiert konsequent aus der Lied-Perspektive, dabei im Detail fein und plastisch nuanciert.

Das "r" rollt sie ein wenig altmodisch, ansonsten sind die Konsonanten sehr zurückgenommen, trotzdem bleibt der Text durch die sorgfältige Artikulation recht gut verständlich. Wichtiger als eine wortgenaue Textausdeutung ist ihr die saubere, nicht abreißende musikalische Linie, wie sie überhaupt eine Überinterpretation vermeidet. Schumanns Zyklus Frauenliebe und -leben wird veredelt durch die gesangliche Linie und Schönheit des Tons, Freud' und Leid quasi gefiltert und abstrahiert durch die Liedkunst, ohne an emotionaler Substanz zu verlieren. Schumann ist eben nicht Mahler, das Drama um Liebe und Tod des geliebten Mannes bleibt im Privaten, verinnerlicht und in Freud' und Leid inniglich. In Richard Strauss' vier Liedern op.27, 1894 für seine Frau Pauline als Hochzeitsgeschenk komponiert, öffnet Camilla Nylund gegenüber den strenger im Ton gehaltenen Schumann-Liedern noch einmal die Farbpalette der Stimme. Zwischen dem wehmütigen Morgen (zwar in der Zählung das letzte der vier Lieder, aber die Reihenfolge ist hier geändert) und der das Programm beschließenden schwärmerisch-jubelnden Cäcilie tut sich da eine immense Bandbreite auf.

Helmut Deutsch ist ein souveräner, überaus anpassungsfähiger und flexibler Begleiter, der sensibel auf die Sängerin reagiert, in der Lautstärke sehr variabel. Ein paar Momente dauert es, bis sich die beiden auf den notgedrungen ziemlich leeren Saal - die Pandemie lässt halt nur wenig Publikum zu - eingestellt haben. Tempi wie Zäsuren sind durchdacht, der melodische Fluss bleibt immer intakt. Großartig das lange Nachspiel in Schumanns Zyklus, das noch einmal die hier erzählte Geschichte in komprimierter Form nachempfindet. Deutsch macht mit ganz kleinen Zäsuren und Verzögerungen hörbar, wie die Erinnerung allmählich bröckelt.

Als Zugaben zu einem sehr eindrucksvollen Liederabend dann noch einmal stilistisch andere Sphären: Wer hat dies Liedlein erdacht aus Gustav Mahlers Wunderhorn-Liedern, als kindlich-verspielte Preziose mit kecken Koloraturen, die die Beweglichkeit der Stimme unterstreichen; dann eine Arie aus Franz Lehárs Goethe-Operette Friederike, mit Leichtigkeit und unsentimental interpretiert, und zum Abschluss Auch kleine Dinge können uns entzücken aus Hugo Wolfs Italienischem Liederbuch, mit schöner Beiläufigkeit gesungen. Man hätte gerne noch viel länger zugehört.




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Ausführende

Camilla Nylund, Sopran
Helmut Deutsch, Klavier


Werke

Jean Sibelius:
"Kaiutar" op.72/4
"Säf, säf, susa" op.36/4
"Demanten pa marssnön" op.36/6
"Var det en dröm" op.37/4
"Arioso" op.3
"Flickan kom" op.37/5
"Svarta rosor" op.36/1

Robert Schumann:
"Frauenliebe und -leben", op. 42

Richard Strauss:
"Heimliche Aufforderung", op. 27 Nr. 3
"Ruhe, meine Seele", op. 27 Nr. 1
"Morgen", op. 27 Nr. 4
"Cäcilie", op. 27 Nr. 2

Zugaben:

Gustav Mahler:
"Wer hat das Liedlein erdacht"
aus Des Knaben Wunderhorn

Franz Lehár:
"Warum hast Du mich wach geküsst?"
aus dem Singspiel Friederike

Hugo Wolf:
"Auch kleine Dinge können uns entzücken"
aus dem Italienischen Liederbuch



Weitere Informationen:

Philharmonie Essen



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