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Berliner Philharmoniker
Kirill Petrenko





19. Februar 2020, Philharmonie Köln


Philharmonie Köln
(Homepage)

Symphonisch gebändigte Tanzmusik

Von Stefan Schmöe

Mit so einem Programm bekommt nicht jeder die Kölner Philharmonie voll: Strawinsky, Zimmermann, Rachmaninow (und nicht mal eines seiner Klavierkonzerte). Aber die Berliner Philharmoniker sind eben nicht irgendein Orchester, zumal durch ihrem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko das Interesse nochmals gesteigert sein dürfte. Da hat es sicher programmatischen Charakter, eben nicht mit Beethoven im Gepäck auf Tour zu gehen (wie die Wiener Konkurrenz, die demnächst am Rhein gastieren wird). Stattdessen dient der Tanz als verbindendes Moment zwischen drei Kompositionen im relativ engen zeitlichen Umfeld, entstanden sind die Kompositionen allesamt zwischen 1940 und 1955. Also Vorsicht: Tanzmusik im engeren Sinne ist da nicht zu erwarten. Vielmehr geben Tanzformen die formalen Muster für die gespielten Kompositionen.

Den Auftakt macht Igor Strawinskys Symphony in Three Movements, komponiert zwischen 1942 und 1945 im amerikanischen Exil. Ob die Erfahrungen des Weltkriegs in die Musik eingeflossen sind, darüber lässt sich streiten; aber Strawinsky hatte bereits mit dem Choreographen George Balanchine zusammengearbeitet, der das Ballett in neoklassizistische Abstraktion führte, Schönheit an sich - was sich umgekehrt in Strawinskys Musik niederschlug. Raffiniert und vielschichtig, gleichzeitig streng gearbeitet, sind alle Emotionen versachlicht, selbst das tänzerische Element hat die Unmittelbarkeit preisgegeben - Kopfmusik, wenn auch nicht ohne Sinnlichkeit. Petrenko versucht den Spagat, einerseits die Strenge der Musik vorzuführen, gleichzeitig die mitunter etüdenhafte Motorik federnd aufzufangen und dabei Witz und Ironie aufzuzeigen. Das gelingt recht gut; man staunt immer wieder über die Virtuosität des Orchesters, die Ausgewogenheit der Instrumentengruppen, die selbstbewusste Präsenz der Holzbläser, die brillante Attacke des Schlagwerks (das nie lärmend wird). Weder erscheint die Musik zu unterkühlt, noch wird sie unnötig aufgebauscht oder in Hochglanz verpackt. Aber sie lässt den Hörer merkwürdig unbeteiligt. Vielleicht machen die Berliner einfach zu viel richtig. Man sitzt staunend vor diesem Koloss: Tja, sehr schön. Und freut sich auf das nächste Werk.

Dazu unten mehr, erst einmal zum letzten Werk des Abends. Hatte sich Strawinsky kryptisch über den Zusammenhang zwischen seiner Symphonie und der "schwierigen Zeit" geäußert, so wird Sergej Rachmaninow in seinen Symphonischen Tänzen aus dem Kriegsjahr 1940, ebenfalls in den USA komponiert, ziemlich konkret: Er zitiert im dritten Satz das , die mittelalterliche signalhafte Sequenz der Totenmesse. So wird der Tanz zum Totentanz. So fern von Strawinsky liegt er damit aber nicht; die Tonsprache ist gegenüber früheren Werken versachlicht, da mag der neun Jahre jüngere Strawinsky Vorbild gewesen sein. Es war Rachmaninows letzte Komposition, und spätromantischer Ballast ist weitgehend abgeworfen. Bei Petrenko wird das tänzerische Moment keineswegs überbetont, das Werk bekommt durchaus den Charakter einer dreisätzigen Symphonie. Petrenko lässt energiegeladen, aber nicht schroff spielen, vielleicht eine Spur zu konventionell. Das Klangbild ist rund, das Blech sehr präsent, aber nicht scharf und herausstechend, alles sehr kultiviert. Durchaus spannend, dass nur einen Tag nach diesem Konzert mit Teodor Currentzis (mit dem SWR Symphonieorchester) ein anderer Superstar der aktuellen Dirigentenszene zu Gast in der Kölner Philharmonie ist (zu unserer Rezension des Konzerts in Essen zwei Tage zuvor). Setzt Currentzis, so der Höreindruck, das Klangbild aus vielen Einzelklängen zusammen, so scheint Petrenko "sein" Orchester eher als ein großes Instrument mit vielen Facetten zu verstehen, traditionsverhafteter, nicht so spektakulär in den Überraschungseffekten. Weniger eigenwillig.

Zaubern kann Petrenko freilich auch. Zwischen den in Russland geborenen Emigranten Strawinsky und Rachmaninow hatte der Rheinländer Bernd Alois Zimmermann in Köln ein Heimspiel. Seine fünfsätzige Ballett-Suite Caprichos Brasileiros (komponiert zwischen 1950 und 1955) ist ein schillerndes, durchaus folkloristisch inspiriertes Werk für Riesenorchester, und es ist großartig, wie Petrenko aus einer Tutti-Klangentladung mit größter Selbstverständlichkeit in ein Piano überleitet, in dem plötzlich Cembalo oder Gitarre den Ton angeben. Zimmermann hat nachträglich mit dem Titel Alagoana auf einen indianischen Mythos um Tod, Unsterblichkeit und Liebe verwiesen und damit zusätzliche Bedeutungsschwere hinzugefügt, die man als Subtext (und nicht als Programm) verstehen sollte. Die Berliner Philharmoniker musizieren ungemein lustvoll, die aberwitzigen Wendungen gelingen unmittelbar mitreißend - nach dem strengen Strawinsky klingen die Caprichos keineswegs leichtgewichtig (im Zentrum steht mit Saudade ein beklemmend zersplitterter Satz), aber Zimmermann spricht den Hörer bei aller (gemäßigter) Modernität direkter an und wird hier zum Höhepunkt des Abends.

Eine Zugabe? Da böte sich angesichts eines Programms, das um Formen des Tanzes kreist, allerlei Bewährtes (oder auch Unbekanntes) an, aber Petrenko mochte nicht. Also keine Zugabe.




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Ausführende

Berliner Philharmoniker

Leitung: Kirill Petrenko


Werke

Igor Strawinsky:
Symphony in Three Movements (194245)

Bernd Alois Zimmermann:
Alagoana -
Caprichos Brasileiros
Ballett-Suite für Orchester (195055)

Sergej Rachmaninow:
Sinfonische Tänze
für Orchester op. 45 (1940)



Weitere Informationen:

Philharmonie Köln



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