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Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble
Dirigent: Thomas Hengelbrock

Katharina Konradi, Sopran
Matthias Goerne, Bariton

Werke von Johannes Brahms und Johann Strauß (Sohn)

Aufführungen im Festspielhaus Baden-Baden am 31. Oktober 2020 und 1. November 2020

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Festspielhaus Baden-Baden
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Die Seele berührt und das Herz erfreut

Von Christoph Wurzel / Foto: © Florence Grandidier

Vom tragischen Ernst des Brahms-Requiem bis zu der unbeschwerten Leichtigkeit in den Walzerliedern von Johann Strauß ist es ein weiter Weg. Aber diesen Spagat bewältigten die Balthasar-Neumann-Ensembles (Orchester und Chor) in ihren beiden Baden-Badener Konzerten unter der Leitung von Thomas Hengelbrock zusammen mit den zwei Gesangssolisten mit Bravour. Was Musik an Emotionen nur hervorzurufen vermag, wurde hier intensiv spürbar, am Beginn einer Zeit neuerlicher Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit, der Lebensfreude und nicht zuletzt der Teilhabe an der Kultur. Es waren die letzten Konzerte im Baden-Badener Festspielhaus, das nun aufgrund der Unkalkulierbarkeit infolge der Corona-Schutzmaßnahmen bis zum Jahresende seinen Spielbetrieb einstellt, aber, wie Intendant Benedikt Stampa in einer kurzen, dennoch hoffnungsvollen Ansprache an das Publikum betonte, damit nur eine "Fermate" einlegt. Angesichts der hier mit größter Sorgfalt durchgeführten Hygienemaßnahmen (inklusive Fiebermessung) war bei allem Respekt für die Notwendigkeit derartiger Maßregeln dennoch im Publikum eine nicht geringe Enttäuschung darüber zu spüren, dass es die Konzert- und Opernhäuser mit der pauschal verfügten Schließung so hart getroffen hat.

Es war, als spielten die Musikerinnen und Musiker in diesen Konzerten mit besonderem Engagement gegen derartige Frustrationen an. Jedenfalls war das von Hengelbrock eigens für diese Konzerte zusammengestellte Programm mit großem Bedacht gewählt - ein Spannungsbogen zwischen Trauer, Trost,  Zuversicht und Freude, den Brahms' Deutsches Requiem gleichsam als musikalische Trauerarbeit durchmisst. Vom ersten Satz "Selig sind, die da Leid tragen" bis zur nochmals bekräftigten Seligpreisung am Schluss "Selig sind die Toten" durchzog die Interpretation erhabener Ernst und trostvolle Ruhe. Die Musik hatte dabei keine Schwere, sondern eine blühende Farbigkeit. Mit dem transparenten Orchesterspiel verband sich der homogen singende Chor immer wieder zu einem schwebenden Gesamtklang, Text und Musik verwoben zu einer harmonischen Einheit wie in der Textzeile "Sie kommen mit Freuden" im ersten Satz, als  der Chor geradezu aufjauchzte oder dem abschließenden "Selig, selig", das in den sanften Arpeggien der Harfen wie in eine andere Welt hinüberzuschweben schien. Sensibel artikuliert und transparent ausgeprägt war das Klangbild im Orchester, mit großer Textverständlichkeit sang der Chor auch an den vom Komponisten polyphon angelegten Stellen.

Wesentlich trugen die beiden Gesangssolisten zu diesem Eindruck bei. Mit ihrem schlanken, hellen Sopran war Katharina Konradi geradezu prädestiniert für die Rolle einer gleichsam himmlischen Trösterin. "Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch trösten". Brahms folgt nicht dem liturgischen Ablauf einer Totenmesse, wie alle Requiem-Vertonungen vor ihm, sondern richtet sich mit seiner persönlichen Auswahl kontemplativer Ausschnitte aus der Bibel  bewusst an die Lebenden, die solchen Trostes bedürfen. Wie die Sängerin diese Worte mit empathischer Gestaltung ausfüllte, konnte angesichts der irritierenden Realität dieser Tage mit ihrer anhaltenden Bedrohung von Leben und Gesundheit auf ganz besondere Weise berühren. Mit gleichsam gestischem Ausdruck widmete sich Matthias Goerne seinem Part. Als profilierter Liedsänger vermied er jedes Pathos ("Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss"), sondern sang eindringlich, mit intensiver Textausdeutung und stimmlich wohltönend diese Mahnung an das Bewusstwerden der Endlichkeit allen Lebens und der Vergeblichkeit materiellen Strebens. Auch über jeden religiösen Bezug hinaus mögen diese Worte niemanden im Publikum unberührt gelassen haben.

Wenn an nur wenigen Stellen der musikalische Duktus den ruhigen Fluss der Gedanken verlässt und zu expressiver Kraft auffährt - im 2.Satz "Denn alles Fleisch, es ist wie Gras" oder im 6.Satz "Tod, wo ist dein Stachel, wo ist dein Sieg!" - , steigerte Hengelbrock Chor und Orchester zu heftigem Aufbäumen in dramatischer Wucht, was im größten Kontrast zum übrigen Klanggeschehen umso bezwingender wirkte. Niemand im Publikum konnte nach dieser Aufführung gleichgültig bleiben. Eine lange Weile noch spürten alle am Schluss den verklingenden Akkorden nach, eher sich der verdiente Beifall erhob.

Bild zum VergrößernAm folgenden Tag präsentierten Hengelbrock und seine Musikerinnen und Musiker, die sich während der Proben übrigens regelmäßigen Covid-Tests unterzogen und in eine Art kollektiver Quarantäne begeben hatten, überwiegend die leichteren, heiteren Seiten ihres Programms, das Brahms' 3. Sinfonie  mit zwei Operettenliedern von Johann Strauß (Sohn) und einem seiner späten Walzer "Seid umschlungen, Millionen" verband, den Strauß in gegenseitiger Verehrung Johannes Brahms gewidmet hatte. Nach der intensiven Besinnlichkeit des Vorabends klang in dieser Matinee bereits mit dem Lied "Draußen in Sievering blüht schon der Flieder" der Aufbruch zu Neuem an. Wie auch am Vorabend schlüpfte Katharina Konradi stimmlich perfekt in ihre Rolle, nun als junge Tänzerin Fanny Elsler mit ihrem Lied aus der gleichnamigen Operette von Strauß. Elegant und mit dezent erotischer Verführungskunst ("So eine Frühlingsnacht kommt nicht bald wieder") rehabilitierte die Sängerin mit ihrer äußerst geschmackvollen Präsentation dieses oftmals zum Kitsch  verkommene Wienerlied. Mit schwärmerischer Emphase gelang ihr die mitreißende Interpretation der Auftrittsarie der Gräfin aus der Strauß-Operette Wiener Blut. Dem Walzer "Seid umschlungen, Millionen" beließ Hengelbrock in der beschaulichen Introduktion mit den von den Holzbläsern imitierten Vogelstimmen eine zart durchscheinende Melancholie, die sich im Walzerthema in eine abgeklärte Leichtigkeit auflöste. Das Balthasar-Neumann-Ensemble konnte, ohne das Wiener Kolorit etwa der Neujahrskonzerte imitieren zu wollen, viel vom erfrischenden Esprit des Walzerkönigs zum Klingen bringen.

In Brahms' F-Dur-Sinfonie Nr. 3 zeigten Orchester und Dirigent nochmals besonders ihre hohe Kunst des transparenten Musizierens. Auch hier war die vielen Brahms-Interpretationen eigene drückende Schwere vergessen, fast kammermusikalische Klarheit paarte sich mit dem präsenten Klang der Einzelstimmen. Besonders im 3. Satz kam der Charakter dieses tänzerischen Allegrettos besonders schön zur Geltung, obwohl in der Hörnergruppe jemand nicht seinen besten Tag hatte. Energiegeladen ging Hengelbrock den 4. Satz an, in seinen motivischen Verknüpfungen zu den vorausgegangenen Sätzen stets klar strukturiert und ausgewogen. Im zarten Pianissimo der Schlusscoda lenkte die Musik nochmals in die Nachdenklichkeit zurück über den Strauß-Walzer bis hin zu den Klängen des Deutschen Requiems am Abend zuvor. Beide Seiten, leise Schwermut und sprühende Lebensfreude, waren nochmals vereint in der Zugabe, dem Ungarischen Tanz Nr. 4 in fis-Moll.

 


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Ausführende

Balthasar-Neumann-Chor
Balthasar-Neumann -Ensemble
Leitung: Thomas Hengelbrock

Katharina Konradi, Sopran
Matthias Goerne, Bariton

 

Programm

31. Oktober 2020
Johannes Brahms
Ein deutsches Requiem op. 45
nach Worten der Heiligen Schrift
für Sopran, Bariton, Chor und Orchester



1. November 2020
Johann Strauß (Sohn)
"Seid umschlungen, Millionen"
Walzer op. 443,
Johannes Brahms gewidmet

"Draußen in Sievering blüht schon der Flieder"
Wienerlied aus der Operette
Die Tänzerin Fanny Elßler

"Sei mir gegrüßt, mein liebes Nest"
aus der Operette Wiener Blut

Johannes Brahms
Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90

 

 

 


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Festspielhaus Baden-Baden
www.festspielhaus.de/



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