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Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble
Leitung: Thomas Hengelbrock


Joseph Haydn: Die Schöpfung



3. September 2020, Konzerthaus Dortmund - Festliche Saisoneröffnung
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Konzerthaus Dortmund (Homepage)
Die Erfindung der Welt aus dem Geist der Musik

Von Stefan Schmöe / Fotios von Björn Wøll

Das ist ein in der Musikgeschichte wohl unvergleichliches C-Dur, mit dem Haydn es Licht werden lässt, stellvertretend für den Schöpfer. Licht und Dunkelheit: In arg strapazierter Metaphorik war viel davon zu hören rund um dieses erste große Chorkonzert in der Düsternis der Chorona-Pandemie, für das die Musikerinnen und Musiker sich zuvor in die Isolation begeben hatten und mit mehrfachen Tests ihre Gesundheit attestieren ließen - um ohne Sicherheitsabstand untereinander in gewohnter Formation auftreten zu dürfen. Rafael von Hoensbroech, Intendant des Dortmunder Konzerthauses, war dann auch sichtlich bewegt bei den Begrüßungsworten, und auch Thomas Hengelbrock sprach am Ende der Aufführung die Erleichterung und Dankbarkeit darüber aus, wieder vor Publikum musizieren zu können. Haydns Oratorium Die Schöpfung wird so zum Schöpfungs-Akt für den kulturellen Neustart.

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Selbst wenn einem das ein bisschen viel an Überbau ist, so war doch schnell zu merken: Kunst bewegt sich nicht im kontextfreien Raum, und natürlich schärft die Situation Geist und Sinne für entsprechende Deutungsmuster. "Und eine neue Welt entspringt auf Gottes Wort" - die staunende, Intensität, mit der der vorzügliche Balthasar-Neumann-Chor diese Worte singt, unterlegt mit den schillernden Figuren der Holzbläser, öffnete ganz unmittelbar Räume und Welten, die in den vergangenen Monaten weitgehend verschlossen waren, und weil die Aufführung an vielen Stellen gerade der kleinen Geste huldigt, berühren solche Momente ungemein. Die hymnisch strahlenden Passagen gibt es auch und die werden kraftvoll (aber nie triumphierend) musiziert. Aber die kleinen Figuren fast am Rande, die leisen Töne, der humanistische Geist der holzbläsersatten Zauberflöte, die sind das eigentlich Bewegende. Die Schöpfung wird nicht zum Monumentalportrait Gottes, sondern zum kleinteiligen, sorgsam durchgestalteten Meisterwerk. "Schöpfung" meint da weniger den Akt des Erschaffens, sondern das Erschaffene. Denn letztendlich feiert sich der schaffende Künstler hier selbst, im Lichte der Aufklärung (um die Metapher mal wieder einzuwerfen).

Auf ganz wunderbare Weise gelingt es dem Bassisten Florian Boesch, als Engel Raphael ein hinreißender musikalischer Erzähler mit subtil durchdachter Deklamation und unglaublich nuancierter Ausgestaltung, den Gestus der Aufführung auf den Punkt zu bringen. "Und Gott sah, dass es gut war": Boesch nimmt die Phrase zurück, mit leichtem, fast heiterem Zögern. Es muss ein sehr freundlicher, so paradox es klingt: demütiger Gott sein, der so spricht, sicherlich mit sanftem Lächeln. Tenor Julian Prégardien singt den Uriel mit liedhaftem Gestus, und war man vom instrumentalen Sonnenaufgang schon hingerissen, so hat man den Mond wohl noch nie so grandios still aufgehen hören - Prégardien gestaltet das im allerleisesten, faszinierenden Pianissimo. Sopranistin Robin Johannsen kann dieses hohe vokale Niveau nicht ganz halten, auch weil sie deutlich opernhafter singt als ihre männlichen Kollegen, dabei brilliert sie mit virtuosen Koloraturen - aber die Textausgestaltung ist sehr viel pauschaler als bei Prégardien und Boesch. Das Menschenpaar Adam und Eva wird von André Morsch (unprätentiös solide, aber ein wenig unscheinbar) und Katja Stuber (jugendlich strahlend) gesungen.

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Der Balthasar-Neumann-Chor ist überragend in der Gestaltung der leisen Passagen, in der Phrasierung, dem sorgfältigen Abstufen der Lautstärken. Die Jubelchöre behalten eine tänzerische Leichtigkeit, Dirigent Thomas Hengelbrock arbeitet mit flott bewegten Tempi einer oratorischen Statik entgegen. Ein wenig scheint sich die Instrumentalisten des Balthasar-Neumann-Ensembles zunächst einhören zu müssen. Nun ist der Beginn der Schöpfung ja durchaus tückisch, wenn Haydn ziemlich genial eine musikalische Form für die noch ungeformte Welt sucht. Die harmonische Unbestimmtheit war zu Anfang noch von einer Unschärfe überlagert, und dass bei einem der ersten Forte-Akkorde prompt eine Violinsaite riss, das war irgendwie auch symbolisch für die Anspannung vor diesem Konzert. An vereinzelten Stellen fehlt vielleicht noch der letzte Rest an Selbstverständlichkeit im Zusammenspiel nach der Zwangspause. Aber vieles gelang betörend, luftig leicht, im Originalklang mit intimem Charme.

Die Pause zwischen dem zweiten und dritten Teil des Oratoriums hätte es nicht gebraucht, aber das Konzerthaus Dortmund hatte sich wohl zum Ziel gesetzt, ein "komplettes" Konzert mit Pause und Pausenbewirtung (in abgetrennten Bereichen) zu stemmen - dem Augenschein nach mit Erfolg, weder kam es zu dicht stehenden Menschentrauben noch zu langem Warten. Am Ende dann stehende Ovationen und sogar noch eine Zugabe. Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie Dich behüten auf allen Deinen Wegen", von Felix Mendelssohn-Bartholdy, aus dem Elias, vom ganzen Chor (und nicht von solistischer Besetzung) gesungen. Auch hier: Zurückgenommener, verinnerlichter Gestus, überaus sensible Abstufung des Klangs, Leichtigkeit und Beweglichkeit. Eine aus vielen Gründen denkwürdige Saisoneröffnung.




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Ausführende

Gabriel
Robin Johannsen

Uriel
Julian Prégardien

Raphael
Florian Boesch

Adam
André Morsch

Eva
Katja Stuber

Balthasar-Neumann-Chor
Balthasar-Neumann-Ensemble

Leitung: Thomas Hengelbrock


Werke

Joseph Haydn::
Die Schöpfung
Oratorium für Solisten,
Chor und Orchester Hob. XXI:2



Weitere Informationen:

Konzerthaus Dortmund



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